calliora holt 6 Millionen Dollar für KI gegen fehlerhafte Klinikrechnungen
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Für deutsche Krankenhäuser wird jeder Abrechnungsfehler bald richtig teuer, und genau darauf setzt ein Münchner Startup: Die KI-Plattform calliora hat in einer Pre-Seed-Runde 6 Millionen US-Dollar (rund 5,1 Millionen Euro) eingesammelt. Angeführt wird die Runde von Bertelsmann Healthcare Investments (BHI) und dem Schweizer VC redalpine. Die Software soll Fehler finden, bevor die Rechnung das Krankenhaus in Richtung Krankenkasse verlässt.
Prüfwelle ab 2027
Hintergrund ist eine Verschärfung, die Kliniken ab 2027 trifft. Das im Juli beschlossene GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz koppelt die Prüfquote an die Qualität der Rechnungen. Bisher durften die Kassen 5 bis maximal 15 Prozent der Rechnungen eines Hauses vom Medizinischen Dienst prüfen lassen. Beanstandet dieser künftig mehr als 35 Prozent der geprüften Rechnungen, steigt die Quote auf bis zu 40 Prozent. Ist mehr als die Hälfte fehlerhaft, fällt die Obergrenze ganz weg, dann sind bis zu 100 Prozent möglich.
Für viele Häuser kommt das zur Unzeit: Laut Deutschem Krankenhausinstitut schrieben 2024 zwei Drittel der Allgemeinkrankenhäuser Verluste.
KI als OP-Assistenz für die Abrechnung
Die meisten Fehler entstehen laut calliora lange vor der Rechnung. Ein Behandlungsfall geht durch viele Hände, und fast jede Station hat ihre eigene Software: Ärzt:innen und Pflegekräfte dokumentieren, Kodierfachkräfte übersetzen Diagnosen in Abrechnungsschlüssel, das Medizincontrolling prüft. Die Informationen für die Rechnung werden oft erst zusammengesucht, wenn Patient:innen längst entlassen sind.
Die KI-Plattform setzt auf die vorhandenen Kliniksysteme auf und führt klinische Dokumentation, Daten aus dem Krankenhausinformationssystem, Kodierung und Prüfverfahren zusammen. Ist eine Diagnose dokumentiert, aber nicht kodiert, oder fehlt ein Nachweis, den der Medizinische Dienst verlangen würde, meldet das System das dem zuständigen Team. Abgedeckt sind derzeit Kodierung, Fallprüfung, das Management der MD-Prüfungen und Controlling. Freigeben müssen weiterhin Menschen, verarbeitet werden die Daten laut Unternehmen ausschließlich in Deutschland.
„Einige der am besten ausgebildeten Menschen im Krankenhaus verbringen einen großen Teil ihres Tages damit, Informationen von einem System ins nächste zu tragen“, sagt Mitgründer und CEO Frederik Träuble. Diese Arbeit solle KI übernehmen, ähnlich einer guten OP-Assistenz, die das Instrument reicht, bevor die Chirurg:innen danach fragen. „Den Schnitt setzt sie nicht. Das bleibt bei den Fachkräften.“
Aufwand je Fall mehr als halbiert
Laut calliora läuft die Plattform bereits im Regelbetrieb, in privaten, öffentlichen und kirchlichen Krankenhäusern in fünf Bundesländern. Insgesamt arbeitet das Startup mit einer zweistelligen Zahl von Kliniken zusammen. Dort sei der Aufwand je Fall um mehr als die Hälfte gesunken, mehr als 90 Prozent der gefundenen Lücken würden vor der Rechnungsstellung geschlossen. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Angaben bisher nicht.
Gegründet wurde calliora 2023 von Frederik Träuble und Jonas Wildberger. Beide haben am Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme in KI promoviert, nach Studien in Cambridge und Oxford und Stationen bei AWS und GSK. Als Berater an Bord ist unter anderem der KI-Forscher Bernhard Schölkopf. Neben BHI, das in Europa etwa auch am Wiener Scale-up Flinn beteiligt ist, und redalpine investieren Business Angels wie der frühere Asklepios-CEO Ulrich Wandschneider, Silo-AI-Gründer Peter Sarlin und Prior-Labs-Mitgründer Frank Hutter. Mit dem Geld sollen die Teams für KI, Engineering und Produkt wachsen.
„Ab 2027 steigt der Preis für jeden Fehler noch einmal“, sagt redalpine-Partnerin Mira Kamp. BHI-Europachef Maximilian Boner verweist auf die USA, wo sich fehlerfreie Echtzeit-Abrechnung bereits als Schlüssel zur Wirtschaftlichkeit von Kliniken durchsetze.
Konkurrenz in der Klinikverwaltung
calliora ist nicht das einzige Startup, das KI auf die Krankenhausbürokratie ansetzt:
- Parallel: Das französische Startup holte im Frühjahr 20 Millionen Dollar unter Führung von Index Ventures. Seine KI-Agenten automatisieren Aufnahme, Abrechnung und Kodierung in mehreren Dutzend Spitälern.
- voize: Das Berliner Startup setzt bei der Pflegedokumentation per Spracheingabe an und sammelte dafür im Vorjahr 9 Millionen Dollar ein.

