Marvell kauft Lumentum um 115 Milliarden Dollar: Der größte Chip-Deal der KI-Ära
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Marvell zahlt 115 Milliarden Dollar für eine Firma, von der die meisten noch nie gehört haben, und die Börse schickt beide Aktien nach unten.
Der US-Chipdesigner Marvell Technology übernimmt den Photonik-Spezialisten Lumentum in einem reinen Aktientausch. Lumentum-Aktionär:innen erhalten je Aktie 4,5 Marvell-Aktien, was rund 1.132 Dollar (rund 974 Euro) pro Aktie entspricht, ein Aufschlag von 23,9 Prozent auf den Kurs vor den ersten Übernahmegerüchten. Inklusive Schulden bewertet der Deal Lumentum mit 115 Milliarden Dollar (rund 99 Milliarden Euro), der reine Eigenkapitalwert liegt bei 102,5 Milliarden Dollar. Nach Abschluss halten die Marvell-Aktionär:innen rund 67 Prozent des fusionierten Unternehmens, jene von Lumentum 33 Prozent. Beide Verwaltungsräte haben einstimmig zugestimmt, Marvell-Chef Matt Murphy bleibt Chairman und CEO, Lumentum-CEO Michael Hurlston zieht mit zwei weiteren Direktor:innen in den Marvell-Board ein. Abgeschlossen werden soll die Transaktion erst in der ersten Hälfte 2028, nach Zustimmung der Aktionär:innen und der Wettbewerbsbehörden.
Zur Einordnung der Dimension: Broadcom zahlte 2023 für VMware 69 Milliarden Dollar, Dell 2016 für EMC 67 Milliarden, und die größte je versuchte Chip-Übernahme, Broadcoms Griff nach Qualcomm um 130 Milliarden Dollar, scheiterte 2018 am Veto der US-Regierung. Marvell und Lumentum sprechen von einem der größten Tech-Deals überhaupt, laut Bloomberg ist es gemessen am Eigenkapitalwert die größte Fusion des Jahres. Für Marvell ist es die mit Abstand größte Übernahme der Firmengeschichte, der bisherige Rekord war der Kauf des Optik-Chipherstellers Inphi um 10 Milliarden Dollar im Jahr 2021.
Wofür Marvell bekannt ist
Marvell ist einer jener Chipkonzerne, die vom KI-Boom profitieren, ohne selbst einen Grafikprozessor zu bauen. Das 1995 gegründete Unternehmen aus Santa Clara entwickelt Halbleiter für Dateninfrastruktur: Netzwerkchips, Switches, Speicher-Controller, Chips für optische Verbindungen in Rechenzentren und seit einigen Jahren vor allem maßgeschneiderte KI-Beschleuniger, sogenannte Custom XPUs. Marvell ist neben Broadcom der wichtigste Partner der Hyperscaler, die eigene KI-Chips als Alternative zu Nvidia entwickeln: Für Amazon arbeitet Marvell an den Trainium-Chips, für Microsoft an der Maia-Reihe, und im August schloss der Konzern einen Vertrag mit Google über Chips, die neben den Google-eigenen TPUs sitzen, mit einem Volumen von bis zu 120 Milliarden Dollar (rund 103 Milliarden Euro) bis zum Geschäftsjahr 2033. Google sicherte sich dabei das Recht auf eine Beteiligung von 12,2 Milliarden Dollar, Nvidia investierte Anfang des Jahres 2 Milliarden Dollar in Marvell, und Nvidia-Chef Jensen Huang nannte den Konzern im Sommer das nächste „Billionen-Dollar-Unternehmen“.
Die Zahlen erklären den Höhenflug. Der Umsatz stieg von 3 Milliarden Dollar im Geschäftsjahr 2021 auf 8,2 Milliarden Dollar (rund 7 Milliarden Euro) im Geschäftsjahr 2026, der Börsenwert kletterte auf mehr als 170 Milliarden Dollar. Beim Investorentag im Oktober hob Marvell das Umsatzziel für 2028 auf 20 Milliarden Dollar an und stellte für 2031 zwischen 70 und 90 Milliarden Dollar in Aussicht, davon rund 37,5 Milliarden allein mit Verbindungstechnik. Im Februar kaufte Marvell bereits das Photonik-Startup Celestial AI um 3,5 Milliarden Dollar. Lumentum wiederum ging 2015 aus dem Netzwerkausrüster JDSU hervor und baut Hochleistungslaser, optische Transceiver und optische Schaltsysteme, dazu betreibt das Unternehmen aus San Jose eigene Fabriken für Verbindungshalbleiter wie Indiumphosphid. Im abgelaufenen Quartal setzte Lumentum 1,26 Milliarden Dollar um, für das laufende erwartet es bis zu 1,63 Milliarden, und auch hier ist Nvidia seit März mit 2 Milliarden Dollar beteiligt.
