Anthropic verbraucht intern mehr Claude, als es seinen Mitarbeiter:innen zahlt
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Bei Anthropic ist der wichtigste Mitarbeiter inzwischen das eigene Produkt, zumindest auf dem Papier.
Der Claude-Entwickler hat in seinem Börsenprospekt eine Zahl versteckt, die mehr über die Arbeitsweise des Unternehmens verrät als jede Umsatztabelle: Seit April übersteigt der Wert der internen Claude-Nutzung, bewertet zu den Preisen, die Anthropic seinen Kund:innen verrechnet, die monatlichen Personalkosten des Unternehmens ohne Aktienvergütung. Die Mitarbeiter:innen konsumieren also mehr an Tokens, als sie an Gehalt bekommen. Laut Business Insider, der den Passus aus dem geänderten S-1 zuerst herausgearbeitet hat, ist der interne Verbrauch zwischen Jänner und September um mehr als das 250-Fache gestiegen. Und mehr als 90 Prozent des Codes, der im September zur Anthropic-Software hinzukam, hat Claude geschrieben.
Was die Zahl bedeutet
Anthropic will damit vor dem Börsengang zweierlei belegen. Erstens, dass das Unternehmen sein eigenes Produkt so intensiv nutzt wie kein Kunde, was die Wachstumskurve glaubwürdiger macht: Der Umsatz hat sich binnen eines Jahres verzwölffacht, 17 Milliarden Dollar im dritten Quartal, während die Belegschaft deutlich langsamer gewachsen ist. Zweitens, dass Claude die eigene Entwicklung beschleunigt. Wer 90 Prozent seines Codes von der KI schreiben lässt, braucht für dasselbe Ergebnis weniger Entwickler:innen, oder liefert mit derselben Zahl mehr. Für Investor:innen ist das die Vorlage für das Argument, mit dem Anthropic und OpenAI ihre Bewertungen rechtfertigen: KI, die KI baut, und damit den Vorsprung vergrößert, statt ihn zu halten.
Die Kehrseite steht ebenfalls im Prospekt, in den Risikofaktoren. Anthropic weist darauf hin, dass die Abhängigkeit von Claude bei der eigenen Entwicklung ein Risiko ist, wenn Modelle Fehler oder Sicherheitslücken in den Code einbauen, die Menschen nicht mehr vollständig prüfen. Ein Vorgeschmack darauf lief am Wochenende durch die Branche: Die Anthropic-Erweiterung für VS Code war auf der Plattform Cursor fast zwölf Stunden lang mit einer Backdoor versehen, bevor der Angriff bemerkt wurde.
Was die Zahl nicht bedeutet
So eindrucksvoll der Vergleich klingt, so vorsichtig sollte man ihn lesen. Der interne Verbrauch wird zu Listenpreisen bewertet, also zu dem, was Außenstehende zahlen würden, nicht zu dem, was Anthropic die Rechenleistung tatsächlich kostet. Da im Listenpreis eine Marge steckt, die Anthropic bei sich selbst nicht verrechnet, gibt das Unternehmen real weniger Geld für die interne KI-Nutzung aus als für Gehälter. Die Aussage „Claude ist teurer als die Belegschaft“ wäre daher falsch. Richtig ist: Hätten die Mitarbeiter:innen ihre Nutzung extern eingekauft, wäre die Rechnung höher als ihr Gehalt.
Wie groß der Unterschied ist, lässt sich grob abschätzen. Anthropic wird eine Bruttomarge von rund 85 Prozent nachgesagt, und beim API-Geschäft, also dem Verkauf von Tokens, dürfte sie in der Größenordnung von 80 Prozent liegen: Von einem Dollar Listenpreis entfallen dann etwa 20 Cent auf Rechenleistung und Infrastruktur, der Rest ist Marge. Wenn der interne Verbrauch im April zu Listenpreisen die Personalkosten gerade überstiegen hat, kostete er Anthropic tatsächlich etwa ein Fünftel der Gehaltssumme. Oder umgekehrt: Die Nutzung müsste zu Listenpreisen rund das Fünffache der Personalkosten erreichen, bevor Claude dem Unternehmen real so viel kostet wie seine Mitarbeiter:innen. Bei einem Anstieg um das 250-Fache in neun Monaten ist das keine abwegige Größenordnung mehr, nur sagt der Prospekt nicht, wo die Nutzung im September stand, sondern nur, dass sie seit April über der Gehaltssumme liegt.
Dazu kommt, dass Tokens Verbrauch messen, nicht Ergebnis. Ein 250-facher Anstieg kann bedeuten, dass Claude in neun Monaten extrem produktiv geworden ist, oder dass Agenten rund um die Uhr laufen und große Teile ihrer Arbeit verwerfen. Beides erzeugt dieselbe Zahl. Und „von Claude geschrieben“ heißt nicht „ohne Menschen entstanden“: Jede Zeile muss weiterhin geprüft, getestet und verantwortet werden, Architektur und Sicherheitsentscheidungen bleiben bei Menschen. Die Kosten verschwinden damit nicht, sie wandern, von Gehältern zu Chips, Strom und Rechenzentren, wofür Anthropic sich zu Ausgaben von 895 Milliarden Dollar verpflichtet hat.
Dass ein Unternehmen vor dem Börsengang die Zahl wählt, die am besten klingt, ist normal. Bemerkenswert ist, dass Anthropic sie überhaupt veröffentlicht: Bisher gab es für die These, dass KI-Labore ihre eigene Produktivität vervielfachen, vor allem Anekdoten. Jetzt gibt es eine Zahl in einem SEC-Dokument, und ab dem Börsengang Ende November wird sie quartalsweise überprüfbar.
