Arktis-Strategie: EU will sich Handelsrouten und kritische Rohstoffe sichern
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Während China, die USA und Russland längst um die Arktis rangeln, meldet sich nun auch Brüssel zu Wort: EU-Kommission und die Hohe Vertreterin für Außenpolitik Kaja Kallas haben soeben eine neue Strategie für die Arktis vorgestellt. Im Mittelpunkt stehen Sicherheit, Klimawandel, Wirtschaft und die Menschen vor Ort. „Neue Schifffahrtsrouten und Rohstoffe treiben den strategischen Wettbewerb an“, sagt Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Die Arktis sei „Europas nördliche Nachbarschaft“.
Das schmelzende Eis öffnet neue Routen
Der Grund für die neue Aufmerksamkeit ist das Klima. Die Arktis erwärmt sich laut EU fast viermal so schnell wie der globale Durchschnitt. Das schmelzende Eis gibt neue Schifffahrtsrouten frei und macht Bodenschätze zugänglich, die bisher unter Eis lagen. Für die EU ist die Region keine ferne Angelegenheit: Mit Dänemark, Finnland und Schweden haben drei Mitgliedsstaaten Gebiete in der Arktis, mehr als eine halbe Million EU-Bürger:innen leben dort.
Am deutlichsten sichtbar wird der Wandel auf der Nordostpassage entlang der russischen Küste. Die chinesische Reederei Sea Legend hat heuer acht Containerfahrten von China nach Europa über die Arktis abgeschlossen und dabei mehr als 14.000 Container transportiert, vor allem Batterien, Energiespeicher und Elektroautos. Die Fahrt nach Nordeuropa dauert laut chinesischen Behörden 18 bis 20 Tage und damit etwa halb so lang wie über den Suezkanal.
China, Russland und die USA sind längst da
Die drei Großmächte haben sich in Stellung gebracht:
- Russland: Moskau kontrolliert den Großteil der Nordostpassage und baut sie seit Jahren aus. Der staatliche Betreiber Atomflot erwartet für heuer mehr als 40 Millionen Tonnen Fracht auf der Route, rund 10 Prozent mehr als im Vorjahr. Allein der Handel mit China lag im ersten Halbjahr bei mehr als 5 Millionen Tonnen, bis 2030 sollen es 20 Millionen Tonnen pro Jahr werden.
- China: Peking bezeichnet sich seit 2018 als „arktisnaher Staat“ und will die Region als „Polare Seidenstraße“ in seine Handelsrouten einbinden. Die neuen Containerlinien sind der bisher greifbarste Ausdruck davon.
- USA: Donald Trump hatte zu Jahresbeginn mit der Übernahme Grönlands gedroht und damit einen Streit mit der EU ausgelöst. Im September unterzeichneten die USA, Dänemark und Grönland schließlich ein Sicherheitsabkommen, das den USA zwei neue Militärbasen auf der Insel erlaubt. Länder außerhalb von Nato und EU dürfen sich dort nicht militärisch niederlassen und nicht in sensible Branchen investieren. Kürzlich kündigte Trump zudem an, dass auf Grönland bald im großen Stil nach Öl, Gas und Mineralien gesucht werde.
Was die EU vorhat
Die Strategie nennt vier Schwerpunkte:
- Sicherheit: Gemeinsam mit den Mitgliedsstaaten und ergänzend zur Nato will die EU mehr eigene Eisbrecher-Kapazität aufbauen und kritische Infrastruktur schützen. Ein neuer Maritime Security Hub soll den Schiffsverkehr in der Arktis überwachen, als erster Schritt soll ein Arctic Cable Hub Unterseekabel im Nordatlantik und in der Arktis beobachten, schützen und reparieren helfen. Später soll er auch Schiffe der russischen Schattenflotte verfolgen.
- Klima: Forschung, Beobachtung und Datenaustausch sollen ausgebaut werden, etwa über die neue Meeresbeobachtungs-Initiative OceanEye und einen EU Polar Research Hub.
- Wohlstand: Häfen, Bahnstrecken, Energieterminals und Satelliten sollen an die neuen arktischen Handelsrouten angebunden werden, unter anderem über die Bahnverbindung Rail Nordica. Ein Pan-Arktisches Unterseekabel soll Grönland direkt mit Europa verbinden, dazu kommt sichere Satellitenkommunikation über IRIS².
- Menschen: Mehr Erasmus+-Austausch für junge Menschen aus der Arktis, ein Jugendbeirat in Grönland und mehr Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinden und indigenen Völkern. Schon jetzt fließen in der laufenden Förderperiode bis 2027 mehr als 1 Milliarde Euro an EU-Kohäsionsgeldern in die Region.
Bei den Bodenschätzen zieht die EU eine klare Linie, die sich von Trumps Plänen deutlich unterscheidet. Unterstützen will Brüssel erneuerbare Energien und den Abbau kritischer Rohstoffe, die Europa etwa für Batterien und Windräder braucht. Öl, Kohle und Gas sollen dagegen im Boden bleiben, auch in der Arktis.
Kritik: Zu spät, zu wenig Sicherheit, zu viel Hype
Kritiker:innen werfen der EU vor, die Arktis zu lange vor allem als Klima- und Umweltthema behandelt zu haben. Die Denkfabrik European Policy Centre hatte im Sommer gefordert, die Vision einer „friedlichen“ Arktis aus der Strategie von 2021 aufzugeben und Sicherheit und Verteidigung ins Zentrum zu rücken. Grönland solle die EU nicht mit Worten, sondern mit Geld gegen den Druck aus den USA unterstützen. Die neue Strategie geht mit ihrem Fokus auf Sicherheit in diese Richtung, konkrete Summen für neue Eisbrecher oder Verteidigungsprojekte nennt sie allerdings nicht.
Auch an der Erzählung vom großen Arktis-Handel gibt es Zweifel. Die Fracht auf der Nordostpassage blieb 2025 mit rund 37 Millionen Tonnen weit hinter Russlands Ziel von 80 Millionen Tonnen zurück, das eigentlich schon für 2024 galt. Auf den Routen sind nur kleinere Schiffe mit 2.000 bis 4.000 Containern unterwegs, während durch den Suezkanal Riesen mit mehr als 24.000 Containern fahren. Dazu kommen teure Eisbrecher-Begleitung, höhere Versicherungsprämien und eine Saison, die nur wenige Monate im Jahr dauert. Die weltgrößte Containerreederei MSC hat bereits erklärt, die Nordostpassage nicht zu nutzen.

