Entwicklung

Vom „Nostradamus of AI“ zum Notverkauf: Bauchfleck für Börsenstar Leopold Aschenbrenner

Leopold Aschenbrenner. © L. Aschenbrenner / Canva
Leopold Aschenbrenner. © L. Aschenbrenner / Canva

Wer gerade nach einem deutlichen Vorzeichen für ein mögliches Platzen der KI-Blase sucht, der wird aktuell bei einem gebürtigen Deutschen und dessen implodierter KI-Fonds fündig. Leopold Aschenbrenner galt als das Wunderkind des KI-Booms: ein Ex-OpenAI-Forscher Mitte 20, der aus einem viel gelesenen Essay einen Milliarden-Hedgefonds machte und Renditen im dreistelligen Prozentbereich auswies. Nach einem harten Ausverkauf bei KI-Aktien musste er nun in einer Nacht den Großteil seines börsennotierten Portfolios an Ken Griffins Citadel abgeben.

Was passiert ist

In der Nacht auf Donnerstag hat Aschenbrenners Fonds Situational Awareness den Löwenanteil seines Aktienportfolios an Citadel verkauft, den 71 Milliarden Dollar schweren Multi-Strategy-Hedgefonds von Ken Griffin. Das Paket wurde zuletzt auf rund 16 Milliarden Dollar taxiert; abgewickelt wurde der Deal innerhalb von etwa 24 Stunden. Damit zählt die Transaktion zu den größten Ad-hoc-Aktiengeschäften, die es an der Wall Street je gegeben hat.

Vorausgegangen waren hektische Gespräche: Am Mittwochabend sprach Aschenbrenner zunächst mit mehreren kleineren Investoren über Kapitalzufuhr oder Teilverkäufe, brach diese Gespräche dann ab und konzentrierte sich auf einen einzigen großen Käufer. Auch Millennium Management und Jane Street sollen Angebote gelegt haben. Die Prime Broker des Fonds – unter anderem Goldman Sachs und JPMorgan Chase – waren in die Verhandlungen eingebunden. Griffin selbst war laut mehreren Berichten persönlich stark involviert. Kurz nach Tagesanbruch stand der Deal.

Die Märkte reagierten erleichtert: Der technologielastige Nasdaq 100 legte am Donnerstag um mehr als drei Prozent zu – auch deshalb, weil mit dem Citadel-Deal die Sorge vom Tisch war, dass ein Zwangsverkäufer sein Buch ungeordnet in einen bereits schwachen Markt drückt.

Warum Aschenbrenner als Wunderkind galt

Aschenbrenner ist in Deutschland geboren und ging in Berlin zur Schule. Mit 19 schloss er die Columbia University als Jahrgangsbester in Ökonomie und Mathematik/Statistik ab. Danach arbeitete er kurz für den FTX Future Fund, den philanthropischen Arm von Sam Bankman-Frieds Krypto-Imperium, das Ende 2022 in einem milliardenschweren Betrugsfall kollabierte. Anschließend wechselte er zu OpenAI in das „Superalignment“-Team rund um Ilya Sutskever und Jan Leike – bis er wegen eines angeblichen Leaks entlassen wurde.

Bekannt wurde er 2024 mit einem rund 165 Seiten langen Essay mit dem Titel „Situational Awareness“. Darin argumentierte er, dass Artificial General Intelligence deutlich näher sei, als der Markt einpreise, und dass der Weg dorthin einen historisch beispiellosen Ausbau von Rechenzentren, Chips, Speicher und Energieinfrastruktur erzwingen werde. Der Text traf einen Nerv im Silicon Valley und wurde zur Referenz für die These vom „AI Buildout“.

Aschenbrenner monetarisierte diese Aufmerksamkeit unmittelbar: Er gründete einen Hedgefonds, benannt nach dem Essay, mit Ankerinvestoren aus der Tech-Elite – darunter der frühere GitHub-CEO Nat Friedman, Daniel Gross sowie die Stripe-Gründer Patrick und John Collison. Auch Jane Street beteiligte sich, für die Eigenhandelsfirma ein ungewöhnlicher Schritt. Handelserfahrung hatte Aschenbrenner vorher keine.

