Auszeit: Grazer Indie-Entwickler bremst Instagram mit 15 Sekunden Bedenkzeit
Trending Topics auf Google als bevorzugte Nachrichtenquelle festlegen.
Nur kurz Instagram checken, und plötzlich ist es Mitternacht: Genau gegen diesen Reflex hat der Grazer Karl Maier eine App gebaut. Sie heißt Auszeit, ist seit Oktober für iPhone und Android erhältlich und schiebt vor ausgewählte Apps eine kurze Bedenkzeit. Erst danach entscheiden Nutzer:innen, ob sie wirklich scrollen wollen. Die Basisversion ist gratis, die Vollversion kostet 9,99 Euro im Jahr.
Der Anlass war persönlich. „Oft wollte ich nur kurz auf Instagram schauen, und dann waren zwei Stunden weg“, sagt Maier. Der Unternehmensberater hat Auszeit als Ein-Personen-Projekt entwickelt, ohne Investor:innen und ohne Team. Herausgebracht hat er die App über seine Firma nxtChange Consulting FlexCo in Graz.
So funktioniert Auszeit
Das Prinzip ist simpel. Nutzer:innen legen fest, welche Apps zu welchen Zeiten pausieren sollen, etwa Social Media am Abend, Spiele während der Arbeitszeit oder Streaming unter der Woche. Wer in diesem Zeitfenster Instagram, TikTok oder Netflix öffnet, sieht zuerst einen Countdown.
- Bedenkzeit: In der Gratisversion dauert die Pause 15 Sekunden. Danach entscheidet man bewusst, ob man eine Auszeit nimmt oder eine Ausnahme macht.
- Ausnahmen: Eine Ausnahme gilt für ein paar Minuten, in der Gratisversion für fünf. Danach startet der Countdown von vorne.
- Technik: Auf dem iPhone nutzt Auszeit die Bildschirmzeit-Schnittstelle von Apple, auf Android die Bedienungshilfe.
Die App ist auf Deutsch und Englisch in 37 europäischen Ländern im App Store und in 36 bei Google Play verfügbar.
Was Auszeit kostet
Maier setzt auf ein Freemium-Modell mit Abo:
- Gratis: Eine Auszeit für bis zu zwei Apps, 15 Sekunden Bedenkzeit und Ausnahmen von fünf Minuten.
- Auszeit Plus: 9,99 Euro im Jahr oder 3,99 Euro im Monat. Das sind die Preise in Österreich, in anderen Ländern rechnen Apple und Google um.
- Was Plus bringt: Mehr Auszeiten, etwa zusätzlich fürs Wochenende, bis zu 50 Apps pro Auszeit auf dem iPhone und beliebig viele auf Android. Dazu kommen Bedenkzeiten von 30 oder 90 Sekunden oder eine komplette Sperre bis zum Ende der Auszeit sowie Ausnahmen von einer, fünf oder 15 Minuten.
- Abo: Das Abo verlängert sich automatisch und gilt nur auf der Plattform, auf der es abgeschlossen wurde.
Keine Daten, kein Konto
Beim Datenschutz setzt Maier auf ein klares Versprechen: Auszeit braucht kein Konto, keinen Server und keine Analyse-Tools, alle Daten bleiben auf dem Gerät. Werbung gibt es keine. Auf dem iPhone speichert die App die gewählten Apps nur als verschlüsselte Kennungen von iOS, auf Android prüft sie laut Entwickler nur, welche App gerade im Vordergrund läuft, ohne Bildschirminhalte oder Eingaben zu lesen. Wie lange jemand welche App nutzt, zeichnet Auszeit nicht auf.
David gegen die Bildschirmzeit-Riesen
Ganz allein ist Auszeit auf dem Markt nicht. Apple und Google bieten mit Bildschirmzeit und Digital Wellbeing eigene Werkzeuge, um die Nutzung von Apps zu begrenzen. Dazu kommen Apps wie Opal oder ScreenZen. Am nächsten kommt Auszeit die deutsche App one sec, die ebenfalls auf eine kurze Pause vor dem Öffnen setzt. Dass solche Bremsen wirken können, zeigte 2023 eine Studie im Fachjournal PNAS, an der unter anderem das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung beteiligt war: Mit one sec sank die Nutzung der betroffenen Apps um 57 Prozent.
Abheben will sich Auszeit mit festen Zeitfenstern, die automatisch greifen, und mit dem Verzicht auf jede Datensammlung.
Selbsthilfe mit Grenzen
Ein Allheilmittel gegen Handysucht ist die App allerdings nicht, und das sagt Maier auch selbst. Auszeit sei als Werkzeug zur Selbsthilfe gedacht, heißt es auf der Website. Die Pausen lassen sich jederzeit abschalten, eine strengere Sperre gibt es erst in der Bezahlversion. Außerdem blockiert Auszeit nur Apps, keine Websites. Wer Instagram im Browser öffnet, kommt also ohne Countdown durch. Und auf manchen Android-Geräten können Stromsparfunktionen die App im Hintergrund stoppen, wenn man sie nicht eigens davon ausnimmt.

