Lizenz

Baidu sperrt sein neues KI-Modell ERNIE 5.5 für Europa

Robin Li, Co-founder and CEO of Baidu, speaks at the company’s annual flagship event, Baidu World 2025. © Baidu
Robin Li, Co-founder and CEO of Baidu, speaks at the company’s annual flagship event, Baidu World 2025. © Baidu

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Ganz Europa darf sich die Gewichte von Baidus neuestem KI-Modell herunterladen, nur verwenden darf man sie hier nicht.

Der chinesische Suchmaschinenkonzern hat soeben ERNIE 5.5 Flash Base auf Hugging Face veröffentlicht, sein erstes großes Open-Weight-Modell seit der ERNIE-4.5-Familie im Sommer 2025. Die Lizenz, die dem Modell beiliegt, enthält eine Klausel, die man bei offenen Modellen selten sieht: Das Lizenzgebiet umfasst „alle geografischen Gebiete weltweit mit Ausnahme der Europäischen Union, des Vereinigten Königreichs und Südkoreas“. Außerhalb dieses Gebiets dürfen Modell und Outputs „nicht verwendet, vervielfältigt, verändert, verbreitet oder angezeigt werden“. Die Acceptable Use Policy wiederholt das Verbot gleich als ersten Punkt.

Was die Lizenz genau verbietet

Entscheidend ist dabei der Ort der Nutzung, nicht der Firmensitz. Anders als teils berichtet, knüpft die Lizenz nicht daran an, wo ein Unternehmen seinen Hauptsitz oder sein Kerngeschäft hat. Sie verbietet, das Modell in der EU, in Großbritannien und in Südkorea zu betreiben, anzupassen, weiterzugeben oder seine Ergebnisse dort anzuzeigen. Für ein europäisches Startup heißt das in der Praxis: Ein Produkt für europäische Kund:innen auf Basis von ERNIE 5.5 ist ausgeschlossen, Fine-Tuning auf europäischen Servern ebenso. Ob eine EU-Firma das Modell über eine Tochter in der Schweiz für Kund:innen außerhalb Europas einsetzen darf, lässt der Wortlaut offen.

Auch außerhalb Europas ist die Lizenz deutlich restriktiver als beim Vorgänger, für den Baidu noch die freizügige Apache-2.0-Lizenz gewählt hatte. Kommerzielle Produkte müssen sichtbar „Powered by ERNIE“ ausweisen. Wer mit dem Modell bis zu 50 Millionen Dollar Jahresumsatz erzielt, muss Baidu einmalig per E-Mail informieren, darüber braucht es eine schriftliche Genehmigung. Und Modell wie Outputs dürfen nicht genutzt werden, „um ein anderes KI-Modell zu verbessern“, eine Klausel, die auf Destillation zielt, also das Trainieren eigener Modelle mit den Antworten eines fremden. Dazu kommen ein Verbot militärischer Nutzung und als Gerichtsstand Hongkong.

Was das Modell kann

Das macht die Sperre umso bemerkenswerter, denn technisch spielt ERNIE 5.5 Flash Base vorne mit. Das Mixture-of-Experts-Modell hat 280 Milliarden Parameter, von denen pro Token rund 14 Milliarden aktiv sind, wurde auf 33,5 Billionen Tokens trainiert und verarbeitet im Fine-Tuning bis zu eine Million Tokens Kontext. In Baidus eigenen Benchmarks liegt es auf 24 von 30 Tests vor vergleichbaren Basismodellen, beim Wissenstest MMLU etwa mit 93,3 Punkten vor DeepSeek-V4-Flash-Base mit 89,4, beim Coding-Test HumanEval+ mit 82,3 vor 69,5. Unabhängige Auswertungen gibt es noch nicht. Es handelt sich um ein reines Basismodell ohne Nachtraining, gedacht für Forschung und eigene Anpassungen, eine fertige Chat-Version soll folgen. Für den Betrieb braucht es mindestens 288 Gigabyte GPU-Speicher.

Der direkte Vergleich zeigt, wie ungewöhnlich Baidus Weg ist. DeepSeek-V4-Flash, architektonisch der engste Verwandte mit 284 Milliarden Parametern, steht unter der MIT-Lizenz, der freizügigsten überhaupt, Alibabas Qwen-Modelle unter Apache 2.0. Auch Tencent hat diese Woche mit Hy4 ein großes offenes Modell nachgelegt, Moonshot AI mit Kimi K3.1 Pro einen Tag vor Baidu. Für europäische Entwickler:innen bleibt die Auswahl an starken chinesischen Open-Weight-Modellen damit groß, nur ERNIE fällt heraus.

Warum Baidu Europa meidet

Eine Begründung liefert Baidu nicht. Naheliegend ist die Regulierung. In der EU gelten seit August 2025 die Pflichten des AI Act für Anbieter von General-Purpose-Modellen, von technischer Dokumentation über eine Zusammenfassung der Trainingsdaten bis zur Einhaltung des Urheberrechts, bei besonders leistungsfähigen Modellen kommen Risikobewertungen dazu. Ausnahmen für offene Modelle gelten nur bei freien Lizenzen, und die hat Baidu gerade abgeschafft. Südkorea hat seit Jänner sein KI-Rahmengesetz in Kraft, Großbritannien setzt auf strenge Datenschutzregeln. Wer diese drei Märkte ausschließt, spart sich die Pflichten und das Haftungsrisiko.

Baidu ist nicht der erste große Anbieter, der Europa bewusst ausspart. Meta hatte 2024 die multimodalen Modelle von Llama 3.2 für Firmen mit Sitz in der EU gesperrt, mit Verweis auf die „unvorhersehbare“ Regulierung, Apple brachte Apple Intelligence monatelang verspätet nach Europa. Kritiker:innen des AI Act sehen darin den Beleg, dass die Regeln Europa von der technologischen Spitze abschneiden. Befürworter:innen halten dagegen, dass es um Transparenz- und Sicherheitspflichten geht, die jeder Anbieter erfüllen kann, und dass ein Modell, das seine Trainingsdaten nicht offenlegen will, in Europa ohnehin nicht willkommen sein sollte. Eine europäische Alternative bleibt Mistral, das seine offenen Modelle unter Apache 2.0 stellt.

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