Manufactor

6 Millionen Euro Förderung für österreichische Datenbrillen in der Industrie

Produktionsmitarbeiter trägt "VPS Next". © ViewPointSystem
Produktionsmitarbeiter trägt "VPS Next". © ViewPointSystem

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Zwei österreichische Unternehmen sind an einem neuen EU-Forschungsprojekt beteiligt, das die Fabrikshalle mit Sensorik und KI-Agenten aufrüsten will. Das Wiener DeepTech-Unternehmen Viewpointsystem liefert die Datenbrille samt Eye Tracking, der oberösterreichische Maschinen- und Anlagenbauer Fill aus Gurten stellt die industrielle Testumgebung. Das Projekt trägt den Namen MANUFACTOR, läuft über drei Jahre und wird im Rahmen des EU-Innovationsprogramms Horizon Europe gefördert. Das Gesamtbudget beträgt 6 Millionen Euro, beteiligt sind 14 Forschungs-, Technologie- und Industriepartner aus acht europäischen Ländern.

Ausgangspunkt ist ein bekanntes Problem der europäischen Fertigungsindustrie: Fachkräfte werden knapper, die Produktionsprozesse gleichzeitig komplexer. Neue Mitarbeiter:innen müssen also rascher für anspruchsvolle Aufgaben qualifiziert werden, während körperliche und mentale Belastung sowie Fehlerquoten sinken sollen.

Was das Assistenzsystem können soll

MANUFACTOR setzt dafür auf ein Assistenzsystem, das seine Hilfestellung in Echtzeit an die jeweilige Situation der Person am Arbeitsplatz anpasst. Zusammengeführt werden Technologien, die bisher weitgehend getrennt im Einsatz waren: tragbare Sensoren, XR-Brillen, Eye Tracking, 3D-Bildsensoren, KI-Agenten und ein sogenannter Human Digital Twin, also ein digitales Echtzeitabbild der körperlichen und kognitiven Verfassung eines Menschen.

Die Zielwerte, die sich das Konsortium gesetzt hat, sind konkret: Die Einarbeitungszeiten sollen um mehr als 35 Prozent sinken, Fertigungsfehler um 20 Prozent. Zugleich soll das Vertrauen der Mitarbeiter:innen in die eigenen Fähigkeiten um mehr als 20 Prozent steigen.

Wozu die Brille in der Produktion dient

Der österreichische Beitrag auf Technologieseite kommt von Viewpointsystem, das auf Basis seines bestehenden Modells „VPS Next“ eine XR-Brille mit integriertem Eye Tracking entwickelt. Das Unternehmen, das zuletzt auch Förderungen aus dem EU-Verteidigungsfonds und 2,3 Millionen Euro für seine Technologie „Digital Iris“ erhalten hat, ist einer von vier zentralen Technologiepartnern des Projekts.

Die Brille hat in der Produktion eine doppelte Funktion. Erstens dient sie als Messinstrument: Wohin jemand blickt, wie lange, wie oft der Blick springt und wie sich die Pupille verhält, lässt Rückschlüsse darauf zu, worauf die Aufmerksamkeit gerade liegt und wie hoch die kognitive Belastung bei einer komplexen Montage- oder Wartungsaufgabe ist. Diese Eye-Tracking- und Kameradaten werden im Projektverlauf mit weiteren Sensordaten zusammengeführt und ergeben gemeinsam den Human Digital Twin.

Zweitens ist die Brille der Ausgabekanal. KI-Agenten greifen auf dieses Echtzeitbild zu und entscheiden daraus, welche Unterstützung gerade passt: eine Audioanweisung, ein Hinweis direkt im Sichtfeld oder auch gar nichts, wenn die Person die Aufgabe ohnehin sicher beherrscht. Statt einer starren Schritt-für-Schritt-Anleitung, die alle gleich behandelt, soll die Hilfestellung so mit dem Kenntnisstand und der Tagesverfassung mitgehen.

„Wirklich adaptive Unterstützung beginnt damit, den Menschen hinter der Aufgabe zu verstehen. Eye Tracking gibt uns in Echtzeit Aufschluss über die Aufmerksamkeit und kognitive Belastung eines Menschen“, sagt Frank Linsenmaier, CTO von Viewpointsystem. „Auf dieser Grundlage kann KI ihre Unterstützung an die Person und die jeweilige Situation anpassen und damit über eine reine Automatisierung von Assistenz hinausgehen.“

Praxistest in der Lehrwerkstatt

Getestet wird die Technologie bei Fill in Gurten, und zwar in der firmeneigenen Next World Factory, einem Ausbildungs- und Lernzentrum. Dort qualifizieren sich Lehrlinge ebenso wie bereits im Beruf stehende Mitarbeiter:innen für technische Berufsbilder, in denen Mechanik, Elektronik und Software immer stärker ineinandergreifen und zusätzlich cloudbasierte KI-Anwendungen sowie additive Fertigungsverfahren dazukommen. Untersucht werden soll, ob adaptive Assistenz den Kompetenzerwerb tatsächlich beschleunigt.

„Fachkräftemangel und zunehmend komplexe Technologien erfordern neue Ansätze in der Aus- und Weiterbildung“, sagt Martin Muik aus der Forschung und Entwicklung bei Fill. „Mit MANUFACTOR wollen wir erproben, wie intelligente Assistenz das Lernen individueller, effizienter und motivierender gestalten und Menschen dabei unterstützen kann, ihr Potenzial bestmöglich zu entfalten.“

Neben Fill stehen zwei weitere industrielle Pilotstandorte zur Verfügung: Volkswagen Autoeuropa in Portugal und Hitachi Energy in Schweden. Zwei Learning Factories ergänzen die Tests. Am Ende der Projektlaufzeit soll ein in realen Einsatzumgebungen validierter Prototyp stehen, angesiedelt auf Technology Readiness Level 5 bis 6, also noch vor der Marktreife. Bei der Entwicklung sollen die Vorgaben des EU AI Act und der Datenschutz-Grundverordnung berücksichtigt werden, was angesichts von Blick- und Belastungsdaten am Arbeitsplatz eine der heikleren Fragen des Projekts sein dürfte.

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