EU will Small Modular Reactors mit 200 Millionen Euro fördern
Im Zuge es KI-Booms sind sie ein enorm heißes Thema in Bezug auf die Stromversorgung von Rechenzentren geworden: Kleine Nuklearreaktoren, kurz meist einfach SMRs genannt. Während wie berichtet Big Techs wie Meta, Amazon oder Google bereits massiv in den Bereich investieren, war man in Europa bisher eher zögerlich, was das Thema angeht. Die EU-Kommission will das nun ändern und setzt sich stark für SMRs ein.
Die Europäische Kommission hat eine Strategie zur Entwicklung und Einführung von Small Modular Reactors (SMRs) in Europa vorgelegt. Das Dokument sieht unter anderem eine finanzielle Unterstützung von 200 Millionen Euro vor, um die Kommerzialisierung dieser neuen Reaktortechnologie zu beschleunigen.
Was sind Small Modular Reactors?
SMRs sind Kernreaktoren, die kleiner als herkömmliche Atomkraftwerke sind und modular aufgebaut werden können. Das bedeutet, dass Komponenten in Fabriken vorgefertigt und dann zur Baustelle transportiert werden. Die Kommission unterscheidet drei Kategorien: Leichtwasser-SMRs (basierend auf bewährter Technologie), Advanced Modular Reactors (AMRs) mit innovativen Kühlkonzepten und Mikroreaktoren mit einer Leistung unter 10 Megawatt.
SMRs stehen aber auch in der Kritik, weil es viele technische, wirtschaftliche, sicherheitsrelevante und umweltbezogene Probleme gibt (mehr dazu hier). Genehmigungen stehen aus, auch kommt es bei den SMRs immer wieder zu Rückschlägen. In Österreich hat sich Emerald Horizon aus Graz auf SMRs spezialisiert und bereitet gerade seinen Börsengang im ATX Prime vor (mehr dazu hier).
Geplante Einsatzbereiche
Laut der Strategie sollen SMRs nicht nur Strom produzieren, sondern auch Wärme für industrielle Prozesse liefern. Die Kommission nennt konkrete Anwendungsfälle:
- Chemische Industrie: Bereitstellung von Dampf bei Temperaturen zwischen 200 und 550 Grad Celsius für Produktionsprozesse
- Fernwärme: Versorgung moderner Wärmenetze, die bei 70 bis 120 Grad Celsius arbeiten
- Rechenzentren: Stromversorgung für energieintensive KI-Infrastruktur, die bis 2030 etwa 115 Terawattstunden verbrauchen könnte
- Schwer zu dekarbonisierende Sektoren: Stahl, Raffinerien, maritime Anwendungen und Verteidigung
Die 200-Millionen-Euro-Förderung
Die Kommission plant eine temporäre Aufstockung des InvestEU-Programms um 200 Millionen Euro bis 2028. Diese Mittel sollen gezielt die Einführung der ersten kommerziellen Einheiten innovativer Nukleartechnologien unterstützen, darunter Leichtwasser-SMRs, AMRs, Mikroreaktoren und Fusionsenergie.
Die Förderung ist als Risikominderungsinstrument konzipiert. Sie soll private Investitionen mobilisieren, indem sie die hohen Anfangskosten und langen Genehmigungsverfahren abfedert. Laut Kommission ist dies notwendig, weil das Geschäftsmodell von SMRs, trotz theoretischer Vorteile durch kürzere Bauzeiten und kleinere Investitionsbeträge, in der Praxis noch nicht bewiesen wurde.
Begründung der Förderung
Die Kommission nennt mehrere strategische Gründe für die Unterstützung von SMRs:
Energiesicherheit und Dekarbonisierung
SMRs sollen zur Versorgungssicherheit beitragen, indem sie die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen reduzieren und erneuerbare Energien ergänzen. Sie können grundlastfähigen, CO2-armen Strom liefern und gleichzeitig zur Netzstabilität beitragen.
Industrielle Wettbewerbsfähigkeit
Die Strategie betont das Potenzial von SMRs, ganze Wertschöpfungsketten in Europa zu mobilisieren, von Ingenieurwesen über fortgeschrittene Materialien bis hin zur Robotik. Die Kommission sieht darin eine Chance, hochqualifizierte Arbeitsplätze zu schaffen und langfristige Exportkapazitäten aufzubauen.
Globaler Wettbewerb
Das Dokument verweist auf massive Investitionen in anderen Ländern: Die USA haben 900 Millionen US-Dollar für SMR-Projekte bereitgestellt, Kanada investiert 3 Milliarden Kanadische Dollar, und das Vereinigte Königreich hat einen Fonds von 385 Millionen Pfund eingerichtet. Erste SMRs sind bereits in China und Russland in Betrieb.
Technologische Führungsrolle
Die Kommission argumentiert, dass Europa seine jahrzehntelange Forschung und sein Know-how in der Nukleartechnologie nutzen muss, um im entstehenden SMR-Markt wettbewerbsfähig zu bleiben. Besonders AMRs sollen Europas technologische Führungsposition sichern.
Zeitplan und Erwartungen
Die Strategie zielt darauf ab, die ersten SMRs in Europa Anfang der 2030er Jahre in Betrieb zu nehmen. Vorläufige Schätzungen gehen von einer installierten SMR-Kapazität zwischen 17 und 53 Gigawatt bis 2050 aus, sowohl für Stromerzeugung als auch für andere Zwecke wie Wärme, Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe.
Weitere Unterstützungsmaßnahmen
Neben der direkten Finanzierung sieht die Strategie weitere Instrumente vor:
- Nutzung des Innovationsfonds für Projekte im Vorkommerzialisierungsstadium
- Entwicklung eines Important Project of Common European Interest (IPCEI) für innovative Nukleartechnologien
- Möglichkeit, bestimmte Gebiete als „SMR Valleys“ unter dem Net-Zero Industry Act auszuweisen, um Genehmigungsverfahren zu beschleunigen
- Staatliche Beihilfen unter dem Clean Industrial Deal State Aid Framework
- Unterstützung durch den neuen Scaleup Europe Fund für innovative Start-ups
Herausforderungen und Bedingungen
Die Kommission betont, dass der Erfolg von mehreren Faktoren abhängt: Zugang zu Kapital, Bündelung von Wissen und Ressourcen, Harmonisierung regulatorischer Rahmenbedingungen zwischen Mitgliedstaaten, Verkürzung von Genehmigungszeiten, Standardisierung von Designs und Entwicklung starker Lieferketten.
Ein zentraler Punkt ist die Konzentration auf eine begrenzte Anzahl vielversprechender Projekte. Die im September 2025 gegründete European Industrial Alliance on Small Modular Reactors soll die Industrieaktivitäten koordinieren und sicherstellen, dass Ressourcen effizient eingesetzt werden. Die Kommission fordert die Mitgliedstaaten auch auf, Kommunikations- und Aufklärungsmaßnahmen zu entwickeln, um das Verständnis und Vertrauen der Öffentlichkeit in SMRs zu fördern.
