Rüstung

Dual-Use-Report: Europas Defense-Startups fehlt nicht das Geld, sondern die Kunden

Helsing CA-1 Electronic Attack. © Helsing
Helsing CA-1 Electronic Attack. © Helsing

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Das Geld ist da, die Aufträge nicht: Zu diesem Schluss kommt die dritte Ausgabe des „Dual-Use Founders Handbook“, das der polnische VC-Fonds Balnord gemeinsam mit dem polnischen Verteidigungsministerium soeben veröffentlicht hat. Auf rund 100 Seiten analysieren Investor:innen, Militärs, Beschaffungsexpert:innen und Gründer:innen, was es braucht, damit aus Europas Startups für zivile und militärische Technologien echte Champions werden. Die zentrale These: Europa hat kein Innovationsproblem mehr, sondern ein Problem damit, aus Prototypen einsatzfähige Systeme zu machen.

Das Kapital fließt wie nie zuvor

Die Zahlen im Report zeigen, wie stark der Sektor gerade wächst:

  • Rekordjahr 2025: Europäische Startups aus Verteidigung, Sicherheit und Resilienz haben laut einer Analyse des NATO Innovation Fund mit Dealroom 2025 rund 8,7 Milliarden Dollar (etwa 7,8 Milliarden Euro) eingesammelt. Das ist ein Plus von 55 Prozent und fast viermal so viel wie vor fünf Jahren.
  • 2026 noch steiler: Reine Defense-Startups kamen laut Dealroom bis September bereits auf 6,4 Milliarden Euro, für das Gesamtjahr werden rund 9 Milliarden Euro erwartet. 2025 waren es 2,2 Milliarden Euro.
  • Umsätze statt nur Bewertungen: Der deutsche Drohnenhersteller Quantum Systems hat laut Report 300 Millionen Euro Umsatz bei 173 Prozent Wachstum erreicht, der finnische Satellitenbetreiber ICEYE 250 Millionen Euro.
  • Öffentliches Geld: Die Europäische Investitionsbank hat ihre Finanzierung für Rüstungs-KMU 2025 auf 3 Milliarden Euro verdreifacht.
Vector AI drones by Quantum Systems
Vector AI drones by Quantum Systems. © Quantum Systems

Dazu kommt das Versprechen der NATO-Staaten, bis 2035 fünf Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für Verteidigung auszugeben.

Polen: Vom Frontstaat zum Tech-Champion?

Dass der Report gemeinsam mit dem polnischen Verteidigungsministerium entstanden ist, kommt nicht von ungefähr. Polen ist durch den Krieg in der Ukraine zum militärischen Schwergewicht Europas geworden. Die polnische Armee zählt laut Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz inzwischen rund 220.000 Soldat:innen, mehr als doppelt so viele wie 2014. Damit ist sie nach den USA und der Türkei die drittgrößte Armee der NATO und die größte innerhalb der EU. Mittelfristig sollen es 300.000 aktive Soldat:innen und 200.000 Reservist:innen werden, Premier Donald Tusk hat bereits angekündigt, dass Polen bald die größte Armee Europas haben werde. Für 2026 plant das Land Verteidigungsausgaben von rund 200 Milliarden Złoty (rund 47 Milliarden Euro), das sind 4,8 Prozent des BIP.

Der US-Sicherheitsexperte Andrew A. Michta von der University of Florida beschreibt Polen im Report als neues Zentrum der NATO, vergleichbar mit der Rolle Westdeutschlands im Kalten Krieg. Balnord-Partner Marcin P. Kowalik will daraus mehr machen als eine Sicherheitslast: Polen solle nicht nur Rüstungsgüter kaufen oder als Testgelände und Logistikkorridor dienen, sondern selbst Technologien entwickeln, produzieren und skalieren, ähnlich wie Südkorea und Taiwan, die unter permanentem geopolitischem Druck zu Technologie-Champions wurden. Ein Frontstaat, der vor allem Technologie importiert, werde mit wachsendem Druck nur abhängiger, so Kowalik.

Zehn Konzerne bekommen fast alles

Das eigentliche Nadelöhr ist laut Report die Beschaffung. Eine im Handbuch zitierte Studie von Forscher:innen von Bruegel und der Universität Princeton zeigt, wie stark sich Militäraufträge auf wenige Konzerne konzentrieren. Von 2020 bis 2025 gingen so große Anteile an die jeweils zehn größten Auftragnehmer:

  • Polen: 84 Prozent
  • Großbritannien: 77 Prozent
  • Deutschland: 66 Prozent
  • USA: 36 Prozent

Für Startups heißt das: Wer nur als Zulieferer eines großen Rüstungskonzerns ins Geschäft kommt, wird bestenfalls ein guter Subunternehmer. Dass sich das ändern lässt, zeigt Frankreich, wo der Anteil kleiner und mittlerer Firmen an den Verteidigungsausgaben binnen zwei Jahren von 14 auf 25 Prozent gestiegen ist.

