Börsengang

Anthropic vor IPO: 17 Milliarden Dollar Umsatz und 23 Milliarden Dollar Verlust in Q3 2026

© Brecht Corbeel / Unsplash

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Anthropic hat in einem Quartal mehr Umsatz gemacht als im gesamten ersten Halbjahr, und trotzdem 23 Milliarden Dollar verloren.

Eine Woche nach dem Börsenprospekt hat der Claude-Entwickler die Zahlen für das dritte Quartal nachgereicht. Laut dem geänderten S-1-Formular, das Anthropic am Montag bei der US-Börsenaufsicht SEC einreichte, erzielte das Unternehmen zwischen Juli und September rund 17 Milliarden Dollar (rund 14,6 Milliarden Euro) Umsatz, zwölfmal so viel wie im selben Quartal des Vorjahres. Für die ersten neun Monate des Jahres summiert sich der Umsatz auf 33,24 Milliarden Dollar (rund 28,6 Milliarden Euro), ein Plus von rund 1.200 Prozent. Das heißt auch: Das dritte Quartal allein brachte mehr ein als die ersten beiden zusammen, die im ursprünglichen Prospekt mit rund 16 Milliarden Dollar ausgewiesen waren. Auf das Jahr hochgerechnet läuft Anthropic damit auf einen Umsatz von rund 68 Milliarden Dollar zu.

Der Verlust wächst mit

Auf der anderen Seite der Rechnung steht ein Nettoverlust von 23,29 Milliarden Dollar (rund 20 Milliarden Euro) für das Quartal, nach 12,1 Milliarden im Vorjahresquartal. Die Betriebsausgaben stiegen um 292 Prozent auf 17,5 Milliarden Dollar, also auf etwa das Niveau des Umsatzes. Für die ersten neun Monate weist Anthropic einen Nettoverlust von 104 Milliarden Dollar (rund 89 Milliarden Euro) aus, nach 25,1 Milliarden im Vergleichszeitraum 2025. Der Großteil davon ist allerdings kein operativer Verlust, sondern ein Buchungseffekt, dazu gleich mehr.

Der echte Kostentreiber steht an anderer Stelle: Die Ausgaben für Rechenleistung und Infrastruktur stiegen in den neun Monaten um 14,4 Milliarden Dollar oder 329 Prozent. „Mit wachsender Rechen- und Infrastrukturkapazität sind die damit verbundenen Ausgaben gestiegen“, schreibt Anthropic lapidar.

Warum Anthropic trotzdem von Gewinn spricht

Dass im Sommer vom „ersten profitablen Quartal“ die Rede war, ist kein Widerspruch zu den Milliardenverlusten, sondern eine Frage der Kennzahl. Operativ, also Umsatz minus Betriebskosten für Rechenleistung, Personal und Forschung, erzielte Anthropic im zweiten Quartal laut Prospekt einen Gewinn von rund 974 Millionen Dollar, im ersten Halbjahr insgesamt blieb wegen des schwächeren ersten Quartals ein operativer Verlust von 693 Millionen. Im dritten Quartal stehen 17,5 Milliarden Dollar Betriebsausgaben rund 17 Milliarden Umsatz gegenüber, operativ also etwa ein Nullsummenspiel. Beim Geld, das tatsächlich fließt, sieht es besser aus: Der operative Cashflow lag im ersten Halbjahr bei plus 3,9 Milliarden Dollar, und auch im dritten Quartal soll Anthropic Berichten zufolge einen positiven freien Cashflow erwirtschaftet haben, bei einer Bruttomarge von rund 85 Prozent.

Der Nettoverlust entsteht fast vollständig aus den Wandelanleihen, mit denen sich Anthropic vor allem bei Amazon finanziert hat. Das Unternehmen bilanziert sie nach der sogenannten Fair-Value-Option: Zu jedem Stichtag werden die Anleihen mit dem aktuellen Unternehmenswert neu bewertet, weil ihr Wandlungsrecht in Aktien mit der Bewertung an Wert gewinnt. Steigt die Bewertung, wie im vergangenen Jahr von rund 61 Milliarden auf deutlich über 900 Milliarden Dollar, steigt der bilanzielle Wert der Anleihen mit, und diese Wertänderung muss als Aufwand verbucht werden. Im ersten Halbjahr machte dieser Posten 72,4 Milliarden Dollar aus, 90 Prozent des Verlusts, bei nur rund 6,2 Milliarden Dollar tatsächlich aufgenommenem Kapital. Mit dem Börsengang wandeln die Anleihen in Aktien, danach verschwindet der Effekt weitgehend. Bis dahin gilt die paradoxe Regel: Je erfolgreicher Anthropic, desto größer der ausgewiesene Verlust.

