Digitale Identitätsnachweise: „In fünf Jahren so selbstverständlich wie heute digitale Zahlungen“
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Ausweis, Führerschein und rechtsgültige Unterschrift in einer einzigen App, die in ganz Europa funktioniert: Das verspricht die EUDI-Wallet, die europäische digitale Brieftasche. In Deutschland geht sie Anfang 2027 unter dem Namen d-you an den Start, Österreich arbeitet an der Umsetzung. Trotzdem haben laut einer aktuellen Umfrage von A-Trust 62 Prozent der Befragten in Österreich noch nie davon gehört.
Wir haben mit Markus Vesely gesprochen, CEO von A-Trust. Der Wiener Vertrauensdiensteanbieter ist Launch-Partner der deutschen Wallet und bringt dort seine qualifizierten elektronischen Signaturen ein, die in Österreich über fünf Millionen Menschen aktiv nutzen. Im Interview erklärt er, was die Wallet kann, wie sie mit der ID Austria zusammenspielt und warum am Ende das Vertrauen der Nutzer:innen über ihren Erfolg entscheidet.
Was die EUDI-Wallet ist
Die EUDI-Wallet ist in der breiten Bevölkerung noch kaum bekannt. Wie erklären Sie in zwei, drei Sätzen, was sie ist und was Nutzer:innen damit tun können?
Markus Vesely: Die EUDI-Wallet ist eine europäische digitale Brieftasche, mit der Bürger:innen künftig ihre Identität nachweisen, digitale Dokumente verwalten und unterschiedliche öffentliche sowie private Services nutzen können. Ob Ausweis, Führerschein, berufliche Qualifikation oder rechtsgültige digitale Unterschrift: Viele Anwendungen, für die heute noch unterschiedliche Systeme benötigt werden, sollen damit über eine gemeinsame Lösung zugänglich werden. Gleichzeitig behalten Nutzer:innen die Kontrolle darüber, welche persönlichen Informationen sie für einen bestimmten Vorgang freigeben, und können ihre digitale Identität künftig auch grenzüberschreitend einsetzen.
Warum braucht Europa eine gemeinsame digitale Brieftasche für Identitätsnachweise, und was bedeutet sie für digitale Souveränität?
Bislang ist die Nutzung digitaler Identitäten in Europa stark von nationalen Lösungen geprägt. Österreich verfügt beispielsweise mit der ID Austria bereits über eine etablierte Infrastruktur. Sobald digitale Services grenzüberschreitend genutzt werden sollen, stoßen unterschiedliche nationale Systeme jedoch häufig an Grenzen.
Die EUDI-Wallet schafft einen gemeinsamen europäischen Rahmen mit einheitlichen Sicherheitsanforderungen und technischen Standards. Jeder Mitgliedstaat stellt dabei seine eigene EUDI-Wallet bereit, die auf diesem Rahmen basiert und EU-weit anerkannt wird. Bürger:innen sollen ihre Identität damit künftig auch über Ländergrenzen hinweg nachweisen können, während Unternehmen neue Möglichkeiten für rechtssichere digitale Geschäftsprozesse erhalten.
Gleichzeitig ist die EUDI-Wallet ein wichtiger Baustein europäischer digitaler Souveränität. Europa schafft damit die Voraussetzungen, digitale Identitäten und Vertrauensdienste auf Basis eigener rechtlicher und technischer Standards zu nutzen. Für uns ist dabei entscheidend, dass persönliche Informationen kontrolliert weitergegeben werden können und digitale Nachweise zuverlässig überprüfbar bleiben.
Internationale Expertise
In Deutschland startet die EUDI-Wallet zu Jahresbeginn, A-Trust ist dort als Launch-Partner dabei. Was genau ist die Rolle von A-Trust, und was nehmen Sie aus dem Projekt mit?
Mit der deutschen EUDI-Wallet d-you, deren Start für den 2. Jänner 2027 vorgesehen ist, wird die europäische digitale Identität für viele Menschen konkret nutzbar. A-Trust ist als qualifizierter Vertrauensdiensteanbieter Launch-Partner und bringt seine langjährige Erfahrung mit qualifizierten elektronischen Signaturen (QES) in das deutsche Wallet-Ökosystem ein.
Zum Start ermöglichen wir berechtigten Nutzer:innen in Deutschland nach erfolgreicher Einrichtung und Identifikation über d-you für einen begrenzten Zeitraum kostenlos qualifizierte elektronische Signaturen zu nutzen. Damit übertragen wir einen Anwendungsfall nach Deutschland, der in Österreich bereits seit vielen Jahren etabliert ist.
Für uns bestätigt die Zusammenarbeit, wie wichtig konkrete Nutzungsmöglichkeiten für die Akzeptanz digitaler Identitäten sind. Eine sichere technische Infrastruktur ist die Voraussetzung, ihren tatsächlichen Mehrwert erkennen Menschen aber erst, wenn sie damit beispielsweise Verträge einfach und rechtsgültig digital unterschreiben können. Genau diese praktische Erfahrung aus Österreich bringen wir in die europäische Entwicklung ein.
