Sona8: Ex-Consultants schaffen es mit KI-Interviews zu Y Combinator
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Statt ein paar Dutzend Interviews mit Dolmetscher:innen und einem Foliensatz am Ende spricht jetzt die KI mit der ganzen Belegschaft: Das Startup Sona8, gegründet von ehemaligen Berater:innen von BCG und McKinsey, hat es in den aktuellen Jahrgang von Y Combinator geschafft. Mit KI-Sprachagenten will das Team in Unternehmen herausfinden, wie Arbeit tatsächlich abläuft, und daraus die Wissensbasis für die nächste Generation von KI-Automatisierung bauen.
Interviews mit der ganzen Belegschaft
Die Idee entstand bei gemeinsamen BCG-Projekten von CEO Anton Hantel und CPO Thilo Tamme. „Warum immer nur einige Dutzend Mitarbeitende interviewen, wenn eine KI mit allen sprechen könnte“, beschreibt Hantel den Ausgangspunkt gegenüber Trending Topics.
So funktioniert Sona8:
- Fragestellung wählen: Unternehmen legen fest, was sie verbessern oder automatisieren wollen, etwa die Erstellung von Angeboten im Vertrieb oder die Abläufe vor einer KI-Einführung, und wählen die Mitarbeitenden aus.
- Gespräch mit dem Voice Agent: Alle Mitarbeitenden bekommen einen Link und sprechen rund 20 Minuten lang in ihrer eigenen Sprache mit einem KI-Sprachagenten über ihre Arbeit. Der Agent hakt nach, etwa warum ein Schritt immer noch händisch erledigt wird oder wer sonst noch beteiligt ist.
- Ergebnisse nutzen: Aus den Gesprächen entstehen Prozesskarten und eine Liste der geschilderten Probleme, aufgeschlüsselt nach Standorten und Teams, dazu konkrete Empfehlungen zur Optimierung und Automatisierung.
- Umsetzung begleiten: Nach jeder Maßnahme meldet sich der Agent wieder bei den betroffenen Mitarbeitenden und fragt, ob sie umgesetzt wurde und was sich verändert hat. Das Ergebnis ist laut Sona8 eine Art Projektmanagement-Büro, das mit allen Mitarbeitenden gesprochen hat.
Beratungen kaufen Sona8 heute vor allem für die Stakeholder-Interviews zu Beginn eines Projekts, die sonst einen großen Teil der Projektzeit fressen und trotzdem nur einen Bruchteil der Betroffenen erreichen. Transformations- und Corporate-Development-Teams nutzen es, um die Umsetzung von Veränderungsprogrammen zu steuern.
Laut eigenen Angaben hat Sona8 bereits mehr als 10.000 Interviews mit Mitarbeitenden ermöglicht. Zu den Kund:innen zählt eine der drei großen Unternehmensberatungen.
Datenschutz als heikler Punkt
Wenn Mitarbeitende einer KI von internen Abläufen erzählen, landen schnell Betriebsgeheimnisse und heikle Informationen im System. „Mitarbeitende sprechen bei uns über interne Abläufe, entsprechend sensibel behandeln wir die Daten“, sagt Hantel. Die Teilnahme sei freiwillig, Ergebnisse würden anonymisiert und nach Teams oder Standorten zusammengeführt. Vor jedem Einsatz kläre man mit dem Unternehmen, welche Informationen erhoben werden, wer darauf zugreifen darf und wie sie genutzt werden. „Datenschutz, Security und Mitbestimmung haben unser Produkt von Anfang an geprägt.“
Der Weg in die Konzerne führt über Beratungen
Beim Vertrieb setzt Sona8 auf die Welt, aus der die Gründer:innen kommen. „Wir starten mit Beratungen und deren Kunden sowie Strategie- und Transformationsteams großer Unternehmen, deren Bedarf wir aus eigener Erfahrung kennen“, so Hantel. Der Einstieg sei ein konkretes Projekt, etwa eine Prozessdiagnose oder ein KI-Rollout, daraus solle eine laufende Nutzung werden. Beratungen seien zusätzlich ein Multiplikator, weil sie Sona8 in verschiedenen Kundenprojekten einsetzen können. Die ersten Kund:innen kamen über das eigene Netzwerk, nun baut das Team von San Francisco aus den US-Markt auf.
