Interview

Cory Doctorow: „Wartet, bis die KI-Blase platzt, und dann kauft alles um 90% Rabatt“

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Europas beste KI-Strategie ist Geduld: Das rät Cory Doctorow, kanadischer Science-Fiction-Autor, Aktivist und einer der schärfsten Kritiker von Big Tech. Der Mann, der mit „Enshittification“ den Begriff für den schleichenden Verfall digitaler Plattformen geprägt hat, hält den KI-Boom für ein Geschäft, das mit jedem neuen Kunden Geld verliert und im Crash die Pensionsvorsorge von Kleinanleger:innen mitreißen könnte. Im Interview mit Trending Topics spricht er über die Wirtschaftlichkeit von KI-Modellen, den Börsengang von Anthropic, Proteste gegen Rechenzentren und darüber, was Europa jetzt tun sollte.

„Wir werden keine Superintelligenz bekommen“

Du bist für deine kritische Haltung gegenüber Big Tech bekannt. Wie blickst du auf KI und Large Language Models?

Cory Doctorow: Ich denke, man kann mit statistischer Inferenz durchaus einiges anfangen, aber nicht genug, um die Billionen zu rechtfertigen, die dieses Jahr investiert werden. Dass diese Wort-Vorhersage-Programme irgendwann aufwachen werden, halte ich für ziemlich witzig. Das ist, als würde man glauben, wenn man Pferde nur auf immer mehr Tempo züchtet, bringt eines davon irgendwann eine Lokomotive zur Welt. Wir werden keine Superintelligenz bekommen.

Mich beschäftigt etwas anderes: 35 Prozent des S&P 500 entfallen auf sieben KI-Konzerne. Sechs davon verlieren mit KI Geld, der siebte ist Nvidia. Die Firmen, die Geld verlieren, verbrennen Hunderte Milliarden Dollar, und laut Wall Street Journal stehen weitere Hunderte Milliarden außerhalb ihrer Bilanzen. Wenn das platzt, wiederholt sich, was wir in den vergangenen 25 Jahren immer wieder gesehen haben: Auf einen wirtschaftlichen Absturz folgt Sparpolitik, und die Sparpolitik treibt die Menschen zu Faschist:innen. Diese Faschist:innen kommen dann an die Macht, nachdem wir unsere Verwaltungs- und Produktionskapazitäten für Rechenzentren verbraucht haben, die nicht mehr laufen. Und das mitten in einer geopolitischen Krise und einer Klimakrise mit Hitze, Fluten, Ernteausfällen und riesigen Fluchtbewegungen. Statt kompetenter Verwaltungen und eines produktiven Landes hätten wir dann Faschist:innen und ein zerstörtes Land. Das halte ich für ein existenzielles Risiko für unsere Zivilisation. Mit einer aufwachenden KI hat das nichts zu tun.

Du bist also sehr pessimistisch. Gibt es gar keinen optimistischen Punkt?

Cory Doctorow: Ich hoffe, dass wir solidarische Institutionen aufbauen, die uns helfen, unsere Nachbar:innen aufzunehmen, wenn sie ihre Heimat verlieren, und dass aus der Asche ein besserer Staat entsteht. Unser Premierminister Mark Carney hat in Davos gesagt, das alte System sei kaputt, aber es sei auch nicht gut gewesen. Das stimmt: Das alte System war nicht gut, und das jetzige ist es auch nicht. Es hat die KI-Blase hervorgebracht. Ich würde mir eine weiche Landung wünschen, aber das Schlimmste wäre, den Crash zu erleben und dann nichts zu tun.

Ich mag keine Vorhersagen. Vorhersagen bedeuten, dass wir keine Handlungsmacht haben. Natürlich gibt es Dinge, die feststehen. Wenn man viel Wärme in die Ozeane bringt, schmelzen die Polkappen. Aber was passiert dann? Nehmen wir Menschen in unseren Städten auf, oder gehen wir aufeinander los? Das entscheidet nicht die Geschichte, das entscheiden wir. Darauf setze ich meine Hoffnung: dass wir solidarische Bewegungen aufbauen können. Und das Wichtigste ist, dass es keine Rolle spielt, ob es möglich ist. Es ist das, was man tun muss. Wenn dein Schiff sinkt, trittst du Wasser. Ob du gerettet wirst, weißt du nicht, aber jeder, der je gerettet wurde, hat vorher Wasser getreten.

