„Österreich ist ein idealer Testmarkt für internationale Startups und Scale-ups“
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Wer aus Bratislava, Berlin oder Budapest nach Wien blickt, sieht oft nur Walzer und Berge. René Tritscher, Geschäftsführer der Austrian Business Agency (ABA), sieht Forschungsprämie, Testmarkt und Kundennähe. Im Gespräch erklärt er, warum internationale Startups und Konzerne ihre Entwicklung ausgerechnet in Österreich ansiedeln, was BMW in Steyr plant und woran der Standort noch arbeiten muss.
Die ABA ist die Standortagentur der Republik. Mit INVEST in AUSTRIA berät sie ausländische Unternehmen beim Markteintritt und bei der Expansion in Österreich, mit WORK in AUSTRIA unterstützt sie Arbeitgeber:innen beim internationalen Recruiting. In den vergangenen fünf Jahren hat sie 369 Ansiedlungsprojekte begleitet, rund 70 pro Jahr, mit mehr als 2.100 entstandenen Jobs.
Warum ausgerechnet Österreich?
Eine Gründerin aus Bratislava, ein Scaleup-CEO aus Berlin und ein Entwickler aus Budapest fragen Sie, warum ausgerechnet Österreich. Was antworten Sie?
René Tritscher: Österreich ist ein kaufkräftiger Markt mit einer extrem starken Forschungs- und Innovationslandschaft, hochqualifizierten Fachkräften, Stabilität und Lebensqualität. Das ist der ideale Ausgangspunkt, um im DACH-Raum und in Europa zu wachsen, und von Bratislava oder Budapest aus nur einen Katzensprung entfernt.
Welche Vorurteile über den Standort hören Sie am häufigsten?
Erstens: Österreich sei bürokratisch. Dafür gibt es INVEST in AUSTRIA und WORK in AUSTRIA, wir begleiten Unternehmen und Fachkräfte durch die Behördenlandschaft. Bei der digitalen Verwaltung ist Österreich international ohnehin ein Vorzeigeland. Zweitens: Eine Gründung dauere lange. Gerade für Startups ist die FlexCo ein gutes Instrument, weil sie maßgeschneidert ist und die Gründung beschleunigt. Drittens: Österreich sei ein zu kleiner Markt. In der Praxis sehen wir genau das Gegenteil. Als kleines Land ist Österreich ein idealer Testmarkt, in dem man mit geringeren Einstiegskosten Produkte und Dienstleistungen ausprobieren und von dort aus wachsen kann.
Startups und Scaleups: Wer kommt?
Im vergangenen Jahr hat die ABA 42 Startups und Scaleups bei der Ansiedlung begleitet. In den Jahren 2020 bis 2025 waren es insgesamt 223, die rund 300 Millionen Euro in Österreich investierten und knapp 1.400 Personen beschäftigen. Was haben diese Unternehmen gemeinsam?
Sie kommen aus unterschiedlichen Branchen und Phasen. Mehr als die Hälfte stammt aus IT, Telekom und Software, ein wichtiger und sehr innovativer Bereich. Dazu kommen Pharma und Biotech, wo Startups international kooperieren. Auch bei den Herkunftsländern sind wir breit aufgestellt: Deutschland ist nach wie vor stark vertreten, aus den USA waren es 26 Startups und Scaleups, Tendenz steigend, dazu kommen etwa die Schweiz und die Niederlande.
Gemeinsam ist ihnen eine starke Technologieorientierung, getrieben von KI und Quanten, und ein hoher Internationalisierungswille. Das freut uns, weil wachsende Unternehmen, die in Österreich Fuß gefasst haben, viele Konzernfunktionen oft hier belassen, mit hohem Forschungsanteil und enger Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen.
Warum entscheiden sich Gründer:innen für Österreich und gegen andere Standorte?
Es gibt nie den einen Grund, es entscheidet das Gesamtpaket. Der Testmarkt zählt dazu, der rasche Zugang zu Universitäten, Forschungseinrichtungen und Fachhochschulen und das qualifizierte Personal. Am Anfang braucht ein Startup keine hundert Leute, aber hochqualifizierte. Die HTLs und Fachhochschulen liefern Absolvent:innen, die man dank praxisorientierter Ausbildung schnell einsetzen kann. Dazu kommt der Zugang zum EU-Binnenmarkt.
