Anthropic warnt im Börsenprospekt vor „existenziellen Risiken für die Menschheit“
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Wer bei Anthropic einsteigen will, bekommt vorab eine Warnung, die man so in keinem Börsenprospekt erwarten würde: Die eigene Technologie könne „existenzielle Risiken für die Menschheit“ bergen. Das geht laut Financial Times aus dem S-1-Prospekt hervor, den der Claude-Hersteller in den vergangenen Tagen an einen kleinen Kreis von Partnern verteilt hat. Die Nachrichtenagentur Reuters hatte zuerst über das Dokument berichtet, das erstmals einen detaillierten Blick in die Finanzen des KI-Unternehmens erlaubt. Anthropic selbst wollte sich nicht äußern.
Öffentlich einsehbar ist der Prospekt noch nicht. In der SEC-Datenbank EDGAR findet sich bislang kein S-1 von Anthropic, PBC. Das Unternehmen hatte bereits im Juni bekannt gegeben, einen vertraulichen Entwurf bei der US-Börsenaufsicht eingereicht zu haben. Die öffentliche Version muss nach den SEC-Regeln spätestens 15 Tage vor dem Start der Roadshow veröffentlicht werden.
Die wichtigsten Zahlen aus dem Prospekt
Laut den Berichten von Reuters und FT zeigt der Prospekt ein Unternehmen mit enormem Wachstum und noch enormeren Kosten:
- Umsatz 2025: rund 4,6 Milliarden Dollar (etwa 3,9 Milliarden Euro), zwölfmal so viel wie im Jahr davor mit rund 386 Millionen Dollar
- Nettoverlust 2025: rund 42 Milliarden Dollar (etwa 36 Milliarden Euro)
- Operativer Verlust 2025: mehr als 8 Milliarden Dollar
- Betriebskosten 2025: rund 12,7 Milliarden Dollar, davon 7,3 Milliarden Dollar für Rechenleistung und Infrastruktur
- Barmittel: rund 20,3 Milliarden Dollar zum Jahresende 2025
- Umsatz im zweiten Quartal 2026: 11,5 Milliarden Dollar, also allein in drei Monaten mehr als doppelt so viel wie im gesamten Vorjahr
- Künftige Verpflichtungen: rund 518 Milliarden Dollar (etwa 443 Milliarden Euro) für Cloud, Rechenleistung und Infrastruktur in den kommenden Jahren
Der riesige Nettoverlust erklärt sich großteils durch einen Buchhaltungseffekt. Rund 34 Milliarden Dollar gehen laut Reuters auf Wertänderungen von Wandelfinanzierungen zurück, die in Aktien umgewandelt werden können. Weil Anthropics Bewertung stark gestiegen ist, musste diese Finanzierung höher bewertet werden. Bargeld ist dabei nicht abgeflossen. Operativ lag der Verlust bei etwas über 8 Milliarden Dollar.
Heuer dürfte sich das Bild bereits deutlich verbessern. Laut FT steuert Anthropic auf das zweite Quartal in Folge mit einem operativen Gewinn zu, allerdings auf bereinigter Basis.
Zwei Kund:innen bringen ein Viertel des Umsatzes
Unter den Risiken, die Anthropic im Prospekt aufführt, ist ein sehr konkretes: die Abhängigkeit von wenigen Großkund:innen. Fast ein Viertel des Umsatzes im Vorjahr kam laut FT von nur zwei Kund:innen. Namen werden in den Berichten nicht genannt. Zudem haben viele der größten Kund:innen laut Reuters keine langfristigen Verträge und könnten ihre Ausgaben jederzeit senken oder einstellen.
Insgesamt widmet Anthropic den Risikofaktoren rund ein Drittel des Prospekts, bei insgesamt 261 Seiten sind das etwa 80 Seiten. Neben klassischen Geschäftsrisiken beschreibt das Unternehmen dort auch, dass immer leistungsfähigere KI-Modelle Menschen manipulieren, erpressen oder sich auf andere unvorhersehbare Weise verhalten könnten. In eigenen Tests hätten autonome Modelle bereits „unerwartete und potenziell schädliche“ Verhaltensweisen gezeigt, etwa Code sabotiert oder bei Betrug geholfen.
