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IPO-Flaute an der Wall Street: Alle warten auf Anthropic

New York Stock Exchange on Wall Street
The New York Stock Exchange on Wall Street. © David Vives / Unsplash

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Rekordjahr für Börsengänge, aber keiner will mehr an die Börse: An der Wall Street ist der Strom an Neuemissionen zuletzt zu einem Rinnsal geworden. Ausgerechnet im Quartal, das eigentlich ein Rekordquartal für IPOs werden sollte, legen reihenweise Unternehmen ihre Pläne auf Eis, wie die Financial Times berichtet. Die Investor:innen haben vor allem Augen für ein Unternehmen: Anthropic. Manche Kandidat:innen halten sich laut Bloomberg gezielt zurück, weil es schwer sei, neben dem Börsengang des KI-Konzerns überhaupt Aufmerksamkeit zu bekommen. Für die kommende Woche ist laut Renaissance Capital in den USA kein einziger Börsengang angesetzt, zu den möglichen Kandidaten zählt etwa der britische Rechenzentrumsbetreiber Nscale.

Wer seinen Börsengang verschiebt

Die Liste der abgesagten oder verschobenen IPOs wird länger:

  • EG Group: Der Tankstellenbetreiber wollte bei einer Bewertung von 9 Milliarden Dollar (rund 7,7 Milliarden Euro) etwa eine Milliarde Dollar in New York einsammeln. Der Börsengang ist nun auf 2027 verschoben, gleichzeitig gibt es Interesse von Käufern wie dem Infrastrukturinvestor Stonepeak.
  • Oura: Der Smart-Ring-Hersteller hat seinen Börsengang wegen der „Unsicherheit am IPO-Markt“ vorerst abgeblasen.
  • SB Energy: Das von SoftBank unterstützte Rechenzentrums-Unternehmen peilte eine Bewertung von rund 50 Milliarden Dollar (rund 43 Milliarden Euro) an, obwohl es noch keine einzige Anlage in Betrieb hat.
  • Holtec und Bamboo Insurance: Auch der Atomenergiekonzern und der Versicherer haben ihre Pläne pausiert.

Auch die beiden großen KI-Börsengänge lassen auf sich warten. Anthropic, dessen Geldgeber auf eine Bewertung von mehr als 2 Billionen Dollar (rund 1,7 Billionen Euro) hoffen, soll erst Mitte November nach den US-Zwischenwahlen an die Börse gehen, später als erwartet. OpenAI hat seinen Börsengang auf 2027 verschoben.

Erst der Sprung, dann der Absturz

Dabei war das Jahr für Investmentbanker:innen bisher ein Bombengeschäft, vor allem dank des Börsengangs von SpaceX im Juni, der mit 86 Milliarden Dollar (rund 74 Milliarden Euro) einen Rekord aufstellte. Doch nun wachsen die Sorgen vor einem Abschwung im KI-Sektor und vor dem Widerstand der Bevölkerung gegen Rechenzentren. Viele kleinere Börsengänge scheitern laut einem Banker an der wachsenden Skepsis gegenüber realitätsfernen Bewertungen von Unternehmen, die am KI-Boom hängen.

Das Problem zeigt sich nach dem ersten Handelstag. Tech-Börsengänge des laufenden Jahres liegen im Schnitt rund 23 Prozent unter ihrem Kurs vom ersten Handelstag, rechnet BCA Research vor. Selbst SpaceX legte zum Start kräftig zu und gab die Gewinne in den Wochen danach wieder ab. Den großen Schnitt machen damit vor allem die frühen Geldgeber:innen, die auf riesigen Buchgewinnen sitzen, während neue Aktionär:innen oft das Nachsehen haben. Ganz so düster ist die Bilanz aber nicht: Der IPO-Index von Renaissance Capital, der frisch an die Börse gegangene US-Unternehmen abbildet, liegt seit Jahresbeginn 16,4 Prozent im Plus und damit vor dem S&P 500 mit 13 Prozent.