Die Lebensqualität rundet das Paket ab. Der erste Anker für eine Fachkraft ist ein interessanter Job, für Gründer:innen sind es Marktchancen und Kundennähe. Aber wir merken auch in Konzernen: Die Leute gehen lieber nach Wien als anderswohin, weil Infrastruktur, öffentlicher Verkehr, Kulturangebot und Sicherheit stimmen. Fachkräfte aus Südamerika erzählen uns oft, wie beeindruckend es ist, in Wien nachts sicher durch die Straßen zu gehen.

Finanzierungsrunden, Exits und die Mistral-Frage
Dieses Jahr gab es starke Runden bei Waterdrop, Gropyus, Aviloo, Enpulsion und nyrahealth, dazu große Exits wie Tractive und Emmi AI. Was sagt das über den Standort?
Über 71 Prozent der österreichischen Startups entwickeln Schlüsseltechnologien, die die österreichische Bundesregierung mit ihrer Industriestrategie Österreich 2035 fördern will. Die wirtschaftspolitische Agenda stimmt also, wir stärken unsere Stärken. Die genannten Firmen kommen aus völlig unterschiedlichen Bereichen, das Ökosystem ist breit, und das ist in einer komplexen Welt ein Vorteil. Es zeigt auch, dass wir global skalierbare Technologien entwickeln können.
Emmi AI wurde von Mistral aus Frankreich übernommen, in Linz soll ein großer Mistral-Standort entstehen. Die einen sehen einen Verlust, die anderen einen Gewinn. Wie sehen Sie das?
Man darf das nicht eindimensional betrachten. Ja, es ist ein Defizit, das wir haben. Es liegt aber nicht nur an zu wenig Risikokapital. Bei uns ist Risiko im Kopf eher negativ besetzt, das ist eine kulturelle Sache. Man investiert lieber in späteren Phasen in etwas vermeintlich Sicheres als am Anfang, wenn der Ausgang offen ist.
Gleichzeitig sehen wir in den letzten Jahren den Trend, dass Unternehmen aus Österreich von internationalen Konzernen übernommen werden und danach hier stark wachsen. In einer globalisierten Weltwirtschaft ist es normal, dass man sich gegenseitig finanziert. Wichtig ist, dass die Wertschöpfung im Land bleibt. Das hängt als Erstes am lokalen Management und daran, welche Funktionen am Standort bleiben. Wir haben viele Konzerneinheiten, bei denen österreichische Standorte Aufgaben für andere Länder übernehmen. Das muss das Ziel sein.
Forschungsplatz Österreich
Die Forschungsquote liegt mit 3,34 Prozent unter den Top 3 der EU, 2026 sollen rund 17,6 Milliarden Euro investiert werden. Wo landet das Geld?
Zu einem großen Teil bei den Unternehmen selbst, österreichischen wie internationalen. Die Entwicklung läuft so rasant, dass man nur mit hohen Forschungsausgaben vorne bleibt. In kapitalintensiven Sektoren wie der Mikroelektronik braucht es zusätzlich öffentliche Mittel, EU-Programme und nationale Förderungen, um international mitzuhalten.
Spannend ist: Internationale Unternehmen machen nur zwei Prozent aller Unternehmen in Österreich aus, sind aber für mehr als 50 Prozent der F&E-Ausgaben verantwortlich. Dazu kommt, dass Forschung hier oft mit Produktion einhergeht. Was in der Forschung entsteht, probieren Unternehmen gleich um die Ecke in der Fertigung aus. Österreich ist Forschungsland und Industrieland.
Welche internationalen Unternehmen forschen in Österreich, ohne dass man es weiß?
