Blaue Welle trifft KI-Aktien: Börsen rutschen nach dem Midterm-Sieg der Demokraten ab
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Die Wähler:innen haben Donald Trump den Kongress genommen, und die Börsen rechnen jetzt aus, was das für den KI-Boom bedeutet.
Bei den Zwischenwahlen haben die Demokraten laut Auszählung der Nachrichtenagentur AP die Mehrheit im Senat gewonnen und auch das Repräsentantenhaus erobert, und zwar deutlicher, als es Umfragen erwarten ließen. Senatssitze in South Carolina, Texas und Ohio gingen an die Demokraten, Bezirke, die seit einer Generation als sicher konservativ galten, kippten. In Ohio verlor der Republikaner Jon Husted gegen Sherrod Brown, in Texas gewannen die Demokraten auch das Gouverneursamt. Getragen wurde die Welle laut Nachwahlanalysen von der Unzufriedenheit über Lebenshaltungskosten, hohe Sprit- und Dieselpreise, steigende Stromrechnungen und, in einigen Wahlkämpfen, vom Widerstand gegen neue Rechenzentren.
Wer verkauft und warum
Die Reaktion an den Märkten war reflexartig. In Asien führten KI- und Chipwerte die Verluste an: Samsung, SK Hynix und TSMC rutschten zwischenzeitlich kräftig ab, der Kospi verlor bis zu 3 Prozent, Taiwans Taiex 2,3 Prozent, der Nikkei fast 3 Prozent, die SoftBank-Aktie, Großinvestor bei OpenAI, brach um 8 Prozent ein. Die Nasdaq-Futures lagen in der Nacht mehr als 2 Prozent im Minus, der Dollar fiel auf ein Monatstief, der Euro stieg auf 1,125 Dollar. Europas Börsen eröffneten laut Reuters schwächer, nach einem Minus von 1,4 Prozent in den Futures über Nacht lagen DAX- und Stoxx-600-Futures am Morgen noch rund 0,2 Prozent im Minus, mit Siemens Energy und Schneider Electric als den exponierten KI-Zulieferern. Auch Kryptowährungen gaben nach, aus Sorge, dass die unter Trump angestoßene Krypto-Gesetzgebung im neuen Kongress steckenbleibt.
Der Grund ist weniger die Wahl an sich als das, was sie für Rechenzentren bedeutet. „Strengere regulatorische Prüfung von Technologie- und KI-Unternehmen und eine höhere Wahrscheinlichkeit von politischem Stillstand winken mit einem demokratischen Durchmarsch“, sagte Prashant Newnaha von TD Securities. Besonders Texas bereitet Sorgen: Der Bundesstaat ist neben Georgia einer der größten Standorte für den Ausbau von KI-Rechenzentren, zusammen entfällt auf die beiden rund ein Drittel der entsprechenden Investitionen. „Wenn Texas wie New York ein Moratorium für Rechenzentren verhängt, könnten sich Projekte weiter verzögern“, sagte Kim Seok-hwan von Mirae Asset Securities. Dass ausgerechnet dort künftig ein Demokrat regiert, trifft die Chiphersteller direkt.
Dazu kommt, dass der KI-Handel schon vor der Wahl angeschlagen war. Der Goldman-Sachs-Korb breiter KI-Aktien hatte im Oktober 15 Prozent verloren und liegt mehr als 24 Prozent unter seinem Hoch, nach enttäuschenden Quartalszahlen, dem 115-Milliarden-Dollar-Deal von Marvell und wachsenden Zweifeln, wann die Milliardeninvestitionen der Hyperscaler Rendite bringen. Die Wahl liefert dem Markt einen weiteren Grund, aus dem Thema zu rotieren.
Anleihen gewinnen, Stimulus verliert
Die Gewinner stehen auf der anderen Seite der Bilanz. US-Staatsanleihen legten zu, die Rendite zehnjähriger Treasuries fiel um sechs Basispunkte auf 4,91 Prozent, nachdem sie am Vortag noch über 5,3 Prozent und damit auf einem 24-Jahres-Hoch gelegen war. Yen und Schweizer Franken, die klassischen sicheren Häfen, legten jeweils fast ein Prozent zu. Die Logik: Ein gespaltener Kongress bremst neue Steuersenkungen und Ausgabenprogramme, eine im Wahlkampf kolportierte Direktzahlung von 5.000 Dollar an alle Erwachsenen ist vom Tisch, und wenn KI-Regulierung das Wachstum dämpft, sinkt auch der Druck auf die Notenbank, die Zinsen zu erhöhen. „Anleihen gehen als klarer Sieger hervor, während die Märkte den KI-Trade auf die Schlachtbank führen“, so Newnaha.
Warum der Ausverkauf schon am Morgen abflaute
Wie weit die Regulierung tatsächlich reicht, ist offen, und genau das bremste den Ausverkauf im Lauf der Nacht. Trump hat angekündigt, als „Mr. Veto“ demokratische Gesetze zu blockieren, und behält die Kontrolle über Handelspolitik, Außenpolitik und weite Teile der Regulierung per Dekret. Ein KI-Gesetz, das beide Kammern passiert und das Weiße Haus überlebt, ist in den kommenden zwei Jahren unwahrscheinlich, wahrscheinlicher sind Untersuchungsausschüsse, Streit um die Schuldenobergrenze und Stillstand. „Sieht so aus, als würden Investor:innen nach dem anfänglichen Reflex-Ausverkauf den Dip kaufen“, sagte Charu Chanana von Saxo. „Politischer Stillstand bedeutet nicht zwingend schwächere Unternehmensgewinne.“ Die Nasdaq-Futures reduzierten ihr Minus bis zum Morgen auf 0,5 Prozent, der Kospi drehte sogar ins Plus. George Efstathopoulos von Fidelity International sieht in den Midterms ein „klärendes Ereignis“ und hält den Moment für geeignet, schrittweise wieder in Tech einzusteigen, weil Fundamentaldaten und Kurse auseinandergelaufen seien. Michael Arone von State Street formuliert es schärfer: Das größere Risiko sei nicht das Wahlergebnis, sondern dass Investor:innen darauf überreagieren.
Für Europa ist die Rechnung gemischt. Ein schwächerer Dollar belastet Exporteure, ein gebremster US-Fiskalkurs entlastet die Zinsen auch hierzulande, die Bund-Rendite lag am Morgen bei 3,35 Prozent. Und falls die USA den Rechenzentrumsausbau tatsächlich bremsen, dürfte ein Teil der Nachfrage dorthin wandern, wo Strom und Genehmigungen verfügbar sind. Ob das Europa ist, entscheidet sich nicht in Washington.

