Italiens Atom-Comeback weckt große Hoffnungen bei SMR-Unternehmen
Trending Topics auf Google als bevorzugte Nachrichtenquelle festlegen.
Kaum hat Rom der Atomkraft wieder die Tür geöffnet, stehen die Reaktorfirmen schon Schlange. Das italienische Parlament hat soeben das Gesetz für die Rückkehr zur Kernenergie endgültig verabschiedet, knapp vier Jahrzehnte nach dem Ausstieg infolge von Tschernobyl. Der Senat stimmte mit 81 zu 51 Stimmen bei 7 Enthaltungen zu, die Abgeordnetenkammer hatte bereits im Juni grünes Licht gegeben. Und prompt melden erste Unternehmen ihr Interesse am neuen Markt an.
Was das Gesetz regelt
Reaktoren genehmigt das Gesetz noch keine. Es ist ein Rahmengesetz, das die Regierung von Giorgia Meloni ermächtigt, die Details per Verordnung festzulegen: Bau und Betrieb von Anlagen, Sicherheitsstandards, den Umgang mit abgebrannten Brennelementen sowie die Produktion von Wasserstoff mithilfe von Kernenergie. Vorgesehen sind außerdem ein nationales Programm für „nachhaltige Kernenergie“ und eine unabhängige Behörde für nukleare Sicherheit. Ausdrücklich im Fokus stehen fortgeschrittene Technologien und Small Modular Reactors (SMR).
Die Durchführungsverordnungen sollen laut Wanted in Rome innerhalb von zwölf Monaten folgen, erste Anlagen könnten demnach frühestens 2033 oder 2034 ans Netz gehen. Energieminister Gilberto Pichetto Fratin sieht die Kernkraft als Ergänzung zu den Erneuerbaren auf dem Weg zur Klimaneutralität 2050. Die Opposition hält dagegen: Angelo Bonelli von der grün-linken Allianz AVS sprach von „ökonomischem Wahnsinn“ und verlangte Transparenz bei Kosten und Finanzierung. Italien hatte sich bereits in zwei Referenden, 1987 und 2011, gegen Atomstrom ausgesprochen.
Terra Innovatum bringt sich in Stellung
Als eine der ersten Firmen hat sich Terra Innovatum zu Wort gemeldet. Das an der Nasdaq notierte Unternehmen, von italienischen Gründern rund um CEO Alessandro Petruzzi aufgebaut, entwickelt mit SOLO einen Mikroreaktor mit einer Leistung von einem Megawatt elektrisch pro Einheit. „Italien ist ein wichtiger Teil der nuklearen Lieferketten Europas und der USA geblieben“, sagt Petruzzi in einer Aussendung. Die Entscheidung erkenne die wachsende Rolle an, die fortgeschrittene Nukleartechnologien für eine verlässliche, CO2-freie Stromversorgung spielen könnten.
Auf der Generalkonferenz der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA in Wien präsentierte Italien SOLO als heimische Mikroreaktor-Lösung. Das Unternehmen will nun ausloten, wie es Technologie, Industriepartnerschaften und Lieferkette auf den italienischen Markt bringen kann. Zielkund:innen sind vor allem Rechenzentren, Industriebetriebe und andere energieintensive Anlagen, die Strom direkt vor Ort beziehen wollen.
Nach eigenen Angaben verfügt Terra Innovatum über Vorab-Zusagen im Wert von rund 4 Milliarden US-Dollar (umgerechnet etwa 3,4 Milliarden Euro). Bei diesen Zusagen handelt es sich allerdings um vorkommerzielle Vereinbarungen, eine Zulassung gibt es noch nicht. SOLO durchläuft derzeit das Genehmigungsverfahren der US-Atomaufsicht NRC. Die nötigen Freigaben für eine erste Anlage peilt das Unternehmen bis Ende 2027 an, die kommerzielle Auslieferung bis Ende 2028.
Italiens Industrie steht bereits in den Startlöchern
Terra Innovatum ist bei weitem nicht allein. Die großen italienischen Industriekonzerne haben sich schon vor dem Parlamentsbeschluss positioniert: Der Energieversorger Enel, der Kraftwerksbauer Ansaldo Energia und der Rüstungs- und Technologiekonzern Leonardo gründeten im vergangenen Jahr das Gemeinschaftsunternehmen Nuclitalia, das Technologien für neue Reaktoren evaluieren soll.
Ein weiterer Kandidat ist Newcleo. Das vom Italiener Stefano Buono gegründete und inzwischen in Paris ansässige Start-up entwickelt bleigekühlte Reaktoren und gilt als Wunschpartner der Regierung in Rom, die laut World Nuclear News eine Beteiligung von rund 200 Millionen Euro über staatsnahe Gesellschaften prüfte. Auch der französische Staatskonzern EDF hat über seine italienische Tochter Edison gemeinsam mit Ansaldo und dem Anlagenbauer Maire bereits Kooperationen rund um SMR angekündigt. Daneben dürften internationale Konzerne wie Westinghouse oder GE Vernova Hitachi das Verfahren genau beobachten.
Die offenen Fragen
Ob die Rechnung aufgeht, ist offen. Weltweit hat bislang kaum ein SMR-Design den Sprung in den kommerziellen Betrieb geschafft, Kritiker:innen bemängeln seit Langem hohe Kosten pro Megawattstunde und lange Entwicklungszeiten, wie Trending Topics bereits berichtet hat. Auch an der Börse ist die Euphorie zuletzt abgekühlt: Die SMR-Branche hat laut Financial Times seit ihrem Höchststand im Oktober 2025 rund 30 Milliarden US-Dollar (umgerechnet etwa 26 Milliarden Euro) an Börsenwert verloren, wie Trending Topics berichtete. Auch die Endlagerfrage ist in Italien ungelöst: Das Land sucht seit Jahren einen Standort für ein nationales Lager für radioaktive Abfälle. Für die Unternehmen beginnt nun die eigentliche Arbeit, denn welche Technologien, Standorte und Finanzierungsmodelle zum Zug kommen, entscheidet sich erst mit den Verordnungen der kommenden Monate.