Wo steht Europa insgesamt bei der Umsetzung, und welche Länder oder Ansätze sind aus Ihrer Sicht Vorbilder?
Europa befindet sich derzeit in einer entscheidenden Umsetzungsphase. Der gemeinsame Rechtsrahmen ist geschaffen, nun geht es darum, nationale Wallet-Lösungen bereitzustellen und ihre grenzüberschreitende Nutzung zu ermöglichen. Dabei haben die Mitgliedstaaten unterschiedliche Ausgangsbedingungen.
Österreich verfügt mit der ID Austria und der breiten Nutzung qualifizierter elektronischer Signaturen bereits über wertvolle praktische Erfahrung. Deutschland wiederum zeigt mit dem geplanten Start von d-you, welchen Beitrag die frühzeitige Einbindung von Vertrauensdiensteanbietern und weiteren Partnern leisten kann, um von Beginn an unterschiedlichste Anwendungsfälle abzudecken.
Aus meiner Sicht kommt es weniger darauf an, ein einzelnes Land zum Vorbild zu erklären. Entscheidend sind gemeinsame Standards, verlässliche Sicherheitsmechanismen und Anwendungen, die Menschen im Alltag tatsächlich weiterhelfen. Der Erfolg der EUDI-Wallet wird sich letztlich daran messen lassen, ob unterschiedliche nationale Lösungen einfach und zuverlässig miteinander funktionieren.
Was das für Österreich bedeutet
Was muss für den Start in Österreich noch passieren?
Österreich startet bei der EUDI-Wallet nicht bei null. Mit der ID Austria gibt es bereits eine etablierte Infrastruktur für sichere digitale Identifizierung, auf der die europäische Weiterentwicklung aufbauen kann.
Jetzt geht es vor allem darum, bestehende Lösungen mit den Anforderungen der EUDI-Wallet zu verbinden. Dazu gehören gemeinsame technische Standards, die sichere Ausstellung und Überprüfung digitaler Nachweise sowie die Anbindung von Behörden und Unternehmen, die diese Nachweise künftig akzeptieren sollen.
Neben der technischen Umsetzung wird auch die Information der Bevölkerung entscheidend sein. Unsere aktuelle Umfrage zeigt, dass 62 Prozent der Befragten in Österreich noch nie von der EUDI-Wallet gehört haben. Es reicht deshalb nicht, eine sichere Lösung bereitzustellen. Die Menschen müssen auch verstehen, welche Vorteile sie ihnen bringt und wie sie ihre persönlichen Daten dabei kontrollieren können.
Was kann A-Trust für den Start in Österreich leisten, und welche Erfahrungen aus bestehenden Lösungen fließen ein?
A-Trust bringt mehr als 25 Jahre Erfahrung im Zertifikatsbereich sowie umfassendes Know-how zu sicheren digitalen Identitäten und qualifizierten elektronischen Signaturen mit. Allein in Österreich sind elektronische Signaturen längst in zahlreichen digitalen Prozessen etabliert. Mit über fünf Millionen aktiven Nutzer:innen einer A-Trust-QES verfügen wir über eine breite praktische Erfahrungsbasis.
Im europäischen Pilotprojekt POTENTIAL konnten wir bereits erproben, wie sich qualifizierte elektronische Signaturen sicher und benutzerfreundlich in Wallet-basierte Anwendungen integrieren lassen. Unsere Signatur- und Identifikationslösungen sind zudem bereits auf den Einsatz im Umfeld der EUDI-Wallet ausgerichtet.
Dieses Wissen können wir sowohl in Österreich als auch auf europäischer Ebene einbringen. Unser Schwerpunkt liegt dort, wo digitale Identitäten, überprüfbare Nachweise und rechtsverbindliche elektronische Signaturen zusammenkommen. Wir wollen dazu beitragen, dass die EUDI-Wallet nicht nur hohe Sicherheitsanforderungen erfüllt, sondern auch für Bürger:innen und Unternehmen einfach nutzbar ist.
Wie spielt die EUDI-Wallet mit der ID Austria zusammen: Ersetzt sie die ID Austria, ergänzt sie diese, oder was ändert sich für Nutzer:innen?
Die EUDI-Wallet sollte nicht als vollständiger Neustart verstanden werden, bei dem alle bisherigen Lösungen überflüssig werden. Mit der ID Austria verfügt Österreich bereits über ein etabliertes System für sichere digitale Identifizierung und zahlreiche elektronische Verwaltungsleistungen.
Die EUDI-Wallet erweitert diese Möglichkeiten um eine europäische Perspektive. Digitale Identitäten und Nachweise sollen künftig nicht mehr nur innerhalb Österreichs, sondern auch bei grenzüberschreitenden Dienstleistungen und Geschäftsprozessen genutzt werden können. Hinzu kommt die Möglichkeit, unterschiedliche Dokumente und Nachweise über eine gemeinsame Wallet zu verwalten.
Wie die konkrete technische Integration in Österreich gestaltet wird, ist Teil der nationalen Umsetzung. Für Nutzer:innen sollte im Vordergrund stehen, dass bestehende digitale Services sinnvoll weiterentwickelt werden und zusätzliche europäische Anwendungsmöglichkeiten entstehen, die den Alltag spürbar vereinfachen.