895 Milliarden Dollar an Verpflichtungen

Die eindrucksvollste Zahl des Prospekts ist weder Umsatz noch Verlust. Anthropic hat Kauf- und Leasingverträge mit einem Gesamtvolumen von rund 895,4 Milliarden Dollar (rund 770 Milliarden Euro) abgeschlossen, „im Wesentlichen alle im Zusammenhang mit Rechenleistung und Infrastruktur“. Rund 448 Milliarden Dollar davon werden laut Bloomberg bis Ende 2030 fällig, etwa 70 Milliarden Dollar (rund 60 Milliarden Euro) allein in den zwölf Monaten bis September 2027. Zum Vergleich: Das ist mehr als das Vierfache des aktuellen Quartalsumsatzes, pro Jahr. Die Verpflichtungen erklären, warum Anthropic an die Börse muss, und warum der Börsengang so groß ausfallen soll.

Die Bewertung, die Investor:innen den Banken laut Bloomberg nennen, liegt inzwischen bei 1,4 bis 1,5 Billionen Dollar (rund 1,2 bis 1,3 Billionen Euro), bis zu 1,75 Billionen gelten als erreichbar. Anthropic will beim Börsengang, der noch vor Thanksgiving Ende November stattfinden soll, mindestens so viel einsammeln wie SpaceX bei seinem Rekord-IPO mit 86,2 Milliarden Dollar. Goldman Sachs und Morgan Stanley führen den Deal, 20 weitere Banken sind beteiligt, gehandelt wird die Aktie an der Nasdaq unter dem Kürzel ANT. Es ist der erste Börsengang eines Unternehmens, dessen Kerngeschäft die Entwicklung der fortschrittlichsten KI-Modelle ist. OpenAI, der von Anthropic-Gründer Dario Amodei und seinen Mitstreiter:innen einst verlassene Rivale, hat seinen Prospekt im Juni vertraulich eingereicht, zielt aber auf 2027 und sammelt zwischenzeitlich privat weitere Milliarden ein.

Der Markt ist gerade nervös

Das Timing ist heikel. In den vergangenen Tagen haben Tech-Aktien nach enttäuschenden Quartalszahlen fast eine Billion Dollar an Wert verloren, die Rotation raus aus dem KI-Thema hat begonnen. Gleichzeitig steigt der Kapitalbedarf der gesamten Branche ins Absurde: Meta startete am Tag von Anthropics Prospekt eine Kapitalerhöhung über bis zu 98 Milliarden Dollar, Alphabet hatte sich im Sommer 85 Milliarden Dollar über neue Aktien geholt, Oracle kündigte am Montag ein weiteres Finanzierungspaket über 20 Milliarden Dollar an, nachdem es heuer schon rund 50 Milliarden aufgenommen hatte. Wer Anthropic-Aktien zeichnet, wettet also nicht nur auf Claude, sondern darauf, dass die Hyperscaler ihre Rechenzentren weiterbauen und bezahlen können, denn genau dort landet der Großteil der 895 Milliarden.

Für Skeptiker:innen liefert der Prospekt selbst die Argumente: Mehr als 90 Seiten Risikofaktoren, darunter politischer Gegenwind, die Abhängigkeit von wenigen Cloud-Partnern und der Spagat zwischen Sicherheitsanspruch und kommerziellen Zielen, dazu die eigene Einschätzung, dass die Technologie „existenzielle Risiken für die Menschheit“ bergen könnte. Für Befürworter:innen zählt die Kurve: Ein Unternehmen, das seinen Umsatz in einem Jahr verzwölffacht und dessen Quartalsumsatz bereits das erste Halbjahr übertrifft, hat eine Wachstumsgeschichte, wie sie der Kapitalmarkt noch nie gesehen hat. Ob sie 1,5 Billionen Dollar wert ist, entscheidet sich in drei Wochen.

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