Diese Warnungen passen zur öffentlichen Linie von CEO Dario Amodei. Er bezeichnete KI kürzlich vor dem UN-Sicherheitsrat als „das wichtigste globale Sicherheitsthema, vor dem die Welt heute steht“, und wirbt für eine gemeinsame Verlangsamung der Entwicklung an der Spitze der Forschung.
Gründer behalten die Kontrolle
Auch die Machtverhältnisse nach dem Börsengang sind im Prospekt geregelt, wie Reuters in einem zweiten Bericht darlegt. Die sieben Mitgründer:innen bündeln ihre Stimmrechte in einer „Founder LLC“, die über eine einzige Aktie der Klasse F 50,1 Prozent der Stimmrechte hält, etwa bei der Wahl des Boards. Normale Anleger:innen erhalten Aktien der Klasse A mit einer Stimme pro Aktie, strategische Partner Aktien mit kaum Stimmrecht. Der Prospekt räumt selbst ein, dass diese Struktur den Einfluss von Privatanleger:innen „effektiv verringern“ könnte.
Zur Founder LLC gehören laut Reuters unter anderem:
- Dario Amodei: CEO
- Daniela Amodei: Präsidentin und Vorsitzende des Boards, Schwester von Dario Amodei
- Tom Brown: Chief Compute Officer
- Chris Olah: Forscher, zuständig für zentrale Forschungsprojekte
Die übrigen drei Mitgründer sind Jared Kaplan, Sam McCandlish und Jack Clark. Die sieben hatten OpenAI 2020 gemeinsam verlassen. Wer die LLC verlässt, stirbt, zu viele Aktien verkauft oder aus wichtigem Grund abberufen wird, scheidet aus. Die Sonderstimmrechte laufen erst aus, wenn nur noch zwei oder weniger Gründer:innen oder deren Nachfolger:innen übrig sind.
Das Board setzt sich nach dem Börsengang so zusammen:
- Gewählt von den Aktionär:innen der Klassen F und A: Daniela Amodei, Dario Amodei und ein noch nicht benanntes weiteres Mitglied
- Gewählt vom Long-Term Benefit Trust: vier weitere Mitglieder. Dem Trust gehören derzeit unter anderem der frühere US-Notenbankchef Ben Bernanke und der Sicherheitsexperte Richard Fontaine an
Der Prospekt legt auch die Gehälter offen. Dario Amodei verdiente 2025 knapp 18 Millionen Dollar, vor allem in Form von Aktien und Optionen, Daniela Amodei 16,4 Millionen Dollar. Die Mitgründer:innen verpflichten sich im Prospekt, 80 Prozent ihrer Anthropic-Anteile für gemeinnützige Zwecke zu spenden. Als Public Benefit Corporation darf Anthropic zudem das Gemeinwohl neben den Interessen der Aktionär:innen berücksichtigen. Man habe sich etwa bewusst gegen „bestimmte kommerziell attraktive Angebote“ wie Bild- und Videogeneratoren entschieden, um die Rechenleistung für Forschung und Sicherheit zu nutzen, heißt es im Prospekt.
Bewertung von über 2 Billionen Dollar erwartet
Der Börsengang an der Nasdaq wird laut Reuters voraussichtlich nach den US-Zwischenwahlen im November stattfinden. Die Investor:innen von Anthropic rechnen mit einer Bewertung von mehr als 2 Billionen Dollar (etwa 1,7 Billionen Euro). Das wäre mehr als doppelt so viel wie bei der letzten Finanzierungsrunde im Mai und mehr als bei SpaceX, das im Juni mit rund 1,78 Billionen Dollar an die Börse ging und damit den bisher größten Börsengang aller Zeiten hinlegte. Die SpaceX-Aktie notiert inzwischen allerdings unter ihrem Ausgabekurs.
Der wichtigste Konkurrent ist ebenfalls auf dem Weg an die Börse. OpenAI hat im Juni einen vertraulichen Antrag eingereicht, eine Notierung wird für Anfang 2027 erwartet. Damit dürfte Anthropic als erstes der beiden großen KI-Labore den Test an der Börse machen. Wie Anleger:innen ein Unternehmen bewerten, das Milliardenverluste schreibt, gleichzeitig aber seinen Umsatz vervielfacht und vor den Gefahren der eigenen Technologie warnt, wird sich dann zeigen.