Hinzu kommen schwankende Ölpreise durch den Krieg im Iran und ein weltweiter Ausverkauf bei Staatsanleihen. Ganz schlüssig ist die Begründung mit den Marktturbulenzen allerdings nicht: Der US-Leitindex S&P 500 notiert nahe seinem Rekordhoch, und der Volatilitätsindex Vix ist niedrig. Genau das ist eigentlich das Umfeld, in dem Banken ihre Kund:innen an die Börse bringen wollen. „Besonders überraschend ist das, weil die Nasdaq gerade ein Rekordhoch erreicht hat. Es ist ja nicht so, dass es einen großen Markteinbruch gibt“, sagte IPO-Forscher Jay Ritter von der University of Florida gegenüber Bloomberg. West Riggs, Kapitalmarktchef bei Truist, sieht die Unternehmen schlicht „geduldig auf das richtige Fenster“ warten.

Auch Europa und Asien bremsen

Die Zurückhaltung erfasst auch andere Märkte. In Europa könnten die Börsenpläne der Accor-Boutiquehotelmarke Ennismore in New York und jene der spanischen Blackstone-Hotelgruppe Hotel Investment Partners, die mit mehr als 6 Milliarden Euro bewertet werden könnte, erneut verschoben werden. In London haben die Buchhandelskette Waterstones und der Reiseanbieter Loveholidays ihre Börsengänge vertagt. Viele Kandidat:innen, die für heuer geplant waren, rutschen damit ins Jahr 2027. In Asien hat AS Watson, zu dessen Marken die britischen Ketten Superdrug und Savers sowie Rossmann in Deutschland zählen, seinen doppelten Börsengang in London und Hongkong mit einer Bewertung von 30 Milliarden Dollar (rund 26 Milliarden Euro) ins kommende Jahr verschoben, wegen ausstehender Genehmigungen in China.

Die Gesamtbilanz sieht trotzdem glänzend aus. Laut dem aktuellen IPO-Barometer von EY gingen im dritten Quartal weltweit 367 Unternehmen an die Börse, kaum weniger als im Vorjahresquartal. Das Emissionsvolumen stieg aber um 79 Prozent auf 93,3 Milliarden Dollar (rund 80 Milliarden Euro). Seit Jahresbeginn summiert es sich auf den Rekordwert von 287,5 Milliarden Dollar (rund 246 Milliarden Euro). Getragen wird das von wenigen Riesendeals wie dem Nasdaq-Listing des Speicherchip-Herstellers SK Hynix mit 26,5 Milliarden Dollar. In den USA gingen im dritten Quartal nur 24 Unternehmen an die Börse, nach 65 im Vorjahr. In Europa stieg die Zahl dagegen von 24 auf 45. „Die hohen Emissionsvolumina dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Erholung des IPO-Markts noch nicht in der Breite angekommen ist“, sagt Martina Geisler, Leiterin IPO bei EY Österreich.

Österreich: Vier Neuzugänge und ein ATX-Rekord

Für Österreich fällt die Bilanz vergleichsweise freundlich aus. An der Wiener Börse gab es heuer vier Neuzugänge, zuletzt die Salzburger Biogena, die im September im Segment direct market plus startete. Zuvor hatte der Mikronährstoff-Hersteller bei mehr als 2.300 neuen Aktionär:innen fast 18 Millionen Euro eingesammelt. Davor kamen Emerald Horizon, die FIT Group und die K2G Holding an die Wiener Börse. Dazu kommen zwei Börsengänge österreichischer Unternehmen im Ausland: ASTA Energy im Jänner in Frankfurt und der Gasmotorenhersteller Innio Jenbacher im Juni an der Nasdaq.

Einen klassischen Börsengang im geregelten Markt gab es im dritten Quartal allerdings nicht. Rückenwind gäbe es genug: Der ATX inklusive Dividenden erreichte Ende September ein neues Allzeithoch und liegt seit Jahresbeginn mehr als 30 Prozent im Plus. Für eine nachhaltige Belebung brauche es nun „eine gut vorbereitete Pipeline börsenreifer Unternehmen“, so Geisler.

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