Gastbeitrag

„Verloren ist nichts“: Wie Europa in der humanoiden Robotik aufholen kann

Leif Lindner, CEO der IFA Berlin © IFA Berlin
Leif Lindner, CEO der IFA Berlin © IFA Berlin

Die Robotik erlebt einen historischen Wendepunkt: Während chinesische Hersteller mit enormem Tempo in den Markt für humanoide Systeme drängen, ringt Europa um seine Rolle in diesem Bereich. Leif Lindner, CEO der IFA Berlin, beobachtet diese Entwicklung seit Jahren aus nächster Nähe.

Im Gespräch geht Lindner darauf ein, wie groß Chinas Vorsprung wirklich ist, warum Deutschland trotz exzellenter Forschung ins Hintertreffen geraten ist und welche strategischen Entscheidungen jetzt über die technologische Souveränität Europas entscheiden.

Herr Lindner, China dominiert rund 90 Prozent des Weltmarkts für humanoide Roboter. Haben Europa und Deutschland diesen Markt bereits verloren – oder ist das Rennen noch offen?

Leif Lindner: Verloren ist nichts, aber wir müssen ehrlich differenzieren. Bei humanoiden Robotern hat China derzeit einen erheblichen Vorsprung, getrieben durch staatliche Förderung, vertikale Integration und schiere Skalierung.

Aber Robotik ist nicht gleich Robotik. Bei industrieller Automation und präziser Sensorik, wie etwa hochsensiblen Kraft-Momenten-Sensoren für die robotergestützte Chirurgie, sowie bei KI-Patenten spielt Deutschland weiter ganz oben mit.

Die eigentliche Frage ist deshalb nicht „mithalten oder nicht“, sondern: „Welche Segmente wollen wir ernsthaft besetzen?“ Wer versucht, chinesische Humanoide eins zu eins nachzubauen, verliert. Wer auf Spezialisierung, Industrieanwendungen und Premium-Konsumentenrobotik setzt, hat sehr gute Chancen.

Sie sagen, das Problem sei nicht fehlende Innovationskraft, sondern mangelnde Umsetzungsgeschwindigkeit. Woran scheitert es in Deutschland konkret?

An drei Dingen: Erstens an der Dauer von Zulassungs- und Zertifizierungsprozessen. Um hier schneller zu werden, ohne unsere hohen Sicherheitsstandards aufzuweichen, brauchen wir parallele Prüfverfahren. Das bedeutet, Sicherheitstests, sogenannte „Regulatory Sandboxes“, müssen iterativ schon während der Entwicklung stattfinden, anstatt als Flaschenhals ganz am Ende zu stehen.

Die zweite Herausforderung, die Deutschland hat, ist das Wachstumskapital. Wir haben hervorragende Forschung und brillante Gründer:innen, aber zwischen Prototyp und Marktführer klafft eine Finanzierungslücke, die in den USA und in China bereits geschlossen ist.

Die dritte und vielleicht schwierigste Herausforderung ist unser Anspruch: Wir wollen liefern, wenn alles perfekt ist. Asiatische Wettbewerber liefern, lernen, iterieren. Die sind oft drei Generationen weiter, bevor unsere Version 1.0 fertig ist.

Sony-Roboter schlagen Profisportler im Tischtennis, in Peking überholen Roboter Menschen beim Halbmarathon. Was hat Sie zuletzt am meisten überrascht?

Beeindruckend ist für mich die Geschwindigkeit bei der Feinmotorik. Die galt lange als die große Hürde. Ein Roboter, der einen Tischtennisball präzise zurückspielt, oder ein humanoides System, das auf zwei Beinen 21 Kilometer zurücklegt, und dass in einer enormen Geschwindigkeit, war vor fünf Jahren Science-Fiction. Heute ist es Realität.

Das bedeutet, dass die Anwendung im Haushalt, in der Pflege und in der Logistik plötzlich greifbar wird. Wer einmal gesehen hat, wie ein moderner Humanoid eine Tasse aufnimmt, ohne sie zu zerdrücken, versteht, warum dieser Markt langsam kippt.

Sie waren lange bei Sony und Samsung. Was macht asiatische Konzerne im Wettlauf um Robotik so viel schneller als deutsche Unternehmen?

Aus meiner Erfahrung kommt diese Geschwindigkeit nicht aus dem Nichts. Ein relevanter Faktor ist eine andere Entscheidungskultur: Wenn die Spitze eine Richtung vorgibt, wird sie umgesetzt, nicht erst durch fünf Bereichs-Vetos relativiert.

Hinzu kommt die enorme vertikale Integration. Hersteller bauen nicht nur den Fernseher, sondern auch das Display, den Speicher und den Chip. Das erzeugt eine ganz andere Kontrolle über Innovationszyklen und Kosten.

Ein weiterer wesentlicher Punkt ist der Investitionshorizont. Ostasiatische Konzerne sind bereit, in einem strategischen Markt fünf Jahre Verlust zu schreiben, wenn die Position danach stimmt. Diese Geduld haben wir in Europa zu oft verloren, bei Investoren wie in Aufsichtsräten.

Bei industrieller Robotik und KI-Patenten gehört Deutschland zur Weltspitze. Warum sieht man davon im Konsumentenmarkt so wenig?

Das ist eines der größten Paradoxa unserer Industrie. Deutschland produziert exzellente Grundlagenforschung und industrielle Anwendungen. Mit Keller und Knappich Augsburg (KUKA), dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) oder den Fraunhofer-Instituten haben wir herausragende Akteure im Land.

