Crypto trotzt dem Zinswind: Ethereum legt 8% zu Solana bei fast +6%
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Der Kryptomarkt bekommt gerade das schlechteste Makro-Szenario seit Monaten serviert, und er steigt trotzdem. Die US-Inflation blieb im August bei 3,4 Prozent, die Kernrate legte auf Monatssicht mit 0,3 Prozent stärker zu als erwartet, und die Anleihenmärkte preisen für den Zinsentscheid in der kommenden Woche inzwischen nahezu sicher eine Anhebung ein, wie CoinDesk berichtet. Ethereum steht danach mehr als acht Prozent höher, Bitcoin hält sich über 79.000 Dollar, und praktisch der gesamte Top-Bereich des Marktes ist grün.
Der Reflex war zunächst der erwartbare: Unmittelbar nach Veröffentlichung der Daten rutschte Bitcoin auf 76.700 Dollar ab. Gekauft wurde dieser Rücksetzer innerhalb von Stunden. Genau darin liegt die Nachricht, denn die Zinsseite hat sich in den vergangenen zwei Wochen radikal gedreht, ohne dass es die Kurse nachhaltig erwischt hätte.
Der Markt im Überblick
| Coin | Preis | 24h | 7 Tage |
|---|---|---|---|
| Bitcoin (BTC) | 79.464 $ | +2,84 % | −0,03 % |
| Ethereum (ETH) | 2.636 $ | +8,17 % | +7,38 % |
| BNB (BNB) | 738,75 $ | +3,96 % | +3,29 % |
| XRP (XRP) | 1,42 $ | +4,45 % | +0,93 % |
| Solana (SOL) | 105,47 $ | +5,66 % | +3,76 % |
| TRON (TRX) | 0,3374 $ | −0,34 % | +2,35 % |
| Hyperliquid (HYPE) | 83,64 $ | +3,04 % | −1,74 % |
| Zcash (ZEC) | 1.207 $ | +2,82 % | +21,99 % |
| Dogecoin (DOGE) | 0,08779 $ | +4,47 % | +2,97 % |
| Monero (XMR) | 518,10 $ | +2,78 % | −1,31 % |
Wie stark der Gegenwind wirklich ist
Das Ausmaß der Neubewertung am Zinsmarkt lässt sich beziffern. Nach Angaben von CoinDesk sind die Händler:innen binnen zweier Wochen von der Annahme, für den Rest des Jahres komme gar keine Erhöhung mehr, dazu übergegangen, sich gegen bis zu 75 Basispunkte Straffung abzusichern. Die zehnjährige US-Rendite kletterte in dieser Zeit vom Bereich um 4,60 Prozent auf knapp unter 5,00 Prozent, die zinssensiblere zweijährige von 4,20 auf über 4,60 Prozent. Auslöser war die Rede von Fed-Chef Kevin Warsh in Jackson Hole, der durchblicken ließ, dass die Notenbank handeln müsse, falls sich die Teuerung nicht bald abschwäche.
Der Preisbericht lieferte diese Abschwächung nicht. Ein Drittel des Monatsanstiegs von 0,4 Prozent ging auf Benzin zurück, berichtet die Financial Times, im Hintergrund steht ein Brent-Preis von über 100 Dollar. „Wir steuern jetzt auf eine Anhebung zu“, zitiert die Zeitung Kurt Lewis von Piper Sandler: Alle hätten darauf gewartet, dass noch eine schlechte Nachricht dazukommt, und das sei nun ausreichend gewesen.
Für Krypto-Assets ist das lehrbuchmäßig schlechtes Umfeld. Steigende Realzinsen erhöhen die Opportunitätskosten unverzinster oder gering verzinster Anlagen, und die Sparte hat in den vergangenen Jahren zuverlässig auf jede Straffungsfantasie mit Abgaben reagiert.
Warum die Kurse trotzdem steigen
Der Markt wird derzeit von Kräften getragen, die mit der Zinskurve wenig zu tun haben.
Zuflüsse statt Zinsfantasie: Die US-Spot-Bitcoin-ETFs verzeichneten sieben Handelstage in Folge Zuflüsse von zusammen 2,5 Milliarden Dollar, die stärkste Woche seit rund zehn Monaten, wie Trending Topics berichtet hat. Dieses Geld kommt aus Allokationsentscheidungen, die nicht wöchentlich revidiert werden.
Positionierung: Beim Ausbruch über 80.000 Dollar wurden Short-Positionen im Volumen von über 4,3 Milliarden Dollar liquidiert, an einem einzigen Tag allein 2,7 Milliarden. Wer jetzt gegen den Markt positioniert ist, tut das mit deutlich mehr Respekt.
Risikoappetit über die Assetklassen hinweg: Auffällig ist, dass auch die Nasdaq-100-Futures nach den Daten ins Plus drehten. Der Markt liest eine Anhebung offenbar als Beleg für eine robuste Konjunktur, nicht als Beginn einer Kreditklemme.
Warum Ethereum vorne liegt
Innerhalb dieses Bildes ist ETH der relative Gewinner, und dafür gibt es drei handfeste Gründe.
Die ETF-Bilanz: Eine Auswertung von 24/7 Wall St. zeigt, dass die US-Ether-ETFs im laufenden Jahr netto rund 863 Millionen Dollar eingesammelt haben, während bei den Bitcoin-Produkten unterm Strich etwa eine Milliarde Dollar abgeflossen ist. Wer institutionell aufbaut, tut das derzeit überdurchschnittlich oft über Ethereum.
Angebot, das vom Markt verschwindet: Allein BitMine Immersion Technologies, das Vehikel rund um Tom Lee, hält nach Daten von The Block knapp 5,93 Millionen ETH im Wert von mehr als 14 Milliarden Dollar und hat den Großteil davon gestakt. Das ist eine Größenordnung von fast fünf Prozent des Umlaufs, die dem kurzfristigen Handel entzogen ist. Steigende Zinsen ändern an diesem Mechanismus nichts.
Aufholpotenzial: Ethereum liegt im Jahresvergleich weiterhin deutlich im Minus, in der jüngsten Erholungsphase aber vor Bitcoin. Diese Kombination aus hohem Beta und gedrückter Jahresperformance zieht in Aufwärtsphasen Kapital an.
Das Staking-Argument, das ETH in den vergangenen Quartalen getragen hat, wird von der Zinsentwicklung dagegen angeknabbert: Je näher die risikolose US-Rendite an fünf Prozent rückt, desto weniger Alleinstellung hat ein laufender Ertrag aus dem Netzwerk.
Die Probe folgt in der kommenden Woche
Der eigentliche Test steht noch aus. Bisher handelt der Markt eine Erwartung, in der kommenden Woche handelt er eine Entscheidung. Fällt sie hawkisher aus als eingepreist, trifft das einen Markt, dessen Sentiment mit einem Fear-and-Greed-Index von 81 Punkten im Bereich „extreme greed“ liegt und dessen Anstieg zu einem erheblichen Teil auf erzwungenen Short-Eindeckungen beruht, also auf Käufen, die sich nicht wiederholen lassen. Hält die Rally auch danach, wäre das ein starkes Argument dafür, dass Krypto-Assets diesmal weniger an der Zinskurve hängen als in den Zyklen davor.