Auch die Banken bremsen. Manche europäischen Geldinstitute schließen Dual-Use-Startups laut NATO Innovation Fund immer noch pauschal aus. Und obwohl Pensionsfonds und Versicherer zwischen 2020 und 2024 rund 200 Milliarden Euro in europäisches Private Equity gesteckt haben, reicht das laut dem Branchenverband Invest Europe bei Weitem nicht.

„Getestet in der Ukraine“ heißt wenig

Besonders deutlich wird Artem Moroz vom ukrainischen Rüstungscluster Brave1. „Tested in Ukraine“ sei zu einer Standardzeile in den Pitch Decks ausländischer Startups geworden, aber rund 95 Prozent der Ausrüstung, die die ukrainischen Streitkräfte in neuen Technologiekategorien wie Drohnen und elektronischer Kriegsführung einsetzen, stamme aus heimischer Produktion. Investor:innen sollten deshalb nicht fragen, ob ein Produkt getestet wurde, sondern ob es jemand gekauft hat.

Ähnlich argumentiert Balnord-Managing-Partner Marcin P. Kowalik in seinem Fazit: Ein Prototyp sei noch keine Fähigkeit, und auch ein Accelerator-Programm oder der erste Militärauftrag seien es oft nicht. Fertigung, Zertifizierung, Wartung und Updates seien bei Dual-Use-Firmen kein Nebenschauplatz, sondern häufig das eigentliche Geschäftsmodell.

Wer Dual-Use-Startups kauft und wie viel er zahlt

Spannend für Gründer:innen ist die Analyse der Exits. Balnord hat rund 1.160 Übernahmen in Europa zwischen September 2025 und September 2026 durchforstet und 85 davon als echte Dual-Use-Exits eingestuft. Die Käufer:innen verteilen sich so:

  • Rüstungskonzerne: 27 Prozent, etwa Hensoldt, Rheinmetall und Fincantieri.
  • Industriegruppen: 19 Prozent, etwa der Motorenbauer Deutz, der sich mit SOBEK in Drohnenantriebe einkaufte.
  • Private Equity: 14 Prozent.
  • Raumfahrtfirmen: 14 Prozent, darunter das österreichische Space-Startup Enpulsion, das kürzlich den britischen Antriebsspezialisten LMO übernommen hat.
  • Neue Defense-Scale-ups: 12 Prozent, etwa Helsing, Tekever und Quantum Systems.

Dabei zeigen sich zwei Logiken. Etablierte Rüstungskonzerne kaufen Lieferfähigkeit: Hensoldt etwa steigerte seinen Auftragseingang 2025 um 62 Prozent auf 4,71 Milliarden Euro, der Umsatz wuchs aber nur um 9,6 Prozent. Die neuen Scale-ups dagegen kaufen sich in neue Bereiche ein, oft bei Firmen, die ursprünglich für zivile Zwecke gebaut wurden. Für den Preis zählt laut Report nicht das Rüstungs-Etikett, sondern Marge und Wachstum. Der höchste bestätigte Wert war die Übernahme von Smiths Interconnect durch Molex um 1,5 Milliarden Euro, das 15-Fache des EBITDA.

Ein Boom mit offenen Fragen

Die Autor:innen sehen selbst noch viele Baustellen. Kowalik bewertet die Fortschritte seit dem Vorjahr bei drei großen Aufgaben mit „eins von drei“: Talente bewegen sich in Richtung Verteidigungstechnologie, aber Regulierung und Beschaffung seien weiter auf Friedenszeiten ausgelegt, und das langfristige Kapital von Pensionsfonds und Versicherern sei noch nicht mobilisiert. Auch die Dealroom-Prognosen zeigten laut Handbuch nur das Interesse der Investor:innen, nicht die Renditen, die neue Investments tatsächlich bringen werden. Und der Branchenverband Invest Europe betont, dass Investments in Verteidigung berechtigte Fragen zu verbotenen Waffen, Endkund:innen, Exporten und Menschenrechten aufwerfen, die sorgfältige Prüfung verlangen.

Balnord selbst ist dabei kein neutraler Beobachter: Der Fonds aus dem Team hinter Black Pearls VC investiert genau in diesen Markt und hat seinen ersten Fonds mit einem Zielvolumen von 70 Millionen Euro überzeichnet.

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