Ein Geschäft, das mit jedem Kunden schlechter wird

Bist du dir hundertprozentig sicher, dass die KI-Blase bald platzt?

Cory Doctorow: Ich weiß nicht, wie man eine Billion Dollar in ein Produkt stecken kann, das schlechte Stückkosten hat. Stückkosten bedeuten, wie viel Geld man mit einem neuen Kunden verdient. Jeder neue Kunde eines KI-Produkts kostet das Unternehmen Geld, und jedes Mal, wenn er zurückkommt, steht das Unternehmen schlechter da. Jede KI-Generation hat schlechtere Stückkosten als die vorige, und die Verbesserungen werden kleiner. Der Schritt von GPT-4 zu GPT-5 hat viel mehr Geld gekostet als der von GPT-1 zu GPT-2, aber der Unterschied zwischen GPT-1 und GPT-2 war viel größer als der zwischen GPT-4 und GPT-5. Wir geben jedes Jahr mehr aus und bekommen weniger zurück. Die Branche verliert mit jedem Kunden Geld, und das wird schlimmer, je mehr Kunden sie hat und je weiter die Technologie fortschreitet.

Es ist, als würde man sagen: Wir haben herausgefunden, wie man Gleise verlegt, jetzt fahren die Züge und verdienen Geld. Nur kosten die Gleise mehr, als die Züge einbringen. Erinnert euch, als OpenAI ein neues Modell herausgebracht hat und dann Anthropic mit dem neuen Claude, und alle sofort gewechselt sind. Das ist, als würde man das letzte Stück Gleis verlegen, sich umdrehen, und hinter einem liegt schon ein neuer Satz Gleise, die Züge fahren schneller, und man muss wieder von vorne anfangen. Was macht man dann? Es ist illegal, dass sich alle an einen Tisch setzen und vereinbaren, weniger in Forschung und Entwicklung zu stecken, das wäre ein Kartell. Vielleicht erlaubt es die Regierung ja irgendwann. Und dann fragt man, ob man auch verbieten kann, dass China weiterforscht.

Anthropic-IPO: Kleinanleger:innen als Exit-Liquidität

In wenigen Wochen geht Anthropic an die Börse. Im Börsenprospekt verweisen sie darauf, dass sie profitabel werden.

Cory Doctorow: Aber nicht nach allgemein anerkannten Rechnungslegungsgrundsätzen. Ich kann auch fliegen, wenn man nicht so genau hinschaut, wie weit ich vom Boden entfernt bin. Noch nie war jemand so profitabel, dass er sich neue Rechenmethoden ausdenken musste, um zu zeigen, wie profitabel er ist. „Wir sind profitabel, wenn man so rechnet, dass bestimmte Kosten nicht zählen“, das ist nicht profitabel. Wenn deine Kosten nicht zählen, ist jeder profitabel.

Ich denke, dass sie, wie Elon Musk, ihre Aktien an Kleinanleger:innen verkaufen werden, denen man jahrelang erzählt hat, sie müssten privat vorsorgen, wenn sie im Alter nicht verhungern wollen. Eure Eltern und Großeltern werden ihre Pensionsvorsorge in diese Aktien stecken, und die Insider werden verschwinden. Wie bei Elon Musk wird die Aktie unter Wasser geraten.

Ist der Anthropic-IPO also der Höhepunkt der KI?

Cory Doctorow: Ob sie es schaffen, ist eine interessante Frage. Denn die große Frage ist, ob sie denselben Deal bekommen wie Elon Musk. Musk durfte direkt in den Index. Im Finanzkunde-Unterricht lernt man, dass man nicht einzelne Aktien, sondern einen Index kaufen soll, weil man so gegen Volatilität und Risiken abgesichert ist. Ein Index ist eine Wette auf den ganzen Markt. Normalerweise nehmen die Börsen Unternehmen nicht nur dann in einen Index auf, wenn sie zu den größten gehören, sondern erst nach ein paar Quartalen. Sie müssen Stabilität zeigen, denn oft haben Firmen beim Börsengang einen großen Kurssprung, der dann wieder fällt, wenn mehr Informationen auf den Markt kommen und sich eine realistischere Bewertung einstellt.

