Stellenabbau

KI-Welle erfasst Canva: Design-Riese streicht mehr als 1.000 Jobs

Canva co-founders Cliff Obrecht, Cameron Adams and Melanie Perkins sitting on a green sofa
Canva co-founders Cliff Obrecht, Cameron Adams and Melanie Perkins (from left). © Canva

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Erst Liebling der Startup-Welt, jetzt das nächste große Opfer der KI-Welle: Der australische Design-Riese Canva baut soeben radikal um. Betroffen sind 1.271 Stellen, das sind 22 Prozent der Belegschaft. Ein Teil der Mitarbeiter:innen verliert den Job, andere sollen in zentrale Standorte umziehen. Es ist die erste unternehmensweite Kündigungswelle in der 13-jährigen Geschichte von Canva.

„Das ist ohne Zweifel der schwierigste Moment in unserer 13-jährigen Geschichte“, schreibt Mitgründerin und CEO Melanie Perkins in einer Nachricht an die Belegschaft. Nach der Prüfung zahlreicher Alternativen sei sie zum Schluss gekommen, dass kleine Änderungen nicht mehr reichen. „Wir müssen Canva neu gründen und zu unseren Wurzeln zurückkehren: kleine Teams mit Entscheidungsfreiheit, die Verantwortung übernehmen und sich auf das Wesentliche konzentrieren.“

Weniger Ebenen, mehr Sydney

Der Umbau trifft vor allem die Struktur. Die Bereiche Produkt, Growth und Plattform werden zu einer einzigen Produktorganisation zusammengelegt, Managementebenen fallen weg. Sydney soll zur Heimat für mehr Produktteams werden. Ab Jänner müssen Mitarbeiter:innen im Hybridmodell zwei bis drei Tage pro Woche ins Büro.

Canva beschäftigt Menschen in 37 Ländern, die Gespräche mit Betroffenen laufen je nach lokalen Vorgaben unterschiedlich ab. Wer geht, bekommt laut Canva unabhängig vom Standort mindestens sechs Monatsgehälter, darf das Firmen-MacBook behalten und kann einen Zuschuss von 10.000 Dollar (rund 9.000 Euro) für ein eigenes Startup erhalten. Zugang zu Slack und Gmail haben die Betroffenen noch bis Ende der Woche. Kommende Woche ist eine Versammlung mit der gesamten Belegschaft angesetzt.

Wenn KI plötzlich Geld kostet

Direkt mit KI begründet Perkins den Umbau nicht. Sie schreibt lediglich, dass neue Technologie verändere, was Menschen gestalten und was sie von Produkten erwarten. Die Zahlen sprechen eine deutlichere Sprache. Erstmals seit zehn Jahren ist das Wachstum von Canva heuer eingebrochen. Statt der zuvor geplanten 30 Prozent rechnet das Unternehmen 2026 nur noch mit rund 20 Prozent Umsatzplus, nach 38 Prozent im Jahr 2025 und 45 Prozent im Jahr davor.

Ein Grund dafür liegt im Geschäftsmodell. Lange kostete ein Design Canva so gut wie nichts. Mit KI-Funktionen für mehr als 200 Millionen Gratis-Nutzer:innen fallen plötzlich für jede Anfrage Rechenkosten an. „Die Kosten, eine Person zu bedienen, sind von Cents pro Monat auf viele, viele Cents mehr gestiegen“, sagte Mitgründer Cliff Obrecht im August. Den Rollout des großen KI-Updates Canva AI 2.0 musste das Unternehmen deshalb bremsen.

Dazu kommt der Druck von außen. Investor:innen fürchten, dass KI-Tools klassische Software-Anbieter überflüssig machen, Design-Software trifft das besonders hart. Canvas größter Geldgeber Blackbird senkte die Bewertung im August um 17 Prozent auf 34,9 Milliarden Dollar (rund 31,4 Milliarden Euro), 2025 waren es noch 42 Milliarden Dollar. Canva selbst bewertet sich intern nur noch mit 31 Milliarden Dollar (rund 27,9 Milliarden Euro). Der für 2027 erwartete Börsengang soll laut Berichten auf Eis liegen.

Figma, Lovable und die KI-Labore

Canva ist mit dem Problem nicht allein. Die Aktie des Konkurrenten Figma hat heuer trotz starken Umsatzwachstums rund 44 Prozent verloren. Gleichzeitig drängen neue Anbieter in den Markt: Das schwedische Vibe-Coding-Startup Lovable baut Websites und Apps per Prompt, und KI-Labore wie Anthropic greifen mit Tools wie Claude Design direkt im Design-Markt an. Wie hart die KI-Welle etablierte Software-Firmen trifft, zeigte zuletzt auch Miro: Der Whiteboard-Anbieter ging um 1,4 Milliarden Dollar an Bending Spoons, nachdem er 2022 noch mit 17,5 Milliarden Dollar bewertet worden war.

Auch in Australien selbst rollt die Kündigungswelle. Atlassian strich heuer 1.600 Jobs, WiseTech Global kündigte den Abbau von 2.000 Stellen an, fast ein Drittel der Belegschaft. In Europa baute etwa der KI-Übersetzer DeepL ein Viertel seiner Belegschaft ab.

Canva setzt auf eigene Modelle

Canva selbst will trotzdem von KI profitieren und setzt dabei zunehmend auf eigene Modelle. Damit will das Unternehmen unabhängiger von teuren Partner-Modellen werden, während Nutzer:innen in ChatGPT oder Claude längst selbst Bilder, Infografiken und ganze Designs per Prompt erstellen können.

Kürzlich stellte Canva mit Craft sein erstes eigenes Bildmodell vor, das im Ranking von DesignArena laut Canva auf Platz zwei landet. Eine Woche später folgte Brush, ein Vision-Language-Modell, das Designs analysiert und auf Zuruf bearbeitet, von einer einzelnen Textzeile bis zu allen Folien einer Präsentation. Entwickelt hat beide Modelle Canva Research, das hauseigene KI-Labor mit 160 Mitarbeiter:innen. Brush basiert auf einem führenden Open-Weight-Modell, das Canva mit echten Design-Aufgaben und Reinforcement Learning nachtrainiert hat. Im Vergleich zum bisherigen Design-Agenten arbeite Brush bei allgemeinen Bearbeitungen bis zu 69 Prozent schneller und koste pro Aufgabe 46 Prozent weniger. „Bei Hunderten Millionen Menschen, die Milliarden Designs erstellen, summieren sich schon ein paar Cent mehr pro Aufgabe schnell“, schreibt Canva.

Die Kosten für die eigenen KI-Produkte habe man bereits um rund 90 Prozent gesenkt, sagte Obrecht im August laut Forbes Australia. „Das heißt, wir können es jetzt richtig hochfahren.“ Seit dem Start von Canva AI 2.0 erstellen Nutzer:innen dreimal so viele Designs. Mit 265 Millionen monatlichen Nutzer:innen und mehr als 1,5 Milliarden Dollar (rund 1,35 Milliarden Euro) auf dem Konto habe man es mit dem Börsengang auch nicht eilig, heißt es von Canva.

Für die Investor:innen wird das Warten allerdings lang. Der australische VC Airtree hat seine Geldgeber:innen gebeten, die Laufzeit seines ersten Fonds aus dem Jahr 2014 bis Juli 2028 zu verlängern, in der Hoffnung auf einen Exit bei Canva. Auch die meisten Mitarbeiter:innen halten Anteile am Unternehmen.

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