Aber wir haben es verpasst, daraus Konsumentenmarken zu bauen. Unsere DNA sind B2B, Mittelstand und Industriegüter. Die Skalierung in Endkundenmärkte erfordert eine andere Logik – und genau dort sind die wichtigsten amerikanischen und asiatischen Player groß geworden. Wir müssen nicht jeden Markt selbst dominieren, aber wir müssen entscheiden, wo wir sichtbar sein wollen, und dann mit aller Konsequenz dort hingehen.

Brauchen wir einen europäischen „Robotik-Champion“ – oder ist das die falsche Frage?

Aus meiner Sicht ist das die falsche Frage. Wir haben in Europa über zwei Jahrzehnte versucht, „europäische Champions“ zu inszenieren, mit ernüchterndem Ergebnis. Was wir benötigen, ist ein funktionierendes Ökosystem: spezialisierte Mittelständler, agile Startups, starke Forschungseinrichtungen, durchlässige Kapitalmärkte und große Anwender, die früh kaufen.

Der Erfolg Ostasiens beruht genau auf einem solchen dichten Netzwerk aus Zulieferern, Plattformen und Anwendern. Wenn wir das hinbekommen, entstehen die Champions von selbst.

Welche deutschen oder europäischen Unternehmen sollte man im Bereich Robotik gerade jetzt auf dem Schirm haben?

Neura Robotics aus Metzingen ist im humanoiden Bereich extrem ambitioniert. Wandelbots aus Dresden hat eine bemerkenswerte Position bei der Programmierung industrieller Roboter. Franka Robotics ist nach turbulenten Jahren zurück im Markt. Agile Robots, eine Münchner DLR-Ausgründung, kombiniert Sensorik und KI auf hohem Niveau. Und ABB aus der Schweiz spielt international weiter in der ersten Liga.

Wichtig ist: Diese Liste ändert sich gerade dynamisch. Wer 2024 noch nicht im Gespräch war, kann 2026 plötzlich relevant sein – das ist die Geschwindigkeit, in der wir uns bewegen.

Auf der IFA beobachten Sie die Entwicklung Jahr für Jahr aus erster Reihe. Wann kommt der humanoide Roboter ins Wohnzimmer – und von welchem Hersteller?

Mein Tipp: Die Pionierphase läuft bereits. 1X hat Ende Oktober die Vorbestellungen für seinen Haushaltsroboter Neo gestartet – 20.000 US-Dollar, erste Auslieferungen 2026 in den USA, vieles davon zunächst teleoperiert, also von einem Menschen ferngesteuert.

Genau das ist der Tesla-Roadster-Moment für Humanoide: Premium-Preise, technisch noch unausgereift, aber der Anfang eines neuen Massenmarkts. Die breite Marktdurchdringung im Privathaushalt erwarte ich in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts. Die IFA wird in den nächsten Jahren der Ort sein, an dem dieser Markt für ein breites Publikum sichtbar wird – das sehen wir bereits in den Anmeldungen.

Ich kann mich noch an einen IFA-Besuch vor etwa zehn Jahren erinnern. Da waren chinesische Hersteller eher in der Trash-Ecke zu finden, und die Polizei rückte wegen Plagiatsverdachts an. Das dürfte sich deutlich gedreht haben. Gibt es einen Wendezeitpunkt, ein entscheidendes Ereignis, das Sie festmachen können?

Aus meiner Sicht gibt es nicht den einen Moment, sondern einen Korridor zwischen etwa 2015 und 2018. Symbolisch war sicher die Übernahme von KUKA durch Midea 2016. Da hat ein chinesisches Haushaltsgeräte-Unternehmen einen deutschen Robotik-Champion gekauft, und das hat in Berlin und Brüssel etwas ausgelöst.

Parallel haben Marken wie Hisense, TCL, Haier, später Huawei und Xiaomi Produkte gezeigt, die qualitativ und im Preis-Leistungs-Verhältnis plötzlich konkurrenzfähig waren. Heute sehen wir den nächsten Schritt: Chinesische Hersteller greifen gezielt das Premiumsegment an, also genau das Terrain, auf dem europäische Marken sich lange sicher gefühlt haben.

China subventioniert seine Robotik-Industrie massiv. Muss Europa industriepolitisch nachziehen, oder wäre das der falsche Hebel?

Reine Subventionen sind nicht die Antwort, sie schaffen Abhängigkeiten und Verzerrungen. Was Europa braucht, ist eine industriepolitische Strategie, die ehrlicher ist, als wir uns das zuletzt eingestanden haben. Gezielte Förderung kritischer Technologien, ja – aber gekoppelt an Skalierungserfolge, nicht an reine Forschungsausgaben.

Öffentliche Beschaffung muss als Hebel verstanden werden: der Staat als Erstkunde innovativer Robotik-Anwendungen in Pflege, Logistik und Verteidigung. Und Kapitalmärkte müssen so gestärkt werden, dass europäische Robotik-Start-ups in der Wachstumsphase nicht zwangsläufig nach San Francisco oder Shenzhen abwandern müssen.

Wenn Sie morgen Wirtschaftsminister wären – welche drei Maßnahmen würden Sie sofort umsetzen?

Erstens ein radikales Technologie-Transfer-Programm: Wir müssen gezielt Anreize schaffen, damit exzellente Forschung aus unseren Instituten nicht in der Schublade bleibt, sondern in marktfähige Ausgründungen mündet.

Zweitens steuerliche Superabschreibungen für den Mittelstand: Wenn deutsche Unternehmen frühzeitig in europäische Robotik-Lösungen investieren, stärkt das unseren Heimatmarkt extrem.

Und drittens: Öffentliche Beschaffung neu denken. Der Staat als Innovationsmotor, der gezielt Anwendungen in Pflege, Logistik und Industrie nachfragt. Ohne diese drei Hebel wird kein Förderprogramm der Welt das Tempo bringen, das wir jetzt brauchen.

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