Warum Licht statt Kupfer
Der Grund für den Deal steckt in der Physik von KI-Rechenzentren. Je mehr Chips zu einem Cluster verbunden werden, desto mehr Daten müssen zwischen ihnen fließen, und Kupferkabel stoßen bei Bandbreite, Distanz und Energieverbrauch an ihre Grenzen. Die Branche stellt deshalb auf optische Verbindungen um, bis hinein in die Chipgehäuse selbst, Stichwort Co-Packaged Optics. Marvell liefert bisher die elektrische Seite, Lumentum die Laser und optischen Komponenten. Zusammen wollen die beiden fertig integrierte, vorab validierte optische Lösungen anbieten und den adressierbaren Markt laut Pressemitteilung auf 550 Milliarden Dollar (rund 473 Milliarden Euro) ausweiten. Murphy spricht von einer „Chance, die nur einmal pro Generation kommt“, Hurlston verweist auf einen zweiten großen Auftrag für Co-Packaged Optics mit Abnahmeverpflichtungen von mehr als 5 Milliarden Dollar. Marvell verspricht Kostensynergien von mehr als 1 Milliarde Dollar (rund 860 Millionen Euro) pro Jahr und einen positiven Beitrag zum bereinigten Gewinn je Aktie bereits im ersten Jahr nach Abschluss.
Die Börse zweifelt
Die Reaktion der Anleger:innen fiel ungewöhnlich aus. Lumentum-Aktien verloren am Montag rund 6 Prozent, obwohl das Unternehmen übernommen wird, Marvell gab 3 Prozent nach. Seit die Gespräche Ende Oktober durchsickerten, hat Marvell mehr als 20 Prozent an Wert verloren, allein am Tag des Leaks waren es 13 Prozent. Dass Lumentum deutlich unter dem implizierten Kaufpreis notiert, deutet auf Zweifel an der Marvell-Aktie als Zahlungsmittel, am langen Weg bis zum Abschluss 2028 und an der kartellrechtlichen Prüfung hin. Die Ausstiegsgebühren sind entsprechend hoch: Marvell zahlt 5,8 Milliarden Dollar, falls es für ein konkurrierendes Angebot abspringt, und 3,2 Milliarden, falls die Behörden den Deal stoppen. „Investor:innen fragen zu Recht, ob Marvell zu viel bezahlt“, sagte Axel Rudolph von IG Group laut Reuters. Dazu kommt die allgemeine Nervosität über die KI-Ausgaben der Hyperscaler, deren Margen enger und deren Cashflows dünner werden. Die Konkurrenten im Optik-Geschäft, Coherent aus den USA und Zhongji Innolight aus China, legten dagegen zu, Coherent um 2 Prozent nach einem Minus von 25 Prozent im vergangenen Monat.
Für die Befürworter:innen des Deals ist der Kursrutsch ein Missverständnis. Analyst:innen von Stifel und Piper Sandler bestätigten ihre Kaufempfehlungen für Marvell, das Argument: Wer den Übergang zu optischer Verbindungstechnik als Erster vollständig abdeckt, von der Laser-Fabrik bis zum Custom-Chip, setzt den Standard für Jahrzehnte, und ein geplantes US-Verbot neuer chinesischer Transceiver könnte die Nachfrage zusätzlich zu Lumentum verschieben. Ob die Rechnung aufgeht, entscheidet sich an einer Frage, die auch die KI-Branche insgesamt beschäftigt: ob die Hyperscaler ihre Rechenzentren in den kommenden Jahren so weiterbauen, wie es die 550-Milliarden-Dollar-Prognose unterstellt.