Die Liste ist lang. GE Healthcare, ein US-Konzern und Weltmarktführer in der Pränataldiagnostik, forscht und produziert in Oberösterreich, Stichwort 3D- und 4D-Technologie. NXP in Gratkorn ist ein wichtiger Standort für Fahrzeugsicherheit, Kryptografie und digitale Identitäten. Boehringer Ingelheim in Wien ist eine zentrale Säule der globalen Forschung des Konzerns. Dazu kommen BMW in Steyr und Bosch, und kleine Startups, in denen Branchen verschmelzen. Das Schöne: Es verteilt sich über das ganze Land, nicht nur auf Wien.
Wie funktioniert die Forschungsprämie?
Unternehmen bekommen 14 Prozent der förderfähigen Aufwendungen für Forschung und experimentelle Entwicklung als steuerfreie Gutschrift. Das gilt für eigenbetriebliche Forschung und für Auftragsforschung, was nicht in allen Ländern so ist, und lässt sich mit FFG-Programmen kombinieren. Für Großprojekte ist sie oft der entscheidende Faktor bei einer Ansiedlung oder Expansion, weil man in der Forschung über hohe Summen und lange Zeiträume redet. Europaweit liegen wir mit diesem Instrument an der Spitze. Dass die Regierung die Prämie weiterführt, ist ein wichtiges Signal.
Gibt es ein Lieblingsbeispiel für die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft?
Das COMET-Zentrum in Graz. Dort haben Universitäten gemeinsam mit Industriepartnern wie AVL, Magna, Siemens Mobility und Infineon ein Simulationsmodell mit offener Schnittstelle entwickelt, über das verschiedene Hersteller gemeinsam arbeiten. Es ist bereits am Markt und hat in der Entwicklung neuer Technologien zu massiven Einsparungen geführt. Es gibt knapp 70 internationale Patente, die Ergebnisse werden im Automobilbereich und bei Schienenfahrzeugen genutzt. Eines muss man ehrlich sagen: Wir monetarisieren Forschungsergebnisse noch nicht so, wie wir es uns wünschen, in einzelnen Projekten gelingt es aber sehr gut.
Beim Virtual Research Talk trafen 153 Forscher:innen aus 42 Nationen auf Österreichs Forschungslandschaft. Was zieht sie an?
Ich hatte das Bild, dass Wissenschaftler:innen mit der Industrie wenig am Hut haben. Dort habe ich das Gegenteil erlebt: Viele wollten einen Karriereschritt in der Wirtschaft machen. Österreich gilt zudem als Land mit sehr modernen Forschungsstrukturen und enger Verbindung von Wissenschaft und Wirtschaft. Überrascht hat mich, wie schnell die Fragen über den konkreten Job hinausgingen: Wie nehme ich meine Partnerin oder meinen Partner mit, wie integriere ich meine Familie? Dafür haben wir ein komplettes Angebot, von der Beratung zur Rot-Weiß-Rot-Karte bis zu Alltagsfragen. Es entscheidet das Gesamtpaket.
Fachkräfte: Karriere und Begleitung
Wenn Sie nur ein Argument für Fachkräfte aus Mittel- und Osteuropa nennen dürften?
Großartige Karrierechancen in international ausgerichteten, sehr erfolgreichen Unternehmen. Ihre Marken sind oft nicht weltweit bekannt, weil sie im Business-to-Business-Bereich arbeiten, die Tätigkeiten sind trotzdem sehr spannend.
Wie hilft WORK in AUSTRIA einem Startup oder Scaleup beim internationalen Recruiting?
In mehreren Phasen. Wir bewerben Stellen international auf Messen und in Webinaren und weisen auf Österreichs Arbeitsstandards und Unternehmen hin. Steht der Dienstvertrag, helfen wir Fachkräften aus Drittstaaten bei Rot-Weiß-Rot-Karte und Behördenprozessen. Dazu gibt es Informationspakete: Wie finde ich mich zurecht, wie eine Wohnung, wie einen Ausbildungsplatz für meine Kinder? Auch bei Verlängerungen des Aufenthaltstitels sind wir da. Wir begleiten die Fachkraft vom ersten Kontakt bis zum Ankommen und darüber hinaus.
West-Ost-Drehscheibe und Mitbewerb
Was ist Ihre liebste Success Story?
