USA werfen Moonshot AI vor, Kimi K3 von Anthropic’s Fable 5 destilliert zu haben
Der Wissenschaftsberater von US-Präsident Donald Trump beschuldigt das chinesische AI-Startup Moonshot AI, sein neues Modell Kimi K3 in großem Stil aus Anthropics Spitzenmodell Fable „destilliert“ und dafür auch gesperrte Nvidia-Chips genutzt zu haben. Es ist der bislang schärfste Vorwurf einer ganzen Serie – während Anthropic selbst gerade einen Copyright-Vergleich über 1,5 Milliarden Dollar abschließt.
Was der Trump-Berater konkret vorwirft
Michael Kratsios, Direktor des Office of Science and Technology Policy (OSTP) im Weißen Haus, erklärte am Mittwoch auf X, die US-Regierung habe Informationen, wonach Moonshot AI Anthropics Modell Fable für die Entwicklung von Kimi K3 destilliert habe. Das Pekinger Unternehmen habe dafür eine ausgefeilte interne Plattform aufgebaut, um Distillation im großen Stil gegen US-Modelle durchzuführen und dabei laufend zwischen verschiedenen Zugangswegen zu wechseln, um einer Entdeckung zu entgehen.
Ob das zeitlich realistisch ist, ist fraglich. Fable 5 von Anthropic ist 9. Juni 2026 erschienen, Kimi K3 etwa einen Monat später am 16. Juli 2026. Moonshot AI wäre also lediglich 4 Wochen geblieben, um die Destillation durchzuführen.
Zweiter Vorwurf: Hardware. Moonshot habe Server mit Nvidias GB300-Systemen der Blackwell-Generation beschafft und zusätzlich auf GB300-Kapazitäten in Thailand zugegriffen – vermutlich, um damit Modelle zu trainieren. Der Verkauf dieser Chips an chinesische Unternehmen ist untersagt; Washington hat den Export der leistungsfähigsten Nvidia-Beschleuniger 2022 erstmals beschränkt und die Kontrollen seither mehrfach verschärft. Kratsios grenzte in seinem Posting ausdrücklich legitime Distillation – die eine wichtige Rolle im offenen Innovationsökosystem spiele – von verdeckten, großangelegten Versuchen ab, proprietäre US-Technologie zu entwenden.
Was ist Distillation? Bei der sogenannten Wissensdestillation trainiert ein großes, teures „Lehrer“-Modell ein kleineres, schnelleres „Schüler“-Modell. Das Verfahren ist in der Branche Standard – Labs destillieren regelmäßig ihre eigenen Modelle, um günstigere Varianten anzubieten. Umstritten wird es, wenn ein Anbieter systematisch die Outputs eines fremden, proprietären Modells abgreift; die Nutzungsbedingungen der meisten US-Anbieter verbieten das ausdrücklich.
Sanktionsdrohung aus dem Finanzministerium
Kratsios‘ Vorwürfe kamen einen Tag, nachdem Finanzminister Scott Bessent angekündigt hatte, die USA würden prüfen, ob chinesische AI-Modelle Fähigkeiten amerikanischer Konkurrenten übernommen haben. Am Mittwoch legte Bessent nach: Sanktionen „lägen auf dem Tisch“, wenn chinesische Unternehmen mit „Distillation-Angriffen im industriellen Maßstab“ die Grenze zum Diebstahl geistigen Eigentums überschritten. Man unterstütze Open-Source-AI und die dadurch ermöglichte Innovation, so Bessent sinngemäß – Open Source sei aber keine Freigabe für amerikanisches geistiges Eigentum.
Moonshot AI, die chinesische Botschaft in Washington, Anthropic, das Weiße Haus und Nvidia äußerten sich zunächst nicht. Die chinesische Regierung hat zu den jüngsten Anschuldigungen bislang nicht Stellung genommen, argumentierte in der Vergangenheit aber, Chinas AI-Entwicklung sei das Ergebnis eigener Anstrengungen und internationaler Kooperation. Chinesische Expert:innen werteten frühere Vorwürfe als Ausdruck einer Angst vor dem Verlust technologischer Vormacht.
Zweifel an der Zeitachse
Mehrere Fachleute halten die zentrale These für erklärungsbedürftig: Anthropics Fable ist erst seit 1. Juli öffentlich verfügbar, Moonshot präsentierte Kimi K3 rund zwei Wochen später. Dass ein Modell dieser Größe – nach Angaben des Unternehmens rund 2,8 Billionen Parameter, verteilt auf hunderte Experten – primär in diesem Zeitfenster aus Fable destilliert worden sein soll, wird von Beobachter:innen bezweifelt. Kratsios selbst korrigierte seine Formulierung nachträglich von „solid evidence“ auf „information“. Anthropic hat nach bisherigem Stand nicht erklärt, Beweise zu besitzen, die Kimi K3 konkret mit Distillation in Verbindung bringen – das Unternehmen hatte Moonshot allerdings bereits im Februar entsprechende Praktiken vorgeworfen.
