Polen warnt NATO vor tödlichen russischen Hybrid-Angriffen
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Brandanschläge, gesprengte Bahngleise, Drohnen über Flughäfen: Bisher haben Russlands Sabotageakte in Europa vor allem Sachschaden angerichtet, Polen rechnet aber damit, dass es bald Tote gibt. Die NATO-Staaten sollten sich auf eine entschlossene Antwort auf einen möglichen tödlichen russischen Hybrid-Angriff vorbereiten, sagte Polens Außenminister Radosław Sikorski der Financial Times. Sachschaden sei eine Sache. Würden aber Menschen sterben, müsse innerhalb der NATO eine „sehr ernsthafte Diskussion“ geführt werden.
Mordpläne gegen Rüstungsmanager
Wie diese Antwort aussehen soll, ließ Sikorski offen. Die Sorge ist aber nicht aus der Luft gegriffen. Geheimdienstvertreter:innen aus fünf europäischen Ländern sagten der FT, russische Agent:innen hätten Führungskräfte europäischer Rüstungskonzerne ins Visier genommen, um sie zu ermorden. Deutsche Behörden machen Moskau zudem für einen gescheiterten Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig/Halle im August verantwortlich, der laut deutschem Geheimdienst einem ukrainischen Frachtflugzeug gegolten haben soll. Auch der dänische Geheimdienst hatte kürzlich gewarnt, dass Russland bald NATO-Gebiet angreifen könnte.
Sikorski fordert deshalb schärfere Maßnahmen:
- Konsulate: Die verbliebenen russischen Konsulate in der EU sollen schließen, Polen hat das bereits getan.
- Diplomat:innen: Die Zahl russischer Diplomat:innen soll sinken, ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden.
- Einreise: Russ:innen sollen nur noch mit biometrischem Pass in die EU einreisen dürfen, Touristenvisa sollen deutlich zurückgehen.
- Zuordnung: Regierungen sollen Hybrid-Angriffe öffentlich Moskau zuschreiben, sobald die Beweise ausreichen.
Die EU-Außenminister:innen beraten soeben in Luxemburg über EU-weite Beschränkungen für russische Diplomat:innen und mögliche Einschränkungen bei Touristenvisa.
Was Hybrid-Attacken sind
Als hybrid gelten Angriffe, die unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges bleiben. Dazu zählen Sabotage, Brandstiftung, Cyberangriffe, Desinformation, Wahlbeeinflussung und Grenzverletzungen durch Drohnen oder Kampfjets. Oft werden dafür über Messenger angeworbene Kleinkriminelle eingesetzt, damit sich die Spur nur schwer zum Auftraggeber zurückverfolgen lässt. Genau das ist der Zweck: Hybride Strategien sind bewusst mehrdeutig, um Entdeckung und Zuordnung zu erschweren, schreibt der Politikwissenschaftler Guillem Colom Piella in einer Analyse für den Thinktank CIDOB.
Polen kennt diese Taktik aus eigener Erfahrung. Den Großbrand des Einkaufszentrums Marywilska in Warschau im Mai 2024 hat die Regierung inzwischen russischen Diensten zugeschrieben. Im November 2025 beschädigte eine Sprengladung die Bahnstrecke zwischen Warschau und Lublin, über die auch Nachschub für die Ukraine läuft, auch hier sehen die polnischen Behörden den russischen Geheimdienst als Drahtzieher. Im Juli stürzte zudem ein russischer Marschflugkörper vom Typ Ch-101 in Ostpolen auf ein Feld und explodierte.
Was das mit Artikel 5 zu tun hat
Artikel 5 ist das Herzstück der NATO: Ein bewaffneter Angriff auf einen Mitgliedstaat gilt als Angriff auf alle. Ausgelöst wurde er bisher nur ein einziges Mal, nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Darunter liegt Artikel 4, der lediglich Konsultationen vorsieht. Diesen haben Polen und Estland zuletzt nach Verletzungen ihres Luftraums durch russische Drohnen und Kampfjets aktiviert.
Seit dem Gipfel in Warschau 2016 hält die NATO fest, dass auch ein Hybrid-Angriff den Bündnisfall auslösen kann. 2023 in Vilnius bekräftigten die Staats- und Regierungschef:innen, dass dies für Cyberangriffe „von Fall zu Fall“ gelten kann. Wo genau die Schwelle liegt, hat das Bündnis aber nie festgelegt. Genau diese Klarheit fordert Sikorski nun: Die NATO solle definieren, ab wann ein Angriff eine deutlich stärkere Reaktion rechtfertigt.
Klare Linien oder bewusste Unschärfe
Ob das funktioniert, ist umstritten. Der litauische Diplomat Eitvydas Bajarūnas argumentiert in einer Analyse für den Thinktank CEPA, die bisherigen Reaktionen auf russische Sabotage seien zu schwach, klarere Auslöser für Artikel 5 würden Gegner abschrecken. Colom Piella verweist dagegen auf praktische Hürden: Das betroffene Land muss den Angriff zuerst eindeutig zuordnen, und für den Bündnisfall braucht es die Zustimmung aller Mitglieder, was bei umstrittener Beweislage schwer zu erreichen sei. Zudem fehlen der NATO laut Colom Piella nichtmilitärische Werkzeuge für eine abgestufte Antwort auf Angriffe, die gezielt unterhalb der Schwelle bleiben.

