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Tumbleweed holt 6,9 Mio. Euro: „Wir wollen die Schwerkraft ab- und wieder anschalten“

The Tumbleweed team in Oasis Alpha mission T-shirts
The Tumbleweed team in Oasis Alpha mission shirts © Tumbleweed

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Erst den Satelliten ins All schießen, dann um Geld bitten: Das Wiener Startup Tumbleweed hat die übliche Reihenfolge umgedreht und holt sich nach dem erfolgreichen Start von Oasis Alpha, Österreichs erstem kommerziellen Satelliten, nun 6,9 Millionen Euro in einer Seedrunde. Das ist eine der größten Space-Tech-Finanzierungen des Jahres in Europa. Im Podcast von Trending Topics spricht CEO Julian Rothenbuchner, der schon im Sommer zu Gast war, über die Investor:innen, die eigene Rückkehr-Kapsel und warum keine einzige Kundin von Tumbleweed je zuvor im All war.

Bewusst im stillen Kämmerchen

Dass Tumbleweed für viele Beobachter:innen wie aus dem Nichts kam, war Absicht. „Es war ganz dediziert unser Plan, unbekannt zu bleiben“, sagt Rothenbuchner. Statt früh die Werbetrommel zu rühren, baute das Team Beziehungen zu Ministerien, Zulieferern und Launch-Partnern auf. „Let’s enter this with a bang“, lautete die Devise.

Oasis Alpha ging im Juli mit vier Kund:innen an Bord ins All, von neuartigen Algorithmen über Proteinproduktion bis zur Materialforschung. Die Testmission ist inzwischen abgeschlossen, glatt lief laut Rothenbuchner nicht alles. Gezeigt habe man aber das Entscheidende: Durch Vorzertifizierung übernimmt Tumbleweed einen Großteil der Zulassungsarbeit selbst und bringt Kund:innen „zehnmal günstiger und fünfmal schneller“ ins All. Akzeptiert wurde das Verfahren von SpaceX ebenso wie vom österreichischen Staat, der US-Luftfahrtbehörde FAA und der US Space Force.

Engineer in a cleanroom suit assembling satellite hardware
Satellite hardware being assembled in the cleanroom © Tumbleweed

Ein Health-Tech-Investor als Lead

Bei der Finanzierungsrunde wollte Tumbleweed bewusst nicht nur klassische Space-VCs an Bord holen. „Space ist sehr cool, aber unsere Kundinnen und Kunden interessieren sich eigentlich viel mehr dafür, was die Schwerelosigkeit machen kann“, sagt Rothenbuchner. Angeführt wird die Runde deshalb vom Health-Tech-Investor Pact, ergänzt um Geldgeber:innen mit Space-Erfahrung. Das Ziel: Kundenexpertise aus Biotech und Health-Tech mit Glaubwürdigkeit in der Raumfahrt zu verbinden. Entscheidend war für Tumbleweed vor allem das Netzwerk des Lead-Investors in der Gesundheitsbranche, in Europa ebenso wie in den USA.

Die Seedrunde ist ein großer Sprung für ein Startup, das laut Rothenbuchner mit „ein paar Zehntausend Euro“ an Ersparnissen der Gründer gestartet ist. Früh an Bord war das Fellowship-Programm EWOR, das Rothenbuchner erst im dritten Anlauf aufnahm, wie er im EWOR-Podcast erzählt. Unterstützung kam zudem vom Inkubator ESA BIC Austria und aus der CASSINI-Initiative der EU-Weltraumagentur EUSPA. Oasis Alpha selbst wurde in neun Monaten um weniger als 500.000 Euro gebaut, das frische Kapital reicht damit für deutlich größere Sprünge.

Rothenbuchner selbst sieht Tumbleweed als „industrieübergreifenden Infrastrukturprovider“. Das Startup baut „die Schwerelosigkeitsmaschine“, für Pharma ebenso wie für Halbleiter und Photonik. In der Schwerelosigkeit gibt es weder Konvektion noch Sedimentation, Zellen altern bis zu zehnmal schneller, was die Forschung zu Alzheimer oder Parkinson beschleunigen kann. Kristalle für Halbleiter wachsen mit bis zu zehnmal weniger Fehlern. „Wir sehen Mikrogravität als industrial resource“, so der CEO. Dual Use sei mittelfristig ebenfalls ein Thema, aktuell aber kein großer Fokus.

