Zurück zur Zichorienwurzel: Junger Gründer macht Eiskaffee ohne Bohne
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Eiskaffee ohne eine einzige Kaffeebohne, erfunden von einem Nachfahren jener Familie, die einst halb Europa mit Kaffee-Ersatz versorgt hat. Das Wiener Startup Cuperior bringt mit Frankly Coffee 2.0 einen Eiskaffee in die Regale, der auf gerösteter Zichorienwurzel und Hafer basiert. Hinter der Marke steht der 25-jährige Linzer Sebastian Fuchshuber, und der greift dabei auf ein ziemlich altes Familienrezept zurück.
Ein Erbe aus dem 19. Jahrhundert
Fuchshuber ist nach eigenen Angaben ein Nachfahre von Johann Heinrich Franck, einem der Pioniere des Zichorienkaffees im deutschsprachigen Raum. Der Zuckerbäcker und Gewürzhändler aus Vaihingen an der Enz begann laut der Stuttgarter Zeitung 1828 mit der Produktion von Zichorienkaffee. Anders als die Konkurrenz mischte er die gemahlene Wurzel mit Gerste, Malz und Roggen. Seine Söhne verlegten die Fabrik später nach Ludwigsburg, 1879 kam eine Niederlassung in Linz dazu. Dort erinnern bis heute das Franckviertel und die Franckstraße an die einstige Produktionsstätte.
Aus dem Familienunternehmen wurde über die Jahrzehnte ein Konzern. Nach der Fusion mit den Kathreiner Malzkaffee-Fabriken brachte das Unternehmen 1954 den löslichen Landkaffee Caro auf den Markt, 1971 ging es an Nestlé. Die Idee zu Frankly kam Fuchshuber bei Familientreffen, als er von der Kaffee-Geschichte seiner Vorfahren erfuhr. Gegründet hat er Cuperior im Jahr 2024 gemeinsam mit Felix Hammer-Purgstall, der als COO an Bord ist. Bei der Entwicklung half auch die FH Wieselburg.
Was Frankly kann
Frankly Coffee 2.0 ist ein trinkfertiger Eiskaffee in der 250-Milliliter-Dose, vegan und zu 100 Prozent ohne Kaffeebohnen. Die wichtigsten Eckdaten laut Cuperior:
- Basis: Geröstete Zichorienwurzel aus Frankreich sorgt für das kaffeeähnliche Aroma, Hafer bringt eine leichte Karamellnote. Geschmacklich soll das Getränk in Richtung Nuss und Schokolade gehen.
- Koffein: Ganz ohne Wachmacher kommt Frankly nicht aus. Das Koffein wird zugesetzt und stammt laut Unternehmen aus der Schweiz.
- Ballaststoffe: Die Zichorie enthält den präbiotischen Ballaststoff Inulin. Eine Dose liefert 4,8 Gramm Ballaststoffe.
- Lieferkette: Alle Zutaten und Lieferketten stammen aus Europa.
- Umweltbilanz: Laut einer Lebenszyklusanalyse, auf die sich das Startup beruft, verursacht Frankly im Vergleich zu herkömmlichem Eiskaffee rund 70 Prozent weniger CO₂-Emissionen und braucht rund 72 Prozent weniger Wasser.
Die Wegwarte, so der deutsche Name der Pflanze, wächst in Österreich vielerorts am Straßenrand und gilt als robust gegenüber Klimaveränderungen. Genau das ist der Kern von Fuchshubers Argumentation.
Warum Kaffee neu gedacht werden soll
Kaffee gehört für viele Menschen zum Alltag, der Anbau steht aber zunehmend unter Druck. Eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften im Fachjournal PLOS ONE kam 2022 zu dem Schluss, dass Kaffee unter den untersuchten Kulturpflanzen am stärksten vom Klimawandel betroffen ist, mit sinkenden geeigneten Anbauflächen in allen wichtigen Produktionsländern wie Brasilien, Vietnam, Indonesien und Kolumbien. Dazu kommt, dass immer mehr Bäuer:innen auf andere Kulturen umsteigen, wenn sich Kaffee für sie nicht mehr rechnet. Fuchshuber verweist außerdem auf Regenwaldrodung, Kinderarbeit und schwierige Arbeitsbedingungen in vielen Anbauregionen.
„Zurück zur Wurzel“ ist für ihn deshalb mehr als ein Slogan. Ihm gehe es darum zu zeigen, dass Innovation im Lebensmittelbereich neue Möglichkeiten schaffen könne, ohne dass man auf Genuss verzichten müsse, sagt der Gründer.
500 Verkaufsstellen und der Sprung nach Deutschland
Seit dem Markteintritt Mitte 2025 hat sich Frankly zu einer österreichweit erhältlichen Marke entwickelt. Laut Cuperior gibt es das Getränk inzwischen in rund 500 Verkaufsstellen, unter anderem bei dm, Spar und Billa Corso. Als Nächstes plant das Startup die weitere Expansion in Österreich, den Markteintritt in Deutschland sowie neue Sorten. Außerdem will Cuperior die funktionalen Eigenschaften des Getränks weiter ausbauen.
Bohnenloser Kaffee ist ein globaler Trend
Mit der Idee ist Cuperior nicht allein. In Österreich setzt etwa das Salzburger Startup Rootery Coffee, das bei der #glaubandich Challenge dabei war, auf Kaffeekapseln aus Zichorienwurzel. International hat sich eine ganze Branche rund um bohnenlosen Kaffee gebildet: Atomo Coffee aus den USA hat seit 2019 knapp 60 Millionen Dollar (rund 54 Millionen Euro) eingesammelt und unter anderem den japanischen Getränkekonzern Suntory als Investor gewonnen. Prefer aus Singapur holte sich 4,2 Millionen Dollar, Koppie Bean aus Belgien eine nicht genannte Summe. Und der Klassiker unter den Kaffee-Alternativen kommt ausgerechnet aus Fuchshubers Familiengeschichte: Caro gehört heute zu Nestlé.
Was bohnenloser Kaffee für Kleinbäuer:innen bedeutet
Ob bohnenloser Kaffee den Markt tatsächlich umkrempelt, ist offen. Steffen Schwarz, Geschäftsführer des Mannheimer Coffee Consulate, erwartet laut dem Fachportal Perfect Daily Grind eher ein Nebeneinander als eine Verdrängung. Er warnt außerdem vor einer Kehrseite: Würde weltweit weniger Kaffee getrunken, könnten sinkende Nachfrage und fallende Preise gerade die Kleinbäuer:innen treffen, deren Lage die neuen Anbieter verbessern wollen. Atomo-CEO Andy Kleitsch hält dagegen, dass bohnenloser Kaffee das geringste Problem der Bäuer:innen sei. Damit sich die Produkte durchsetzen, müssten sie aber vor allem gut schmecken, gesünder sein und preislich mithalten können.