Das Problem ist: Wenn du einen Fonds auf den S&P 500, den FTSE 100 oder den Nasdaq 100 verwaltest, bist du rechtlich verpflichtet, die Aktien im Index zu halten. Wenn SpaceX 3 Prozent des Nasdaq 100 ausmacht, müssen 3 Prozent deines Portfolios SpaceX-Aktien sein, egal zu welchem Preis. Normalerweise gibt es auch Haltefristen für Insider, weil Insider wissen, wann eine Aktie überbewertet ist. Müssen sie 60 oder 90 Tage warten, bevor sie verkaufen, brauchen sie ein echtes Geschäft. Die Nasdaq hat Musks Insider aber schon am ersten Tag verkaufen lassen, auch jene, die ihm Geld für Twitter und für den Aufbau von Grok geliehen haben. So hatte man Fondsmanager:innen, die zu jedem Preis kaufen mussten, eine Firma mit sehr wenigen frei handelbaren Aktien und Insider, die verkaufen durften. Die normalen Anleger:innen mit ihrer Pensionsvorsorge und ihren Indexfonds wurden plötzlich zur Exit-Liquidität für Investor:innen aus den Emiraten und Milliardäre aus dem Silicon Valley, die Elon Musk Geld für Grok geliehen hatten. Das Risiko ist, dass Anthropic denselben Deal bekommt. Wenn ja, setzen wir sehr viele Menschen einem ernsten finanziellen Risiko aus. Wenn nicht, wird es ihr Börsengang schwer haben, denn genau das hat Musks Börsengang so erfolgreich gemacht.

Proteste gegen Rechenzentren und die Wut auf Oligarchie

In den USA und auch in Österreich gibt es Proteste gegen neue Rechenzentren. Wird das ein weiterer großer Hebel gegen KI?

Cory Doctorow: Mein Freund James Boyle erklärt gerne, wie das Wort „Ökologie“ Teil unseres Wortschatzes wurde. Vorher wussten die Leute nicht, dass sie für dieselbe Sache kämpfen. Die einen setzten sich für Wälder ein, andere gegen Lärm im Ozean, wieder andere für charismatische Nachtvögel oder für die Zusammensetzung der oberen Atmosphäre. Es war sehr schwer, für diese einzelnen Anliegen etwas zu verändern. Was „Ökologie“ geleistet hat, war, aus diesen Anliegen eine Bewegung zu machen, sie unter einen Schirm zu bringen.

Wir befinden uns gerade in so einem Moment vor der Ökologie, nur dass es um die Wut über Oligarchie geht. Manchmal zeigt sie sich in Wahlentscheidungen, manchmal als Occupy, manchmal als Kampf gegen Rechenzentren oder gegen Big Data und Überwachung. Uns fehlt noch die verbindende Idee.

Man sieht das beim Kartellrecht. Die Anti-Monopol-Bewegung in den USA war unter der ersten Trump-Regierung stark, obwohl Trump selbst dafür keinen Finger gerührt hat. Dann kam Kanada: Unsere Wettbewerbsbehörde war die schlechteste der Welt. Sie hatte in ihrer gesamten Geschichte nur drei Fälle vor Gericht und hat nie gewonnen. Dann hat Justin Trudeau, der nicht gerade für Kooperation steht, ihr mehr Befugnisse gegeben als irgendeine andere Regulierungsbehörde der Welt. Im Vereinigten Königreich hat die Competition and Markets Authority in fünf Jahren mehr getan als ihre Vorgängerinnen in 40 Jahren, und zwar unter konservativen Regierungen. Hier in der EU gibt es den Digital Markets Act und den Digital Services Act. Aber auch die Behörden in Deutschland, Frankreich, Spanien, Südkorea, Japan, Singapur, Australien und sogar China gehen gegen Monopole vor.

Das ist verrückt, denn jede Politikwissenschaftlerin wird dir sagen, dass Politik die Wünsche der Milliardäre umsetzt. Und kein Milliardär will Kartellrecht, denn sie verdienen ihr Geld mit Monopolen. Trotzdem setzen Regierungen jeder politischen Richtung Kartellrecht durch. Sie wissen nur nicht, dass sie auf derselben Seite stehen wie die Leute von Occupy oder die Menschen, die gegen Rechenzentren kämpfen. Das ist der Trichter, über den wir Menschen für ein breites Projekt gegen Oligarchie gewinnen können. Ich verstehe, warum Leute kein Rechenzentrum im Hinterhof wollen. Aber wenn kein Rechenzentrum kommt, kommt etwas anderes, zum Beispiel ein Waldbrand, weil wir keinen Klimaschutz betreiben. Und das ist genauso schlimm wie ein Rechenzentrum im Hinterhof, wenn dein Haus abbrennt.

