KI-Boom „einziger Grund, warum wir nicht in einer Rezession sind“
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Die US-Wirtschaft hängt am Bau von KI-Rechenzentren, zumindest wenn es nach Reid Hoffman geht. Der LinkedIn-Mitgründer und Investor sagte im Podcast „Newcomer“, der Ausbau der KI-Infrastruktur sei „der einzige Grund, warum wir nicht in einer Rezession sind“. Profitieren würden davon nicht nur Tech-Konzerne, sondern auch Bauarbeiter:innen, Elektriker:innen, Tischler:innen, Makler:innen und Anwält:innen im ganzen Land. „Das meiste davon verteilt sich über das ganze Land. Das ist großartig“, so Hoffman.
Hoffman ist dabei kein neutraler Beobachter. Er ist Partner beim Risikokapitalgeber Greylock, sitzt im Verwaltungsrat von Microsoft und hat selbst mehrere KI-Startups mitgegründet und finanziert.
Was für Hoffmans These spricht
Ganz allein steht Hoffman mit seiner Einschätzung nicht. Der Harvard-Ökonom Jason Furman hatte bereits im Vorjahr berechnet, dass Investitionen in Computerausrüstung und Software zwar nur rund 4 Prozent der US-Wirtschaftsleistung ausmachten, aber 92 Prozent des Wachstums im ersten Halbjahr 2025 lieferten. Ohne diese Investitionen wäre die US-Wirtschaft in diesem Zeitraum nur um 0,1 Prozent gewachsen. Furman räumte allerdings ein, dass ohne KI-Boom niedrigere Zinsen und Strompreise einen Teil davon wettgemacht hätten.
Auch der Hedgefonds Bridgewater sieht einen großen Effekt. Er schätzt, dass die KI-Investitionen das US-Wachstum heuer um rund 1,4 Prozentpunkte und im kommenden Jahr um 1,5 Prozentpunkte anheben, vergleichbar mit dem Beitrag der Unternehmensinvestitionen zur Zeit der Dotcom-Blase. Ökonom:innen der US-Notenbank Fed kamen für das erste Quartal 2026 auf einen Beitrag der KI-Investitionen von rund 0,6 Prozentpunkten, bei einem Gesamtwachstum von 1,6 Prozent.
Was dagegen spricht
Andere Ökonom:innen halten die Rechnung für überzogen. Goldman-Sachs-Chefvolkswirt Jan Hatzius sagte Anfang des Jahres, KI habe „praktisch null“ zum US-Wachstum beigetragen. Sein Argument: Rund drei Viertel der Kosten eines Rechenzentrums entfallen auf importierte Komponenten, vor allem Chips und Server aus Asien. Weil Importe von der Wirtschaftsleistung abgezogen werden, kommt ein Großteil der Investitionen gar nicht in der US-Wirtschaft an. Ende 2025 etwa blieben von 0,75 Prozentpunkten KI-Investitionen nach Abzug der Importe nur 0,14 Prozentpunkte übrig, wie Axios berechnet hat.
Auch der Effekt auf den Arbeitsmarkt ist umstritten. Bridgewater rechnet vor, dass ein Meta-Rechenzentrum in Texas um 1,5 Milliarden Dollar (rund 1,3 Milliarden Euro) nur rund 100 dauerhafte Jobs schafft, eine vergleichbar teure Batteriefabrik dagegen mehr als 1.600. Zudem könnten die KI-Investitionen die Kapitalkosten in die Höhe treiben und damit andere, arbeitsintensivere Branchen belasten. Und nicht zuletzt steht die US-Wirtschaft auch abseits der Rechenzentren nicht schlecht da: Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, im zweiten Quartal wuchs die Wirtschaft aufs Jahr hochgerechnet um 2,2 Prozent, und die Konsumausgaben halten sich.
Ein Grund für Trumps KI-Kurs?
Wenn die KI-Investitionen tatsächlich die Konjunktur stützen, könnte das auch erklären, warum Donald Trump der Branche kaum Steine in den Weg legt. Kurz nach Amtsantritt hob er Joe Bidens KI-Verordnung auf, im Dezember ließ er per Dekret eine Taskforce gegen KI-Gesetze der Bundesstaaten einrichten. Als zuletzt sogar die Chefs von Anthropic, OpenAI und xAI forderten, das Entwicklungstempo zu drosseln, lehnte Trump jede Regulierung ab: „Wer bei AI gewinnt, gewinnt“, sagte er. Stattdessen setzt er auf Selbstkontrolle. Kürzlich präsentierte er im Weißen Haus ein freiwilliges Abkommen mit Google, Meta, Anthropic, OpenAI, Nvidia und xAI, das rechtlich nichts verpflichtend festschreibt. Trump selbst begründet seinen Kurs vor allem mit dem Wettlauf gegen China. Eine KI-Bremse würde aber auch jene Investitionen dämpfen, die laut Hoffman die USA vor der Rezession bewahren.
Widerstand gegen Rechenzentren wächst
Gleichzeitig wächst der Gegenwind für den Bau neuer Rechenzentren. Inzwischen hält die Hälfte der Amerikaner:innen in ländlichen Regionen Rechenzentren für umweltschädlich, im Jänner waren es noch 32 Prozent. Gouverneur:innen beider Parteien schränken den Bau bereits ein. OpenAI-Chef Sam Altman schlug zuletzt vor, Rechenzentren in abgelegene Gegenden wie Wüsten zu verlegen. Auch in Europa wird die Debatte geführt: Forschende der TU Wien warnten kürzlich, dass der KI-Boom zu einem Comeback fossiler Kraftwerke führen könnte, wenn Rechenzentren ihren Verbrauch nicht flexibler gestalten.