Beim Preismodell kombiniert Sona8 eine Plattformgebühr mit nutzungsabhängigen Komponenten, etwa für Interviews und für Abfragen durch andere KI-Tools. „Wir glauben, dass Pricing stärker an der Nutzung und dem Wert der erledigten Arbeit hängen wird“, sagt Hantel. „Compute ist dabei ein Kostenfaktor, für Kunden zählt aber vor allem, welche Aufgabe gelöst wird und welchen Nutzen das bringt.“
Die Vision: Kontext für KI-Agenten
Langfristig soll Sona8 mehr sein als ein Befragungstool. Die Gründer:innen gehen davon aus, dass Unternehmen in den nächsten Jahren viele KI-Agenten und Automatisierungstools ausprobieren werden. Jedes davon müsse wissen, wie die Arbeit tatsächlich erledigt wird, bevor es etwas verändert, und das meiste davon sei nirgends aufgeschrieben. Ergänzt um Daten aus Slack, E-Mails und bestehenden Unternehmenssystemen soll Sona8 zu einem „Context Layer“ werden, auf den andere KI-Tools über Schnittstellen zugreifen. Wechselt ein Unternehmen das Tool, bleibt der Kontext erhalten.
Sona8 soll dafür die Systeme lesen, die ein Unternehmen ohnehin nutzt, sie mit den Aussagen der Mitarbeitenden verknüpfen und das Bild durch erneutes Nachfragen aktuell halten. Vor einer Entscheidung könnte das Management dann fragen, was sie über Standorte und Teams hinweg bewirken würde, und eine Antwort aus dem gesamten Unternehmen bekommen. So könne ein kleines Team ein unternehmensweites Programm steuern, für das es früher ein großes gebraucht hätte. Und KI-Agenten im Unternehmen sollen zuerst bei Sona8 nachsehen, wie die Arbeit erledigt wird, bevor sie etwas verändern.
Das Team hinter Sona8
Gegründet wurde Sona8 heuer in San Francisco. Neben Y Combinator investierten Business Angels in einer kleinen Runde, insgesamt sammelte das Startup mehr als 500.000 US-Dollar (rund 427.000 Euro) ein. Das Team:
- Anton Hantel (CEO): Zuvor bei der Boston Consulting Group in Wien, hat sein MBA-Studium am MIT für Sona8 abgebrochen. Er verantwortet Vertrieb, Fundraising und Unternehmensaufbau.
- Thilo Tamme (CPO): Zuvor Project Lead bei BCG X und Forschung zu Conversational AI an der TU München, Promotion für Sona8 abgebrochen.
- Madeleine Malmsten (CTO): Hat sich das Programmieren selbst beigebracht und es ohne High-School-Abschluss bis zur Principal Engineer bei McKinsey QuantumBlack geschafft.
- Jakob Schepers (Founding Engineer): Informatik-Masterstudent an der TU München, zuvor in der IT von Volkswagen.
Konkurrenz von Interview-KI bis Process Mining
Ganz allein ist Sona8 mit der Idee nicht. Das US-Startup Listen Labs führt ebenfalls KI-gestützte Interviews durch, konzentriert sich aber auf Kund:innen statt auf Mitarbeitende und sammelte Anfang des Jahres 69 Millionen Dollar in einer Series B ein. Beim Verstehen von Unternehmensprozessen wiederum ist das Münchner Process-Mining-Dekacorn Celonis seit Jahren etabliert, setzt dabei aber auf Daten aus IT-Systemen statt auf Gespräche mit der Belegschaft.