Office 365 statt OpenAI verstaatlichen

Es gibt auch die Meinung, dass man Unternehmen wie Anthropic oder OpenAI teilweise verstaatlichen sollte. Ist das ein Weg?

Cory Doctorow: Ich verstehe, warum man manche Firmen verstaatlichen will, aber diese nicht. Sie machen nichts Wichtiges. Wenn in Österreich die Chatbots abgeschaltet werden, funktioniert jede Behörde und jedes Unternehmen weiter, die Kinder müssen eben ihre Hausaufgaben selbst machen. Bei Office 365 ist das anders. Wenn man Office 365 in Österreich abschaltet, fallen alle Behörden und alle Unternehmen aus, alle Hotels und Restaurants müssten schließen. Das Land würde aufhören zu existieren.

Ich hoffe nicht.

Cory Doctorow: Microsoft hat sich den Wünschen der Trump-Regierung gefügt. Sie haben das Konto des Chefanklägers am Internationalen Strafgerichtshof gesperrt, und in Brasilien das des Staatsanwalts, der gegen Jair Bolsonaro ermittelt hat. Microsoft ist also ein Werkzeug der USA. Das ist wie eine Neutronenbombe: Was im Kalten Krieg alle an der Neutronenbombe „geliebt“ haben, war, dass sie alle Menschen tötet, aber die Gebäude stehen lässt. Das ist die neue Trump-Bombe. Man kann ein Land als Verwaltungs- und Wirtschaftssystem abschalten. Wenn man Office 365 und Outlook abdreht, können die Ministerien keine Meetings mehr organisieren, weil sie Outlook dafür benutzen. Das ist das strukturelle Risiko. Office 365 zu verstaatlichen oder so zu öffnen, dass wir alle Daten herausholen und in europäische Systeme übertragen können, das ergibt Sinn. Aber die Chatbots von OpenAI machen nichts Wichtiges. Warum sollte man ein Unternehmen verstaatlichen, das die größten Verluste der Menschheitsgeschichte macht? Kein Unternehmen hat je so viel Geld verloren wie die KI-Firmen, mehr als die Tulpenblase, die Südseeblase und die Eisenbahnblase, selbst in heutigen Preisen gerechnet. Das ist, als würde man einen Ertrinkenden sehen und sagen: Den sollten wir uns an die Beine binden. Lasst ihn erst einmal selbst schwimmen lernen, dann können wir vielleicht etwas davon übernehmen.

Die Rezession nach dem Crash

Wenn die KI-Blase platzt, rutscht dann die US-Wirtschaft in eine Rezession?

Cory Doctorow: Ich weiß nicht, wie man 35 Prozent des S&P 500 verlieren kann, ohne in eine Rezession zu rutschen. Apollo Capital hat bereits einen Analysebericht veröffentlicht, der den S&P 500 in die „S&P 493“ und die „Magnificent 7“ aufteilt. Die S&P 493 befinden sich bereits in einer Rezession, die US-Wirtschaft also auch. Und wir binden produktive Kapazitäten, die eigentlich etwas herstellen könnten. Solaranlagen, Batterien und Deiche bringen dieselbe wirtschaftliche Aktivität, brauchen dieselben kritischen Rohstoffe und dieselben Arbeitskräfte wie der Bau von Rechenzentren, sind aber viel nützlicher und viel billiger.

Die USA sind ohne KI bereits in einer Rezession. Wenn die Blase platzt, rutschen sie in eine sehr tiefe Rezession. Ich glaube allerdings nicht, dass sich das stark ausbreitet, weil die EU nicht so stark exponiert ist, sondern vor allem die US-Finanzwelt. Trotzdem tut Trump alles, um das zu verhindern, indem er die Welt mit seiner Isolation und seinen Zöllen vor den Kopf stößt. Genosse Trump hat mehr dafür getan, die Welt vom US-Dollar, vom US-Internet und vom Öl wegzubringen, als Greta Thunberg, Yanis Varoufakis und ich zusammen. Irgendwie interessant.

Europas Chance: Server kaufen, Mauern einreißen

In Europa wird viel über digitale Souveränität und KI diskutiert. Ist das eine Chance für Europa, eigene KI-Modelle zu bauen?