Der Rest war Performance: In einem Investorenbrief vom 24. Juli wies er für die ersten sechs Monate des Jahres eine Rendite von 439 Prozent aus, seit Auflage 1.551 Prozent. Das Vermögen wuchs auf zeitweise über 20 Milliarden Dollar – verwaltet von einem winzigen Team. Regulatorische Einreichungen und Berichte nennen je nach Zeitpunkt vier bis sieben Investmentprofis und acht bis rund 20 Mitarbeiter insgesamt. Ganz allein entschied Aschenbrenner dabei nicht: In den SEC-Meldungen des Fonds wird Carl Shulman als Co-Portfoliomanager geführt – ein Detail, das in der Erzählung vom Ein-Mann-Fonds meist untergeht. Auf X folgten ihm über 250.000 Menschen, er war Dauergast in Tech-Podcasts, und mehrere Medien nannten ihn den „Nostradamus of AI“.

Die These – und der Hebel

Das eigentliche Problem war nicht die These, sondern ihre Umsetzung. Situational Awareness war extrem konzentriert positioniert, vor allem in KI-Infrastrukturwerten wie Bloom Energy, Sandisk oder Nebius, und arbeitete zusätzlich mit erheblichem Fremdkapital. Berichte sprechen von einem Hebel in der Größenordnung des Vierfachen.

Genau hier liegt die Mechanik des Absturzes: Wer sich Geld von Prime Brokern leiht, um Aktien zu kaufen, hinterlegt diese Positionen als Sicherheit. Fallen sie unter eine bestimmte Schwelle, fordern die Banken Nachschuss – und wenn der nicht geleistet werden kann, verkaufen sie selbst. Bei vierfachem Hebel reicht rechnerisch bereits ein Kursrückgang von rund 25 Prozent, um das eingesetzte Eigenkapital aufzuzehren. Mehrere Kernpositionen des Fonds hatten seit Ende Juni zwischen etwa 35 und 47 Prozent verloren.

Auslöser war die Neubewertung des gesamten KI-Trades im Juli: Anleger begannen zu zweifeln, ob die gewaltigen Investitionen der Hyperscaler in absehbarer Zeit in Umsätze umschlagen. Mindestens ein Prime Broker hatte Situational Awareness wegen der Konzentration und Volatilität des Portfolios bereits auf eine Beobachtungsliste gesetzt und im vergangenen Jahr mehrfach Nachschuss verlangt – zuletzt in dieser Woche.

Bemerkenswert ist das Timing des Investorenbriefs: Noch am 24. Juli warb Aschenbrenner darin um frisches Kapital und bezeichnete den Ausverkauf als günstigen Einstiegszeitpunkt, mit einem Zeichnungsfenster zum 1. August. Zwei Investoren berichteten, sie hätten sich davon beruhigt gefühlt. Wenige Tage später war der Fonds Verkäufer.

Was im Portfolio stand

Der letzte offizielle Einblick stammt aus der 13F-Meldung an die US-Börsenaufsicht SEC, eingereicht am 18. Mai 2026 zum Stichtag 31. März. Das Quartalsformular für Ende Juni ist erst am 14. August fällig – die Positionen zum Zeitpunkt des Notverkaufs sind also nicht offiziell dokumentiert. Der Momentaufnahme vom Frühjahr lässt sich die Strategie dennoch klar ablesen: 42 Meldezeilen, 29 Emittenten, 13,68 Milliarden Dollar ausgewiesener Wert – nach 5,52 Milliarden im Quartal davor. Ein Plus von 148 Prozent in drei Monaten.

Auffällig ist die Struktur. Nur 28 Prozent des gemeldeten Werts entfielen auf tatsächliche Aktienpositionen. 62 Prozent steckten in Put-Optionen auf Halbleiterwerte, weitere zehn Prozent in Calls. Das war eine Barbell-Wette: long auf Energie-, Rechenzentrums- und Speicher-Infrastruktur, short auf die Chip-Hersteller, denen Aschenbrenner offenbar zutraute, dass ihre Bewertungen den Ausbau nicht durchhalten würden.