Die eigene Rückkehrkapsel

Ein großer Teil des Geldes fließt in ein eigenes Reentry Vehicle. Denn für fast alle Anwendungen müssen die Materialien physisch zurück auf die Erde. „Wenn ich ein Halbleitermaterial im Weltall fertige, dann hilft mir das nichts, wenn das da oben ist“, sagt Rothenbuchner. Die Kapsel soll wie bei den Apollo-Missionen abbremsen, mit 25- bis 27-facher Schallgeschwindigkeit in die Atmosphäre eintreten und am Fallschirm landen, allerdings nicht in Österreich. Für Landeplätze in großen, unbewohnten Gebieten lägen bereits Angebote auf dem Tisch.

Den Weg über fremde Plattformen habe man probiert, „und das war schwierig“. Deshalb setzt Tumbleweed auf vertikale Integration. Entscheidend sei am Ende ohnehin nicht die beste Kapsel: „Es geht darum, wer bei den geringsten Projektkosten und Timelines die Schwerkraft ab- und wieder anschalten kann.“

Oasis Alpha being integrated into an Exolaunch deployer
Oasis Alpha during integration into the Exolaunch deployer © Tumbleweed

Drei Starts 2027, Reentry 2028

Das Team ist inzwischen auf gut 20 Ingenieur:innen gewachsen, die ersten Teile für Oasis Beta liegen bereits in der CNC-Fräse. Für 2027 plant Tumbleweed mindestens drei Starts, 2028 folgt der Schritt mit der Rückkehrkapsel. Weil SpaceX weniger Platz für Mitfliegende anbietet und die Preise gestiegen sind, setzt Rothenbuchner auf Diversifizierung: Ein Memorandum of Understanding mit SIRIUS Space Services gibt es bereits, dazu kommen suborbitale Flüge, die drei bis fünf Minuten Schwerelosigkeit liefern. Auf der Feature-Liste steht unter anderem „Late Integration“: Proben sollen künftig zwei Tage statt zwei Monate vor dem Start in den Satelliten wandern.

Ein starkes Signal sieht der CEO in der Kundenstruktur: „Jeder einzelne Kunde ist First Time Space User.“

Konkurrenz mit Hunderten Millionen

Allein ist Tumbleweed in dem Markt nicht. Der US-Konkurrent Varda Space Industries hat kürzlich 251 Millionen Dollar in einer Series D eingesammelt und bereits sechs Rückkehrmissionen absolviert. In Europa arbeiten etwa Space Forge aus Wales an Halbleitern aus dem Orbit sowie The Exploration Company und ATMOS Space Cargo an Rückkehrkapseln.

Milligramm statt Bioreaktor

Ob sich Fertigung im All wirtschaftlich rechnet, ist allerdings offen. Cody Tranbarger von Atlas Venture schreibt in einer Analyse, die vollen Kosten der Biofertigung im All seien „heute weitgehend nicht abschätzbar“. Bisherige Prozesse lieferten „bestenfalls Milligramm bis Gramm“ an Material, während Blockbuster-Medikamente in Bioreaktoren mit mehr als 10.000 Litern entstehen. Zudem gebe es noch keinen regulatorischen Rahmen für Produkte aus dem Weltraum. Tranbarger spricht von einer Geschichte über mehr als zehn Jahre.

The Tumbleweed team in Oasis Alpha mission T-shirts
The Tumbleweed team in Oasis Alpha mission shirts © Tumbleweed

Die Talentschmiede Sir-Karl-Popper-Schule

Die Wurzeln von Tumbleweed reichen zurück in Rothenbuchners Schulklasse an der Wiener Sir-Karl-Popper-Schule. Dort gründete er 2016 mit Moritz Stephan das Marsrover-Projekt Tumbleweed Mars. Stephan hat mittlerweile im Silicon Valley mit seinem KI-Startup Hone 60 Millionen Dollar eingesammelt. In der Klasse habe es drei Startup-Gründungen gegeben, noch während der Schulzeit. „Das wurde uns einfach ermöglicht, das wurde encouraged“, sagt Rothenbuchner.

Selbst ins All will der CEO übrigens nicht unbedingt. Als Prestigeprojekt sieht er die Raumfahrt kritisch: „Weltraum muss als Plattform gesehen werden, um crazy Businesses zu bauen, und nicht als etwas Lustiges, wo man mal einen coolen Joyride ins Weltall buchen kann.“

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