Die Investitionen von BMW in Steyr, weil sie so frisch sind. BMW betreibt dort das größte Motorenwerk der Gruppe, dort werden die Elektromotoren produziert. Bis 2030 will BMW rund eine Milliarde Euro investieren, ab 2028 sollen auch Brennstoffzellensysteme entwickelt oder produziert werden. Die ABA hat dieses Projekt begleitet. Es zeigt, dass man selbst in einer hart umkämpften Branche, mit Konkurrenz aus Asien und einer schwierigen Phase der deutschen Autoindustrie, massive Investitionen holen kann, wenn Unternehmen, Rahmenbedingungen und öffentliche Hand zusammenspielen. Der Standort wird abgesichert und ausgebaut, mit Kernfunktion im Konzern.
Gegen welche Standorte setzt sich Österreich durch, und wo hat es Österreich schwer?
Das hängt von der Art des Investments ab. Bei Lohn- und Energiekosten kann Österreich mit manchen Standorten in Europa schwer konkurrieren. In der Forschung kompensieren wir das mit Forschungsprämie, Forschungseinrichtungen und qualifizierten Fachkräften. In der Produktion ist es schwieriger: Hier geht es um Hochautomatisierung und Nischenfertigung, nicht um serielle Massenproduktion. Bei Letzterer, etwa im Automobilbereich, konkurrieren wir mit Regionen wie Ungarn, die stark EU-gefördert sind. Bei hochwertiger Fertigung sind die Mitbewerber eher die Schweiz, die nordischen Länder, die Niederlande oder Deutschland, mit ähnlichen Lohnstrukturen.
Ein Beispiel für Kundennähe: Ein hochautomatisierter Produktionsbetrieb bei Wien mit rund 200 Beschäftigten sitzt bewusst dort, weil seine Kunden in Österreich sind. Er ist in einer Stunde beim Kunden, bei einer Produktion im Ausland bräuchte er neun. Markt- und Kundennähe sind einer der wesentlichen Gründe für Ansiedlung und Expansion.
Was die ABA konkret macht
Wie sieht die Betreuung aus, wenn ein Unternehmen über Österreich nachdenkt?
Sie beginnt schon davor. Wir gehen proaktiv auf Märkte zu, ein Kollege ist gerade in Kanada und hat einen Podcast mit einem kanadischen Influencer aufgenommen. Viele expansionswillige Unternehmen haben Österreich noch gar nicht am Radar, das ändern wir zuerst. Danach folgen Erstgespräch, Information über Standortvorteile und, wenn drei bis fünf Länder in der Auswahl sind, ein konkreter Pitch gegen die Alternativen. Entscheidet sich das Unternehmen für Österreich, unterstützen wir bei Förderberatung, Immobiliensuche, Vernetzung mit Forschungseinrichtungen, Universitäten und Landesagenturen, bei Genehmigungsverfahren und beim Nachholen von Fachkräften. Wir begleiten von A bis Z und danach weiter, wenn weitere Expansionsschritte kommen.
Der Ausblick: drei Schwerpunkte
Was plant die ABA in den nächsten Jahren?
Erstens die Industriestrategie der Bundesregierung mit neun Schlüsseltechnologiefeldern. Dort werden wir sowohl bei Ansiedlungen als auch in der proaktiven Werbung im Ausland einen starken Fokus setzen, etwa auf KI, Quanten und Life Sciences. Zweitens wollen wir Startups und vor allem Scaleups noch stärker betreuen, auch Ausgründungen aus Universitäten, in denen wir hohes Potenzial sehen. Drittens setzen wir auf einen Mix aus digitaler Beratung und persönlicher Betreuung. Bei großen, herausfordernden Projekten, in denen im Standortwettbewerb Kleinigkeiten entscheiden, bleibt die persönliche Beratung unverzichtbar.
Internationale Unternehmen und Gründer:innen, die über die Neugründung oder Erweiterung einer Niederlassung in Österreich nachdenken, können sich von der ABA kostenfrei beraten lassen: investinaustria.at. Wer als Arbeitgeber:in Fachkräfte aus dem Ausland sucht, findet Unterstützung bei WORK in AUSTRIA. Auf dem Laufenden bleibt man mit dem Austrian Business Update.
