„Historisch niedriger Hashprice“: Bitcoin-Miner steigen aus und schwenken zu KI
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Die Bitcoin-Miner haben ihre Schürfmaschinen gegen KI-Verträge getauscht, und ausgerechnet jetzt fällt die KI-Infrastruktur an der Börse schneller als Bitcoin.
Core Scientific, 2017 gegründet und über Jahre einer der größten börsennotierten Bitcoin-Miner der USA, wird das Mining bis Jahresende komplett einstellen. „Wir werden unseren Ausstieg aus dem Bitcoin-Mining bis Jahresende abschließen“, sagte CEO Adam Sullivan in der Telefonkonferenz zum dritten Quartal. Finanzchef Jim Nygaard ergänzte, man werde den „Wind-down im vierten Quartal abschließen“ und 2027 als „reiner Anbieter von High-Density-Colocation“ beginnen, mit einer „sehr sauberen“ Gewinn-und-Verlust-Rechnung ohne Mining. Noch im Dezember 2025 hatte das Wall Street Journal berichtet, der Ausstieg sei für 2028 geplant. Jetzt geht es zwei Jahre schneller.
Vom Schürfen zum Vermieten
Die Zahlen des Quartals erklären, warum. Von 232,9 Millionen Dollar Umsatz kamen 215,4 Millionen aus der Vermietung von Rechenzentrumskapazität, das Bitcoin-Mining brachte noch 17,5 Millionen Dollar, 7,5 Prozent des Geschäfts. Das eigene Mining schrumpfte binnen eines Jahres von 57,4 auf 12,3 Millionen Dollar Umsatz und schreibt einen Bruttoverlust, die Colocation dagegen läuft mit rund 60 Prozent Bruttomarge. Ende September hatte Core Scientific fast 50 Prozent weniger Miner am Netz als Ende 2025. Zuvor hatte das Unternehmen im ersten Quartal 266,5 Millionen Dollar auf Mining-Anlagen abgeschrieben, mit Verweis auf schwache Bitcoin-Preise, einen „historisch niedrigen Hashprice“ und den Wertverfall gebrauchter Mining-Hardware, und im zweiten Quartal mit 41,9 Millionen Dollar Verlust einen Hardware-Vertrag mit Block gekündigt.
Das neue Geschäft hängt an zwei Kunden. Mit CoreWeave, dem größten der sogenannten Neoclouds, hat Core Scientific seit 2024 Verträge über 590 Megawatt an sechs Standorten, rund 485 Megawatt davon sind bereits abgerechnet. Dazu kommt ein Deal mit AMD über 530 Megawatt an fünf Campus-Standorten, der ab dem ersten Halbjahr 2027 ausgeliefert und bis Ende 2028 abgeschlossen werden soll. Zusammen rund 1,1 Gigawatt, die laut Unternehmen nach Vollausbau etwa 1,8 Milliarden Dollar (rund 1,6 Milliarden Euro) Umsatz pro Jahr bringen sollen, bei 1,6 Milliarden Dollar Netto-Betriebsergebnis. Das Geschäftsmodell ist das eines Immobilienvermieters: Core Scientific baut die Hallen, liefert Strom und Kühlung, die Mieter stellen die GPUs hinein.
Die ganze Branche wechselt die Seite
Core Scientific ist nicht allein. Iren, einst Iris Energy, hat am selben Tag Zahlen vorgelegt, die wie eine Kopie aussehen: Der Mining-Umsatz fiel im Quartal auf 28 Millionen Dollar, 58 Prozent weniger als im Vorquartal und 88 Prozent weniger als vor einem Jahr, die Firma schürfte 402 Bitcoin statt 2.039, die Hashrate sank von 45,3 auf 8,8 Exahash. Dafür stieg der Umsatz mit der KI-Cloud um 182 Prozent auf rund 200 Millionen Dollar, getragen von einem Vertrag über 9,7 Milliarden Dollar mit Microsoft sowie Nvidia und 13 weiteren Kunden, der Gesamtumsatz kletterte auf 228 Millionen Dollar. Im Quartalsbericht formuliert Iren den Ausstieg als laufenden Umbau: „Wir betreiben weiterhin Bitcoin-Miner in bestimmten unserer Rechenzentren, während wir diese Rechenzentrumskapazität in Richtung AI Cloud überführen“, heißt es dort. „Wir streben an, diesen Übergang bis 31. Dezember 2026 im Wesentlichen abzuschließen, wobei unwesentliche Bitcoin-Mining-Aktivitäten voraussichtlich bis ins Kalenderjahr 2027 weiterlaufen.“ Die Miner laufen also nur noch so lange, bis die GPUs in denselben Hallen stehen. Bitcoin hält das Unternehmen keinen mehr, geschürfte Coins werden täglich verkauft. Der Nettoverlust lag bei 263 Millionen Dollar. Cipher Mining hat den Großteil seines Bitcoin-Geschäfts aufgegeben und sitzt auf 9,3 Milliarden Dollar an KI-Aufträgen, verankert durch einen 300-Megawatt-Deal mit AWS und einen von Google abgesicherten Vertrag mit Fluidstack. TeraWulf hat 12,8 Milliarden Dollar an HPC-Verträgen mit Fluidstack und Core42 in der Pipeline, Hut 8 einen 15-Jahres-Mietvertrag über 7 Milliarden Dollar mit Anthropic und Fluidstack, Applied Digital rund 11 Milliarden Dollar an Leases mit CoreWeave. Zusammen haben die fünf größten KI-Umsteiger laut CryptoQuant über 50 Milliarden Dollar an KI-Verträgen offengelegt, ihre Bitcoin-Produktion ist im Jahresvergleich um 47 Prozent gefallen, mindestens 35 Exahash pro Sekunde an Rechenleistung verlassen mit ihnen das Netzwerk.