Die Put-Seite (8,46 Mrd. Dollar Nominalwert)

Position Wert Anteil
VanEck Semiconductor ETF (SMH) 2.043 Mio. 14,9 %
Nvidia 1.568 Mio. 11,5 %
Oracle 1.073 Mio. 7,8 %
Broadcom 1.006 Mio. 7,4 %
AMD 969 Mio. 7,1 %
Micron 584 Mio. 4,3 %
TSMC 535 Mio. 3,9 %
ASML 494 Mio. 3,6 %
Intel 159 Mio. 1,2 %
Corning 21 Mio. 0,2 %
Infosys 7 Mio. 0,05 %

Die Long-Seite (3,86 Mrd. Dollar)

Position Wert Stück
Bloom Energy 879 Mio. 6,49 Mio.
Sandisk 724 Mio. 1,14 Mio.
CoreWeave 556 Mio. 7,18 Mio.
IREN Limited 401 Mio. 11,70 Mio.
Core Scientific 389 Mio. 26,01 Mio.
Applied Digital 320 Mio. 13,48 Mio.
Riot Platforms 142 Mio. 11,50 Mio.
CleanSpark 105 Mio. 12,28 Mio.
Solaris Energy Infrastructure 63 Mio. 1,11 Mio.
T1 Energy 44 Mio. 10,00 Mio.
Bitfarms 39 Mio. 19,88 Mio.
Bitdeer 30 Mio. 3,44 Mio.
Power Solutions International 26 Mio. 0,43 Mio.
WhiteFiber 21 Mio. 1,76 Mio.
Babcock & Wilcox 20 Mio. 1,35 Mio.
SharonAI Holdings 18 Mio. 0,80 Mio.
ProPetro 13 Mio. 0,91 Mio.
HIVE Digital 6 Mio. 3,39 Mio.

Dazu kamen Call-Optionen über 1,36 Milliarden Dollar – auf Micron, Sandisk, TSMC, CoreWeave und Bloom Energy – sowie Kleinstpositionen in denselben Titeln, die als Delta-Absicherung zu den Optionen dienen dürften.

Zwei Positionen sind erst nach dem Stichtag aufgebaut worden und tauchen in separaten Pflichtmeldungen auf. Ende Mai meldete Situational Awareness 5,6 Prozent an Nebius Group – 12,41 Millionen Class-A-Aktien des Amsterdamer KI-Cloud-Anbieters, im Q1-Formular noch gar nicht enthalten. Nebius gilt in der aktuellen Berichterstattung als eine der großen Verlustpositionen. Anfang Juli übte der Fonds zudem Pre-Funded Warrants bei SharonAI aus und hält dort inzwischen 5,4 Millionen Aktien plus 2,67 Millionen Warrants; bei Core Scientific war er seit August 2025 mit einer 13D-Meldung als aktivistischer Anteilseigner registriert.

Zur Einordnung der Zahlen: Optionswerte werden im 13F als Nominalwert der zugrundeliegenden Aktien gemeldet, nicht als eingesetzte Prämie. Die zwei Milliarden Dollar „SMH Put“ bedeuten also keinen Kapitaleinsatz in dieser Höhe. Und ein 13F erfasst nur Long-Aktien und börsengehandelte Optionen – keine echten Leerverkäufe, keine Anleihen, keine Privatbeteiligungen.

Was bleibt: die Anthropic-Beteiligung

Verkauft wurde das öffentliche Aktienbuch – nicht das private. Der Fonds soll als privates Investmentvehikel weitergeführt werden; das verbliebene Vermögen wird auf etwa zehn Milliarden Dollar geschätzt. Für Privatbeteiligungen gibt es kein Meldeformular wie das 13F, die folgende Aufstellung stützt sich deshalb auf Berichterstattung und ist entsprechend lückenhaft:

Beteiligung Geschäft Bekannter Wert / Bewertung
Anthropic KI-Modellentwickler Anteil ca. 5 Mrd. USD; Unternehmensbewertung zuletzt 900 bis 965 Mrd. USD
Fluidstack KI-Rechenzentren Anteilshöhe unbekannt; Unternehmen im April in Gesprächen über eine Runde bei ca. 18 Mrd. USD
MatX KI-Chip-Startup Anteilshöhe und Bewertung nicht öffentlich

Der Anthropic-Anteil entspricht damit gut einem halben Prozent des Unternehmens. Er ist zugleich die einzige Position, zu der belastbare Zahlen vorliegen – bei Fluidstack und MatX ist nicht einmal die Größenordnung bekannt.

