.vienna, .linz und .salzburg: Wer braucht die neuen Domains wirklich?
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Wien bekommt eine zweite Internetadresse, diesmal auf Englisch: Mit .vienna soll Ende 2027 oder Anfang 2028 eine internationale Ergänzung zur bestehenden Endung .wien starten. Auch Linz mit .linz und das Bundesland Salzburg mit .salzburg bewerben sich um eigene Domain-Endungen. Das zeigt die Liste der 1.615 Bewerbungen, die die Internetverwaltung ICANN soeben veröffentlicht hat. Ob die neuen Adressen ein Erfolg werden, ist offen. Der Registrar Domaintechnik ist optimistisch, die Bilanz von .wien nach zwölf Jahren fällt dagegen eher nüchtern aus.
Wer hinter den neuen Endungen steht
Noch bis Ende Oktober dürfen Bewerber:innen ihre gewünschte Endung ändern, die finale Liste soll Mitte November folgen. Betrieben werden sollen .vienna und .linz vom Team hinter .wien. Den operativen Betrieb von .wien hat mit Jahresbeginn die domainworx Service & Management GmbH übernommen, die auch .tirol und .cologne betreut und für .vienna bereits das nötige Unterstützungsschreiben der Stadt Wien besitzt. „.VIENNA als digitaler, internationaler Zwilling von .WIEN ist die logische Ergänzung“, sagt Ronald Schwärzler, CEO der punkt.wien GmbH und der dotLinz GmbH. Ein genaues Startdatum gibt es noch nicht, ebenso wenig Preise und Vergaberegeln. Laut Betreiber sollen sich die Preise an jenen für .wien und .tirol orientieren.
Wie bei neuen Endungen üblich, startet die Vergabe in Phasen: Zuerst dürfen in der sogenannten Sunrise Markeninhaber:innen registrieren, danach folgt eine Landrush-Phase, deren Regeln noch offen sind. Denkbar ist etwa, dass Inhaber:innen einer .wien-Domain die passende .vienna-Adresse bevorzugt bekommen. Erst danach gilt bei der freien Registrierung: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.
Die Prognose: 7.000 Domains für .vienna
Domaintechnik aus dem Salzburger Straßwalchen, nach eigenen Angaben mit 26,7 Prozent Anteil der weltweit größte Registrar für .wien, hat eine Prognose erstellt. „Wir rechnen mit rund 7.000 .vienna-Domains in den ersten drei Jahren. Für .linz erwarten wir rund 2.300“, sagt Fabian Ledl, Domain-Experte bei Domaintechnik. Das Unternehmen stützt sich auf zwei Vergleiche:
- Suchinteresse: Weltweit erreicht „Vienna“ laut Google Trends 44 Prozent des Suchinteresses von „Wien“. Auf die 15.234 .wien-Domains übertragen ergibt das rund 6.700 .vienna-Domains.
- Hauptstadt-Vergleich: Die Endung .brussels kam drei Jahre nach dem Start auf 7.342 Domains.
- Vorsichtigster Fall: Nimmt man Köln als Maßstab, wo die englische Variante .cologne nur 23 Prozent der Größe von .koeln erreicht, wären es lediglich rund 3.500 .vienna-Domains.
Für .linz rechnet Domaintechnik mit 1.600 bis 2.900 Domains. Die Untergrenze entspricht der Zahl der .wien-Domains pro Einwohner:in, umgerechnet auf Linz, die Obergrenze dem Start von .gent in der ähnlich großen belgischen Stadt Gent. Für .salzburg erwartet Domaintechnik 4.300 bis 6.000 Adressen.
Die Argumente dafür
Ledl sieht vor allem drei Argumente für die neue Endung:
- SEO: „Laut Ahrefs gibt es weltweit rund 2 Millionen Suchen pro Monat nach Begriffen mit ‚vienna‘. Allein ‚vienna‘ kommt auf 698.000 Suchen, dahinter folgen ‚atp vienna‘ mit 133.000, ‚vienna weather‘ mit 62.000 und ‚vienna austria‘ mit 59.000“, sagt Ledl. 97 Prozent der Suchen nach „vienna“ kommen aus dem Ausland, das Suchinteresse habe sich seit 2022 mehr als verdoppelt. Profitieren könnten Adressen, die exakt einem Suchbegriff entsprechen: „Wer ‚vienna hotels‘ sucht und hotels.vienna sieht, weiß sofort, dass er richtig ist, und klickt eher“, so Ledl. Auch Salzburg hat ein internationales Publikum: 91 Prozent der 474.000 monatlichen Suchen nach „salzburg“ kommen aus dem Ausland.
- Branding: „83 Prozent der 20,07 Millionen Nächtigungen in Wien kamen 2025 von Gästen aus dem Ausland. Im UIA-Kongressranking liegt Wien weltweit auf Platz 1“, so Ledl. Für diese Gäste sei „Vienna“ der vertraute Name.
- Treue Kundschaft: „Orts-Endungen werden behalten. .berlin wird zu 92,3 Prozent verlängert, .com nur zu 74,9 Prozent“, sagt Ledl unter Berufung auf Daten der GeoTLD Group.
Dazu kommt das Argument der freien Namen: In einer neuen Endung sind kurze Begriffe wie hotel, cafe oder events noch zu haben, die unter .at längst vergeben sind.
Die Gegenposition: .wien blieb unter den Erwartungen
Gegen allzu große Hoffnungen spricht vor allem die Bilanz von .wien. Wien war 2014 die erste Stadt der Welt mit einer eigenen Domain-Endung, die Erwartungen waren hoch. Heute zählt .wien rund 15.000 Domains, im August 2015 waren es bereits 13.499. In mehr als zehn Jahren kamen also nur rund 1.700 Domains dazu. Derzeit gibt es laut ORF Wien monatlich nur 100 bis 150 Neuregistrierungen. „Wir hätten uns mehr erhofft“, räumt Betreiber Schwärzler selbst ein.
Zum Vergleich: Unter der Länderendung .at sind laut Registrierungsstelle nic.at mehr als 1,5 Millionen Domains registriert, .wien kommt damit nur auf rund 1 Prozent davon. Hinzu kommt der Preis: Laut ORF Wien müssen Kund:innen bei solchen Endungen mit rund 100 Euro pro Jahr rechnen, bei Domaintechnik kostet eine .wien-Domain im ersten Jahr 39,90 Euro statt regulär 53,99 Euro, deutlich mehr als eine .at-Adresse. Und auch das SEO-Argument hat Grenzen: Die Endung selbst ist kein Rankingfaktor, Google behandelt Stadt-Endungen wie .com. Entscheidend bleiben Inhalte, Links und lokale Signale wie das Unternehmensprofil bei Google.
Dass englische Zusatz-Endungen kleiner bleiben als das Original, zeigt das Beispiel Köln: .cologne kommt auf 4.044 Domains, .koeln auf 17.629. Zu bedenken ist auch, dass die Prognose von einem Unternehmen stammt, das an der Vergabe der Domains mitverdient.
1.615 Bewerbungen bei ICANN
.vienna, .linz und .salzburg kommen nicht allein. Insgesamt gingen in der neuen Vergaberunde bei ICANN 1.615 Bewerbungen ein. Darunter sind laut Domaintechnik zahlreiche Branchen-Endungen, von .opera und .wellness über .fintech und .podcast bis zu KI-Endungen wie .agent, .llm oder .mcp. Ob und wann sie starten, ist offen. Österreich hätte mit .wien, .tirol, .vienna, .linz und .salzburg dann bald fünf Orts-Endungen.