Dem Bitcoin-Netzwerk schadet das weniger, als man meinen könnte. Die Hashrate war im August auf unter 900 Exahash gefallen, der tiefste Einbruch seit Chinas Mining-Verbot 2021, hat seither aber wieder 105 Exahash dazugewonnen, vor allem durch private, staatlich unterstützte und nicht-amerikanische Miner. Wer bleibt, verdient mehr: Die Produktion von MARA, CleanSpark, Riot und Co ist um 16 Prozent gestiegen. Die Logik der Umsteiger war bis vor kurzem unschlagbar: Ein Megawatt, das mit Bitcoin-Mining je nach Hashprice knapp über den Stromkosten liegt, bringt vermietet an einen KI-Kunden ein Vielfaches, abgesichert durch Verträge über zehn bis 15 Jahre mit Microsoft, Google, AWS oder Anthropic als Endkunden. Die Aktien dankten es: Bis April lagen TeraWulf, Hut 8 und Core Scientific 40 bis 70 Prozent im Plus, während Bitcoin 12 Prozent verlor.
Das Timing könnte kaum schlechter sein
Seither hat sich der Wind gedreht, und zwar heftig. Die Neocloud-Aktien, an die sich die Ex-Miner gebunden haben, sind im vergangenen Monat regelrecht zusammengebrochen: CoreWeave hat seit Anfang Oktober 52 Prozent verloren, Nebius 52 Prozent, Iren 56 Prozent, Cipher 64 Prozent, Hut 8 50 Prozent, Applied Digital 44 Prozent, Core Scientific selbst 32 Prozent, allein am Donnerstag ging es für die Gruppe um 10 bis 17 Prozent nach unten, im Sog des Ausverkaufs bei KI-Aktien nach dem Wahlsieg der Demokraten. Die Auslöser kamen Schlag auf Schlag: Microsoft meldete Investitionen unter den Erwartungen, Elon Musk prophezeite den „über 200 Neoclouds“ auf X einen „Tod auf Guppy-Niveau und Konsolidierung“, nur wenige würden überleben, und die Kreditmärkte hätten aufgehört, Firmen ohne Einkommen außerhalb von KI-Rechenzentren Geld zu leihen. Dann kamen die Midterms, nach denen 78 Prozent der neu gewählten Abgeordneten Rechenzentren regulieren oder stoppen wollen, ausgerechnet in Texas und Georgia, wo viele der umgebauten Mining-Standorte liegen.
Für Core Scientific und Co ist das ein doppeltes Problem. Erstens hängen ihre Einnahmen an der Zahlungsfähigkeit von Mietern wie CoreWeave, die ihrerseits hoch verschuldet sind und deren Kunden, die Hyperscaler, gerade ihre Ausgabenpläne überprüfen. Zweitens hat die Branche die Rückfalloption verkauft: Wer seine Miner abgeschrieben und seine Hallen für GPUs umgebaut hat, kann nicht zurück zum Bitcoin, wenn der KI-Mieter ausfällt, auch nicht bei 80.000 Dollar pro Coin. Die Verträge laufen zwar über Jahre, aber ein Zehnjahresvertrag mit einem Unternehmen, das die Kreditmärkte meiden, ist nur so viel wert wie dessen nächste Finanzierungsrunde.
Was für den Umstieg spricht
Die Gegenrechnung liefert Core Scientific selbst: Das Mining-Geschäft war schon vor dem Umbau ein Verlustbringer mit sinkenden Margen, steigendem Energiebedarf und einem Hashprice, der nach dem Halving 2024 nie zurückkam. Die Kunden am anderen Ende der Verträge sind Microsoft, Google, AWS, AMD und Anthropic, und das Produkt, Strom und Hallen an Standorten mit genehmigtem Netzanschluss, ist genau das, was in den USA gerade am knappsten ist, wie CoinShares diese Woche anmerkte: Miner mit gesichertem Stromzugang und laufenden Rechenzentren blieben interessant, weil die großen Cloudanbieter um Infrastruktur konkurrieren, die sich nicht über Nacht errichten lässt. Sollten die Hyperscaler ihre Rechenzentrumsflotte unter dem neuen Kongress nicht mehr selbst bauen dürfen oder wollen, werden die Ex-Miner zu Vermietern, die man braucht. Und sollte der KI-Boom tatsächlich platzen, sind sie das erste Glied in der Kette, das reißt. Core Scientific hat seine Wette platziert. Ob es die richtige war, entscheiden nicht die Miner, sondern die Mieter.