Kimi K3 hatte nach der Vorstellung international für Aufsehen gesorgt, weil viele darin ein weitgehendes Aufschließen chinesischer Modelle zur westlichen Spitze sehen. Moonshot selbst positioniert K3 auf Augenhöhe mit US-Spitzenmodellen. Laut BBC soll das Modell am 27. Juli als Open-Source-Modell veröffentlicht werden und wäre damit das größte frei herunterladbare und anpassbare Modell seiner Klasse.
Die Vorwurfsserie: DeepSeek, MiniMax, Alibaba
Der Fall Moonshot reiht sich in eine wachsende Liste ein:
- Januar/Februar 2025: OpenAI und Microsoft erhoben als erste den Verdacht, DeepSeek habe für sein Reasoning-Modell R1 unerlaubt Outputs von OpenAI-Modellen genutzt. Microsoft-Forschende hatten nach eigenen Angaben große Datenabflüsse durch mutmaßlich mit DeepSeek verbundene Personen beobachtet.
- Februar 2026: OpenAI konkretisierte die Vorwürfe in einem Memo an das China-Komitee des US-Repräsentantenhauses und sprach von „adversarial distillation“ über verschleierte Drittanbieter-Router. DeepSeek äußerte sich öffentlich nicht dazu.
- Februar 2026: Anthropic warf DeepSeek, Moonshot AI und MiniMax koordinierte Distillation-Kampagnen vor. Laut Anthropic wurden dafür mehr als 24.000 gefälschte Accounts angelegt und Millionen Konversationen mit Claude generiert – jeweils mit unterschiedlichem Fokus: Chain-of-Thought-Daten bei DeepSeek, agentisches Reasoning und Computer Use bei Moonshot, agentisches Coding und Tool-Orchestrierung bei MiniMax.
- April 2026: Das Weiße Haus kündigte an, enger mit US-AI-Unternehmen zusammenzuarbeiten, um „industrial-scale campaigns“ ausländischer Rivalen zu unterbinden.
- Juni 2026: Anthropic beschuldigte in einem Brief an den US-Senat den Handelskonzern Alibaba des bis dahin größten bekannten Distillation-Angriffs auf Claude – knapp 25.000 Fake-Accounts und rund 29 Millionen Konversationen, betrieben von Akteuren mit Verbindungen zu Alibabas Qwen-Lab. Ziel seien besonders wertvolle Fähigkeiten wie agentisches Reasoning, Software Engineering und langfristige Aufgaben gewesen.
Anthropic fordert seither vom Kongress gesetzliche Strafen für solche Angriffe sowie klarere kartellrechtliche Regeln, damit Frontier-Labs Informationen über Distillation-Angriffe untereinander austauschen können, ohne Absprachevorwürfe zu riskieren. Rechtlich ist die Lage bislang folgenlos: Klagen gibt es keine, und die Durchsetzung gegen Unternehmen außerhalb der US-Jurisdiktion gilt als schwierig.
Anthropics eigener IP-Fall: 1,5 Milliarden Dollar
Bemerkenswert ist der Zeitpunkt der Debatte um geistiges Eigentum: Am Montag genehmigte US-Bezirksrichterin Araceli Martínez-Olguín endgültig den Vergleich über 1,5 Milliarden Dollar, den Anthropic mit Autor:innen und Verlagen geschlossen hat. Es ist der größte bekannte Copyright-Vergleich der Geschichte.
Ausgangspunkt war eine 2024 von der Autorin Andrea Bartz und zwei weiteren Klägern eingebrachte Sammelklage. Der ursprünglich zuständige Richter William Alsup hatte 2025 differenziert entschieden: Das Training von AI-Modellen mit Büchern sei Fair Use, das Herunterladen und Speichern von über sieben Millionen raubkopierten Büchern in einer internen Bibliothek dagegen nicht. Betroffen sind rund 482.000 Werke, pro Werk sind etwa 3.000 Dollar vorgesehen; Anthropic muss die Raubkopien zudem vernichten. Nach Unternehmensangaben haben mehr als 91 Prozent der Berechtigten ihre Ansprüche angemeldet. Anthropic betont dabei vor allem den Fair-Use-Teil des Urteils, die Klägerseite spricht von der größten Copyright-Rückforderung aller Zeiten.
Die verschärfte Gangart Washingtons gegenüber chinesischen AI-Unternehmen fällt in eine politisch heikle Phase: Für September wird ein Treffen von Donald Trump mit Chinas Staatschef Xi Jinping erwartet.