Nutzen und Akzeptanz
Welche Anwendungsfälle werden für Unternehmer:innen im Alltag als Erstes spürbar sein, etwa Altersnachweis, Kontoeröffnung, Behördenwege oder Mobilität?
Besonders interessant wird die EUDI-Wallet dort, wo Unternehmen heute noch unterschiedliche Identitätsnachweise, Dokumente oder Unterschriften benötigen. Ein naheliegendes Beispiel ist die Kontoeröffnung oder der digitale Vertragsabschluss. Kund:innen könnten ihre Identität künftig über die Wallet nachweisen, ohne für jeden Anbieter einen eigenen Identifizierungsprozess durchlaufen zu müssen.
Auch rechtsgültige digitale Unterschriften bieten großes Potenzial. Verträge oder andere Dokumente können mit einer qualifizierten elektronischen Signatur elektronisch unterzeichnet werden. Diese Möglichkeit ist in Österreich bereits etabliert und soll künftig stärker in grenzüberschreitende Prozesse eingebunden werden.
Weitere Anwendungen betreffen den gezielten Nachweis bestimmter Eigenschaften oder Berechtigungen. Für einen Altersnachweis könnte beispielsweise die Bestätigung ausreichen, dass eine Person volljährig ist, ohne das vollständige Geburtsdatum offenzulegen.
Für Unternehmen wird perspektivisch auch der Nachweis von Vertretungsbefugnissen interessant. Die geplante European Business Wallet soll künftig zusätzliche Möglichkeiten eröffnen, Unternehmensdaten, Vollmachten und andere organisationsbezogene Nachweise digital zu verwenden.
Eine Befragung im August zeigt, dass das Thema in der Bevölkerung noch nicht angekommen ist. Wie schaffen Sie Vertrauen, und wie gehen Sie mit Bedenken zu Datenschutz und Sicherheit um?
Unsere Umfrage zeigt eine interessante Ausgangslage: Obwohl 62 Prozent der Befragten noch nie von der EUDI-Wallet gehört haben, können sich bereits 49 Prozent vorstellen, sie künftig im Alltag zu nutzen. Bei den 16- bis 29-Jährigen liegt dieser Anteil sogar bei 59 Prozent.
Gleichzeitig sind die Erwartungen an Sicherheit und Datenkontrolle sehr hoch. Für 87 Prozent zählen Datensicherheit und Schutz vor Missbrauch zu den wichtigsten Nutzungsvoraussetzungen. 62 Prozent möchten selbst kontrollieren können, wer welche persönlichen Informationen einsehen darf.
Vertrauen entsteht deshalb nicht allein durch die Ankündigung einer neuen Technologie. Nutzer:innen müssen nachvollziehen können, welche Daten sie weitergeben, wie diese geschützt werden und welche Sicherheitsmechanismen dahinterstehen. Ein wesentliches Prinzip der EUDI-Wallet ist genau diese selbstbestimmte und gezielte Datenweitergabe.
Als qualifizierter Vertrauensdiensteanbieter sehen wir unsere Aufgabe darin, sichere und überprüfbare digitale Prozesse zu ermöglichen. Gleichzeitig müssen wir ihren praktischen Nutzen verständlich vermitteln. Denn nur wenn Menschen einer digitalen Identität vertrauen und einen konkreten Mehrwert erkennen, werden sie diese auch im Alltag verwenden.
Ausblick
Wie sieht der Alltag mit der EUDI-Wallet in fünf Jahren aus, und welche Rolle spielt A-Trust als qualifizierter Vertrauensdiensteanbieter im entstehenden Ökosystem?
Ich gehe davon aus, dass digitale Identitätsnachweise in fünf Jahren für viele Menschen so selbstverständlich sein werden wie heute digitale Zahlungen oder elektronische Unterschriften. Die Identifizierung bei Online-Services, das Vorweisen bestimmter Berechtigungen oder der Abschluss von Verträgen könnten dann deutlich einfacher und zunehmend grenzüberschreitend funktionieren.
Für Unternehmen eröffnet das die Möglichkeit, digitale Prozesse stärker miteinander zu verknüpfen, Medienbrüche zu reduzieren und gleichzeitig hohe Anforderungen an Sicherheit und Rechtssicherheit zu erfüllen.
A-Trust sieht sich dabei als verlässlicher Partner innerhalb des europäischen Wallet-Ökosystems. Wir bringen langjährige Erfahrung mit sicheren Identitätslösungen und qualifizierten elektronischen Signaturen ein und haben uns bereits aktiv an der praktischen Erprobung sowie an internationalen Projekten beteiligt.
Unser Anspruch ist, diese Expertise weiter auszubauen und vertrauenswürdige digitale Anwendungen zu ermöglichen, die auch über Ländergrenzen hinweg funktionieren. Langfristig werden aus meiner Sicht jene Lösungen erfolgreich sein, die Sicherheit, einfache Bedienbarkeit und einen konkreten Nutzen überzeugend miteinander verbinden.