Cory Doctorow: Ich weiß nicht, warum ihr eigene KI-Modelle bauen solltet. Wenn ihr KI wollt, wartet, bis die Blase platzt, und kauft alles mit 90 Prozent Rabatt. Als ich in San Francisco lebte, wollte ich vor dem Dotcom-Crash einen Steelcase-Leap-Bürosessel, der 1.500 Dollar kostete. Dann platzte die Blase, und ich bin zu einem Lager gefahren, in dem ein Typ saß wie auf den Bildern von 1929, wo ein Millionär neben seinem Rolls-Royce an der Wall Street Äpfel verkauft. Er hatte alle Server, und er hatte eine Halle voller Steelcase-Leap-Sessel in Plastik verpackt, für 25 Dollar das Stück. Ich habe sechs davon gekauft und sie zehn Jahre lang als Esszimmerstühle benutzt. Heute sind die KI-Server und die KI-Techniker:innen die Steelcase-Leap-Sessel.

Es gibt eine große Debatte über digitale Souveränität, und Souveränität bedeutet vor allem Unabhängigkeit von amerikanischen Diensten. Darauf gibt es eine Antwort, und ein Teil davon ist bereits auf gutem Weg. Europäische Infrastruktur-Konsortien bauen Rechenzentren. Es ist nicht schwer, Kapital für Rechenzentren aufzutreiben, jeder will Vermieter für Rechenleistung sein. Auch Programmierer:innen, die die amerikanischen Apps nachbauen, sind nicht schwer zu finden. Trump hat viele Programmierer:innen aus Amerika vertrieben, die zehn Jahre lang Unsinn gebaut haben, Scheinfirmen, die darauf ausgelegt waren, von Big Tech gekauft zu werden, oder die die Zahl der Werbeklicks erhöhen sollten. Sie wollen etwas Echtes bauen.

Das Schwierige ist, die Daten aus den Servern zu holen. Denn nach Artikel 6 der Urheberrechtsrichtlinie von 2001 ist es verboten, diese Apps so zu verändern, dass man seine Daten aus der Microsoft-Cloud herausholen kann. Microsoft wird dabei sicher nicht helfen. Der einzige Grund, warum wir Artikel 6 der Urheberrechtsrichtlinie haben, ist, dass die USA gesagt haben: Wenn ihr das nicht einführt, belegen wir eure Exporte mit Zöllen. Glückwunsch zum Liberation Day: Trump hat uns ohnehin mit Zöllen belegt, für das Verbrechen, seine Apps nicht ausreichend zu schützen. Jetzt können wir unsere digitalen Fesseln abwerfen.

Natürlich wird Apple keinen echten alternativen App Store zulassen, weil sie so tun, als wären sie irisch, und alles Geld nach Irland und von dort weiter fließt. Aber wir könnten europäischen Unternehmen erlauben, iPhones zu entsperren. Dann könnte man bei Lidl oder Aldi an der Kasse für 99 Cent ein kleines Gerät kaufen, das dein Handy entsperrt und einen europäischen App Store installiert. Dass Apple das Recht hat, Europa in Schach zu halten und europäischen Unternehmen zu verbieten, europäischen Menschen in Europa etwas zu verkaufen, ist eine verrückte Politik. Solange wir nicht die Möglichkeit schaffen, Daten von alten Servern zu holen, oder dass man auf einem europäischen Bluesky auch Facebook-Kontakte erreicht, ist es, als würden wir wunderschöne Gemeindebauten wie in Wien in West-Berlin bauen, aber für die Menschen in Ost-Berlin. Egal wie gut das Haus ist, niemand wird dort einziehen. Wir müssen die Mauer einreißen. Wir wissen, wie das geht. In Europa haben wir das 1989 geschafft, wir können es wieder tun.

Letzte Frage: Würdest du Europa also empfehlen, den KI-Crash abzuwarten, etwa ausgelöst durch den Anthropic-IPO?

Cory Doctorow: Ja, oder einfach die Server kaufen. Nutzt die chinesischen Modelle und verbreitet sie, destilliert ihre Gewichte und baut europäische Modelle für das, wofür man sie braucht. Aber das sind nur ein paar Plug-ins. Man kann mit statistischer Inferenz gute Dinge machen, aber es ist nicht Anfang und Ende einer neuen Welt. Wenn man sieht, wie eine neue Welt aussehen kann, dann liegt das Potenzial darin, dass Menschen die Technologie für sich selbst aufbauen, statt dass fünf Unternehmen im Silicon Valley das tun. Das ist eine wirklich spannende Zukunft.

Trending Topics: Danke für das Interview.

Cory Doctorow: Vielen Dank, tschüss.

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