Nscale: Großkunde Microsoft springt vor dem IPO ab, Bewertung wackelt
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Erst fehlte der Strom, jetzt fehlt auch der Mieter: Microsoft ist als Ankermieter aus dem ersten britischen Rechenzentrum von Nscale im englischen Loughton ausgestiegen, wie der Telegraph berichtet. Nscale gilt als Europas größte Hoffnung im KI-Infrastrukturgeschäft, und für das Unternehmen kommt der Rückschlag zur Unzeit. Es will in New York an die Börse, doch die Investor:innen zweifeln schon an der angepeilten Bewertung.
Kein Strom bis in die 2030er
Microsoft hätte in Loughton in der Grafschaft Essex 23.000 KI-Chips von Nvidia mieten sollen und war der einzige angekündigte Kunde des Standorts. Der Deal war Teil jener Milliardeninvestitionen in Großbritannien, die Microsoft im Vorjahr rund um den Staatsbesuch von Donald Trump zugesagt hatte. Ursprünglich sollte das Rechenzentrum kommendes Jahr in Betrieb gehen. Die Netzbetreiber haben Nscale laut Telegraph aber mitgeteilt, dass sie eine Stromversorgung erst in den 2030er-Jahren erwarten. Microsoft wollte den Ausstieg nicht kommentieren.
Nscale betont, man halte am Projekt und am Standort Großbritannien fest und prüfe alternative Stromquellen. Die Beziehung zu Microsoft sei stark und langfristig, das „Londoner Netzproblem“ habe keine Auswirkungen auf andere Verträge. Das ist für Nscale entscheidend: Microsoft steht laut Telegraph für mehr als 40 Prozent des gesamten Auftragsbestands. Der zweite Großkunde ist Anthropic. Es ist bereits der zweite Rückschlag in Großbritannien: Im Frühjahr hatte OpenAI ein geplantes „Stargate“-Rechenzentrum mit Nscale im Nordosten Englands auf Eis gelegt und dabei auf die hohen britischen Strompreise verwiesen.
Bewertung unter Druck
Der Zeitpunkt ist heikel. Nscale hat im September bei der US-Börsenaufsicht SEC seinen Börsenprospekt eingereicht und will unter dem Kürzel NSCL an der New York Stock Exchange notieren. Angepeilt war eine Bewertung von rund 30 Milliarden Dollar (rund 27 Milliarden Euro). Laut Bloomberg halten manche Investor:innen aber nur 16 bis 19 Milliarden Dollar (rund 14 bis 17 Milliarden Euro) für angemessen. In der letzten privaten Finanzierungsrunde lag die Bewertung bei 14,6 Milliarden Dollar. Entschieden ist noch nichts: Nscale arbeitet noch Anmerkungen der SEC ab und hat die eigentliche Vermarktung der Aktien noch nicht gestartet.
Die Zahlen aus dem Prospekt erklären die Skepsis. Im ersten Halbjahr setzte Nscale 140,6 Millionen Dollar um, der Nettoverlust lag bei rund einer Milliarde Dollar. Der Auftragsbestand beläuft sich auf 103 Milliarden Dollar (rund 92 Milliarden Euro), davon entfallen aber nur 2,6 Milliarden auf bereits laufende Verträge. Der Rest ist Kapazität, die erst gebaut werden muss. Loughton zeigt, wo das Risiko liegt: Ein unterschriebener Vertrag bringt wenig, wenn das Rechenzentrum keinen Strom bekommt.
Die ganze Branche wackelt
Nscale steht mit seinen Problemen nicht allein da. Erst kürzlich hat der australische Rechenzentrumsbetreiber Firmus seinen Börsengang abgeblasen und dabei auf die Marktlage verwiesen. Laut The Information rechnen Branchenmanager:innen damit, dass von den Hunderten sogenannten Neoclouds, also spezialisierten Anbietern von KI-Rechenleistung, am Ende nur sieben bis zehn überleben. Nvidia stützt viele von ihnen mit Krediten und Leasingverträgen, auch an Nscale ist der Chipkonzern beteiligt.
In Europa konkurriert Nscale unter anderem mit Nebius aus Amsterdam, das bereits an der Nasdaq notiert, und der finnischen Verda, die kürzlich zum Unicorn wurde. Mistral baut mit Mistral Compute eigene Rechenzentren in Frankreich auf.
An Fürsprecher:innen mangelt es Nscale trotzdem nicht. Nvidia-Chef Jensen Huang lobte das Unternehmen bei einem Auftritt in London überschwänglich: „Ihr könntet das wertvollste britische Startup der vergangenen zehn Jahre werden.“ Im Verwaltungsrat sitzen mit Sheryl Sandberg und Nick Clegg zwei frühere Meta-Topmanager:innen.

