Innotech Expo

CardioMirror: Wie ein smarter Spiegel Herzfrequenz, Blutdruck und Stress misst

CardioMirror of FaceHeart. © Trending Topics
CardioMirror of FaceHeart. © Trending Topics

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„Spieglein, Spieglein an der Wand, wie steht es um meine Gesundheit?“ Diese Frage beantwortet der CardioMirror des taiwanesischen Healthtech-Startups FaceHeart, das den smarten Spiegel auf der Taiwan Innotech Expo in Taipeh präsentiert hat. Eine im Spiegel verbaute Kamera nimmt das Gesicht der Nutzer:innen rund 50 Sekunden lang auf und berechnet daraus Vitalwerte, ganz ohne Brustgurt, Fingerclip oder Manschette.

Trending Topics hat den Spiegel auf der Messe ausprobiert. In einem Schnell-Check deckten sich die Werte sehr gut mit jenen, die der Daten-Ring von Oura am Finger des Testers lieferte. Puls und Stress-Level lagen offenbar im grünen Bereich. Deutlich getrübt waren hingegen Schlaf- und Gesundheits-Level, die stark miteinander zusammenhängen: Der Jetlag nach der Anreise von Österreich nach Taiwan ließ grüßen.

Was hinter rPPG steckt

Die Basis des Spiegels ist die sogenannte Remote Photoplethysmographie, kurz rPPG. Klassische Photoplethysmographie kennt man von Pulsoximetern oder Smartwatches: Ein Sensor durchleuchtet die Haut und misst, wie sich die Lichtabsorption mit jedem Herzschlag verändert, weil mit jeder Pulswelle mehr oder weniger Blut durch die Gefäße fließt.

rPPG überträgt dieses Prinzip auf eine gewöhnliche Kamera und normales Umgebungslicht. Die Software erkennt minimale, mit freiem Auge nicht sichtbare Farbschwankungen der Gesichtshaut, die durch den Blutfluss entstehen. Infrarotlicht, Wearables oder Körperkontakt braucht es laut FaceHeart dafür nicht.

Der Ablauf bei FaceHeart gliedert sich in drei Schritte:

  • Gesichtserkennung: Die Software erkennt und verfolgt das Gesicht im Kamerabild.
  • Signalextraktion: Aus den Farbveränderungen der Haut wird das physiologische Signal gewonnen.
  • Korrektur von Bewegung und Licht: Deep-Learning-Modelle gleichen Kopfbewegungen und wechselnde Lichtverhältnisse aus, damit das Signal auch außerhalb des Labors stabil bleibt.

Die Technologie vermarktet das Unternehmen unter dem Namen FaceHeart Vitals. Sie steckt nicht nur im Spiegel, sondern ist auch als SDK für Telehealth-Plattformen, Wellness-Apps und Klinik-Workflows sowie als Smartphone-App verfügbar. Trainiert und validiert wurde sie nach eigenen Angaben mit mehr als 400 Millionen Datensätzen über unterschiedliche Bevölkerungsgruppen, Hauttöne und Umgebungsbedingungen hinweg.

Vom Puls bis zur Herzschwäche

Der CardioMirror erfasst unter anderem Herzfrequenz, Atemfrequenz, Blutdruck, Sauerstoffsättigung, Herzratenvariabilität und einen Stressindex.

Der größere Anspruch liegt aber beim Screening auf Herzinsuffizienz. FaceHeart verweist auf eine im Journal of Cardiology veröffentlichte Studie, in der das 40-Sekunden-Scan-Verfahren eine AUC von 0,90 und eine Genauigkeit von 89,71 Prozent erreicht haben soll. Die Stichprobe war mit 68 Personen allerdings klein. Zusätzlich gibt das Unternehmen an, als weltweit erstes den Blutwert NT-proBNP per Kamera abschätzen zu können. Dieser Biomarker wird normalerweise per Bluttest bestimmt und dient Ärzt:innen als wichtiger Hinweis auf eine Herzschwäche. In dieser Auswertung mit 246 Personen nennt FaceHeart ebenfalls eine AUC von 0,90 sowie ein Bestimmtheitsmaß (R²) von über 0,743.

Zulassungen und klinische Tests

Bei den regulatorischen Nachweisen ist FaceHeart für ein Startup vergleichsweise weit. Das Unternehmen bezeichnet sich als einziges weltweit mit zwei FDA-Freigaben für rPPG-Technologie.

Wichtig für die Einordnung: Die FDA-Freigaben beziehen sich auf Puls und Atemfrequenz. Das Screening auf Herzinsuffizienz und die NT-proBNP-Abschätzung stützen sich bislang auf Studiendaten, nicht auf eine entsprechende Zulassung. Eine CE-Kennzeichnung für den europäischen Markt nennt das Unternehmen nicht.

Klinisch erprobt wurde das System laut FaceHeart an mehreren Standorten, darunter das Taipei Veterans General Hospital, Einrichtungen der ländlichen Gesundheitsversorgung im südtaiwanesischen Pingtung sowie, unter Geheimhaltungsvereinbarung, das Klinikennetz Chang Gung. Den technologischen Reifegrad gibt das Unternehmen mit TRL 7 an, also einem Prototyp, der im realen Einsatzumfeld demonstriert wurde.

Founders of FaceHeart. © FaceHeart
Founders of FaceHeart. © FaceHeart

Wer hinter FaceHeart steht

FaceHeart wurde 2018 von Bing-Fei Wu und Meng-Liang Chung gegründet. Wu ist Fellow des Ingenieursverbands IEEE und forscht seit Jahren zu Bildverarbeitung und Computer Vision. Das Unternehmen trat bereits mehrfach auf der CES in Las Vegas auf und wurde dort 2024 und 2025 mit Innovation Awards ausgezeichnet. In Taiwan erhielt FaceHeart zudem die Qualitätspreise SNQ und NHQA sowie den National Innovation Award, außerdem führt das Unternehmen eine Nennung in einer „Forbes Asia 100″-Liste an.

Einsatzgebiete

FaceHeart zielt vor allem auf Gesundheitssysteme, die Vitalwerte kontaktlos und in großer Zahl erheben wollen. Denkbar sind etwa Wartebereiche in Kliniken, Pflegeheime, Apotheken oder Telemedizin-Angebote, bei denen Patient:innen ihre Werte zu Hause per Smartphone-Kamera erfassen. Besonders in ländlichen und unterversorgten Regionen soll das Screening helfen, Herzprobleme früher zu erkennen und Notfälle zu vermeiden.

Für die Anbindung an bestehende Systeme setzt FaceHeart auf den Gesundheitsdatenstandard FHIR über Microsoft Azure. Die Datenverarbeitung soll sowohl dem US-Gesundheitsdatenschutz HIPAA als auch der europäischen DSGVO entsprechen, was die Technologie grundsätzlich auch für Anbieter:innen in Europa interessant macht.

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