Börsengang

Anthropic-IPO wackelt: Bewertung könnte auf 1 Billion Dollar fallen

Dario Amodei, Chief Executive Officer and Co-Founder, Anthropic. © World Economic Forum / Sandra Blaser
Dario Amodei, Chief Executive Officer and Co-Founder, Anthropic. © World Economic Forum / Sandra Blaser

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Vor einem Monat sprach man noch von 2 Billionen Dollar, jetzt ist schon 1 Billion im Gespräch: Nach dem Ausverkauf an den Tech-Börsen im Zuge der US-Midterms mehren sich die Zweifel am Börsengang von Anthropic. Laut Wall Street Journal und Reuters zweifeln wichtige Investor:innen daran, dass der Claude-Hersteller die zuletzt angepeilte Bewertung von 1,5 Billionen Dollar (rund 1,35 Billionen Euro) erreicht. Auch der Zeitplan für die Notierung noch im November steht laut den Berichten auf der Kippe.

Was die Investor:innen sagen

Die Gerüchte stammen aus zwei Quellen, die beide keine Namen nennen:

  • Wall Street Journal: Drei große Investor:innen, die eigentlich zeichnen wollten, halten die 1,5 Billionen Dollar nach dem Ausverkauf am Donnerstag für unrealistisch. Eine:r davon sieht die Bewertung „eher bei 1 Billion Dollar“ (rund 0,9 Billionen Euro). Anthropics Führung und die begleitenden Banken wollen in den nächsten Tagen beraten.
  • Reuters: Laut vier mit den Gesprächen vertrauten Personen bezweifeln Investor:innen, dass die Roadshow wie geplant kommende Woche starten und der Börsengang noch im November stattfinden kann. Anthropic müsse womöglich einen größeren Abschlag anbieten, wegen der Rekordverluste und der hohen Verpflichtungen gegenüber Partnern beim Ausbau der KI-Infrastruktur.

Laut Seeking Alpha, das sich auf das Wall Street Journal beruft, könnte Anthropic statt bis zu 100 Milliarden Dollar nur rund 80 Milliarden Dollar (rund 72 Milliarden Euro) einsammeln oder den Börsengang verschieben. Einige Investor:innen wollen demnach zuerst die Zahlen für Oktober sehen. Anthropic wollte die Berichte nicht kommentieren.

Vom Zwei-Billionen-Traum zum Abschlag

Die Erwartungen sind in wenigen Wochen deutlich gesunken. Anfang Oktober berichtete Bloomberg noch, Anthropic peile bis zu 2 Billionen Dollar Bewertung und einen Börsengang Mitte November an. Den Börsenprospekt reichte das Unternehmen Ende Oktober ohne Preisspanne ein, die Aktie soll an der Nasdaq unter dem Kürzel „ANT“ gehandelt werden. Investor:innen sprachen damals von 1,5 bis 1,75 Billionen Dollar.

Zum Vergleich: Bei seiner letzten privaten Finanzierungsrunde, der Series H im Mai, sammelte Anthropic 65 Milliarden Dollar (rund 58,4 Milliarden Euro) bei einer Bewertung von 965 Milliarden Dollar (rund 867 Milliarden Euro) nach dem Investment ein. Angeführt wurde die Runde unter anderem von Altimeter, Sequoia, Coatue und Dragoneer. Bei 1 Billion Dollar läge der Börsengang also nur knapp 4 Prozent über der Bewertung von vor einem halben Jahr.

Dann kamen die Midterms. Nach dem Sieg der Demokrat:innen verlor die Nasdaq laut Reuters an einem einzigen Tag rund 2,5 Billionen Dollar (rund 2,2 Billionen Euro) an Börsenwert, so viel wie seit April 2025 nicht mehr. Chipwerte, Rechenzentrumsbetreiber und Neoclouds brachen zweistellig ein, die erst kürzlich an die Börse gegangene SpaceX verlor binnen zwei Tagen fast 14 Prozent. Die Sorge: Der neue Kongress könnte den Bau von Rechenzentren bremsen und KI-Firmen strenger regulieren. Senatorin Elizabeth Warren hat Anthropic-Chef Dario Amodei bereits wegen der Risiken angeschrieben, die das Unternehmen im Prospekt offenlegt.

Rekordumsatz, Rekordverlust

Die Zahlen von Anthropic machen die Bewertung zur Glaubensfrage. Im dritten Quartal setzte das Unternehmen rund 17 Milliarden Dollar (rund 15,3 Milliarden Euro) um, zwölfmal so viel wie ein Jahr zuvor, schrieb aber einen Nettoverlust von 23 Milliarden Dollar (rund 20,7 Milliarden Euro). Dazu kommen Verpflichtungen von rund 895 Milliarden Dollar, fast ausschließlich für Rechenleistung und Infrastruktur, also genau jene Rechenzentren, die jetzt politisch unter Druck geraten. Druck kommt auch von anderer Seite: New Yorks Finanzkontrolleur Mark Levine hatte Anthropic bereits im Oktober aufgefordert, den Börsengang zu pausieren, bis Fragen zu KI-Sicherheit und Unternehmensführung geklärt sind.

Die Konkurrenz

Anthropic ist nicht das einzige KI-Labor, das den Gegenwind spürt. OpenAI hat seinen Börsengang bereits abgesagt und seine Finanzierungsrunde von 30 auf 20 Milliarden Dollar gestutzt, bei einer Bewertung von 1,25 Billionen Dollar. Den bisherigen Rekord für einen Börsengang hält SpaceX mit 86,2 Milliarden Dollar, Anthropic wollte diese Marke übertreffen. Auch kleinere KI-Firmen spüren die Stimmung: Der britische Rechenzentrumsbetreiber Nscale bangt um seinen Börsengang, und Mira Muratis Thinking Machines verhandelt nach einem gescheiterten Anlauf mit 50 Milliarden Dollar nun über eine Bewertung von 40 Milliarden Dollar.

Was für den Börsengang spricht

Abgesagt ist noch nichts, und das Geschäft von Anthropic wächst weiter rasant. Laut der Market-Intelligence-Firma Sensor Tower lag der hochgerechnete Jahresumsatz zuletzt bei 68 Milliarden Dollar (rund 61,1 Milliarden Euro), die Zahl der monatlichen Nutzer:innen der Claude-App hat sich binnen eines Jahres mehr als verzehnfacht. Selbst mit einer Bewertung von 1 Billion Dollar und 80 Milliarden Dollar Emissionsvolumen läge der Börsengang nur knapp hinter dem Rekord von SpaceX.

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