Dass ausgerechnet diese Beteiligungen überlebt haben, ist kein Zufall, sondern eine Folge der Marktmechanik: Private Anteile haben keinen täglichen Börsenkurs und können deshalb nicht laufend gegen eine Margin-Schwelle bewertet und eingefordert werden. Was am illiquidesten war, war zugleich am sichersten. Aus einem gehebelten Aktienfonds ist damit faktisch ein konzentriertes Growth-Equity-Vehikel geworden.

Freiwillig war das Festhalten allerdings nicht durchgehend. Berichten zufolge hat Situational Awareness in der Krisenwoche sehr wohl versucht, private Anteile zu Geld zu machen, um die Nachschussforderungen zu bedienen – die FT schreibt, Aschenbrenner habe dabei auch den Anthropic-Anteil sondiert, allerdings mit einem Aufschlag auf die zuletzt kolportierte Bewertung. Ein Firmensprecher wies gegenüber CNBC zurück, dass diese Beteiligung vermarktet werde, und nannte entsprechende Berichte unzutreffend.

Aufschlussreich ist, wer neben Situational Awareness auf denselben Cap Tables sitzt: Jane Street ist sowohl bei Anthropic als auch bei MatX und Fluidstack investiert – und war zugleich Investor in Aschenbrenners Fonds sowie einer der Bieter für das Aktienbuch. Ein enges Geflecht, in dem dieselben Akteure gleichzeitig Geldgeber, Co-Investor und potenzieller Käufer sind. Erwähnenswert im Kontext auch: Aschenbrenners Partnerin arbeitet als Chief of Staff für Anthropics CEO.

Die offenen Fragen

Für Citadel passt der Zugriff ins Muster. Griffins Fonds hat sich über mehrere Zyklen als Käufer notleidender Portfolios etabliert – von Amaranth Advisors 2006 bis Sowood Capital 2007. Und Citadel hielt bereits vor dem Deal ähnliche KI-Infrastrukturpositionen, was nahelegt, dass man dort dieselbe langfristige These verfolgt, nur ohne den Zwang, sie in einem schlechten Quartal liquidieren zu müssen.

Die unbequemere Frage richtet sich an das System dahinter: Warum floss so viel Kapital – und vor allem so viel Bankkredit – an ein achtköpfiges Team ohne institutionelle Risikoinfrastruktur und ohne Handelshistorie? Die Kreditvergabe an Hedgefonds ist für Investmentbanken zuletzt außerordentlich profitabel gewesen und macht einen wachsenden Anteil ihrer Bilanzen aus. Der Fall Situational Awareness ist damit weniger eine Geschichte über KI als eine über Konzentration, Hebel und die Bereitschaft des Marktes, einer guten Erzählung sehr viel Geld anzuvertrauen.

Aschenbrenner selbst hatte bei der Gründung 2024 geschrieben: „Before long, the world will wake up.“ Aufgewacht ist der Markt – nur anders als gedacht.

Rank My Startup: Erobere die Liga der Top Founder!
Werbung
Werbung

Specials unserer Partner

Die besten Artikel in unserem Netzwerk

Deep Dives

Wasner + Steinschaden | Der KI Podcast

News, Modelle, Strategien

#glaubandich CHALLENGE 2027

Österreichs größter Startup-Wettbewerb - Top-Investoren mit an Bord
© Wiener Börse

IPO Spotlight

powered by Wiener Börse

RankMyStartup.com

Steig' in die Liga der Top Founder auf!

2 Minuten 2 Millionen | Staffel 13

Alle Startups | Alle Deals | Alle Hintergründe

Future{hacks}

Zwischen Hype und Realität

Trending Topics Tech Talk

Der Podcast mit smarten Köpfen für smarte Köpfe

Weiterlesen