50.000 Hitzetote in Europas Städten, zwei Drittel gehen auf den Klimawandel
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Der Sommer 2026 war nicht nur der heißeste, sondern auch der tödlichste seit Beginn der Aufzeichnungen: In 854 europäischen Städten hat die Hitze laut zwei neuen Studien im Fachjournal Nature Health mehr als 50.000 Menschen vorzeitig das Leben gekostet. Fast zwei Drittel davon, konkret 32.619 Todesfälle, schreiben die Forscher:innen der London School of Hygiene & Tropical Medicine (LSHTM) und des Imperial College London dem menschengemachten Klimawandel zu, wie der Guardian berichtet. Ohne die Erderwärmung wären es also nur rund 18.000 gewesen. Ende August war eine erste Schätzung noch von mindestens 30.000 Toten ausgegangen.
Fast doppelt so tödlich wie 2003 und 2022
Die Zahl liegt um mehr als 70 Prozent über den bisherigen Rekordsommern 2003 und 2022. Allein die zusätzlichen, klimabedingten Todesfälle übersteigen die gesamte Hitzesterblichkeit dieser beiden Jahre. Der Anteil des Klimawandels an den Hitzetoten ist laut Studie von etwa 40 Prozent zu Beginn des Jahrhunderts auf 65 Prozent gestiegen. „Was vielleicht noch alarmierender ist, ist der Anteil dieser Todesfälle, den wir dem menschengemachten Klimawandel zuschreiben“, sagt Co-Autor Malcolm Mistry von der LSHTM.
Die Studie im Detail:
- Länder: Die meisten Hitzetoten gab es in Italien (13.303), Frankreich (7.268), Spanien (6.824), Deutschland (6.340) und Großbritannien (4.354). Gemessen an der Bevölkerung traf es Malta, Italien und Ungarn am stärksten.
- Städte: Spitzenreiter ist Neapel mit 815 Hitzetoten pro Million Einwohner:innen.
- Alter: Fast die Hälfte der Todesopfer, 22.502 Menschen, war über 85 Jahre alt. Rund 6.000 Tote waren jünger als 65, darunter 833 Menschen zwischen 20 und 44.
- Hitzewelle: Fast ein Drittel der Todesfälle entfiel auf die Hitzewelle zwischen Mitte Juni und Anfang Juli, als die Temperaturen im Schnitt 5,3 Grad über dem Normalwert lagen.
Die untersuchten Städte decken nur rund 40 Prozent der Bevölkerung von EU, Großbritannien, Norwegen und der Schweiz ab. Kleinere Orte und ländliche Regionen sind nicht erfasst, die tatsächliche Zahl dürfte also deutlich höher liegen.
Österreich: Rekord bei den Hitzetoten
Auch Österreich ist betroffen. In Wien, Graz, Linz, Salzburg, Innsbruck und Klagenfurt starben laut der Wiener Zeitung, die die Studiendaten ausgewertet hat, in den drei Sommermonaten 787 Menschen an den Folgen der Hitze, rund zwei Drittel davon in Wien. Die österreichischen Städte kommen damit auf 329 Hitzetote pro Million Einwohner:innen. Für ganz Österreich hatte die Gesundheitsagentur AGES bereits Anfang Oktober 995 hitzebedingte Todesfälle zwischen Juni und August geschätzt, so viele wie noch nie seit Beginn ihres Monitorings 2017. Den bisherigen Rekord hielt der Sommer 2024 mit 948 Toten.
Einsamkeit und Armut verschärfen die Lage
Hinter den Zahlen stehen oft soziale Probleme. Mario Guarino, Notarzt in Neapel, berichtet von einem Anstieg der Notaufnahmen um 15 Prozent in den heißesten Wochen. Ältere Menschen blieben im Sommer häufig allein zurück und könnten sich eine Klimaanlage oder den Strom dafür nicht leisten. „Die eigentliche Epidemie dieser Tage ist die Einsamkeit“, sagt Guarino. Ärzt:innen fordern deshalb neben dem Ausstieg aus fossilen Brennstoffen auch robustere Gesundheitssysteme, mehr Grün in den Städten, Klimaanlagen und Nachbarschaftshilfe für gefährdete Menschen. An bezahlbarer Kühlung arbeiten auch Startups wie das Wiener Social Cooling mit einer Klimaanlage ohne Abluftschlauch.
Schätzungen statt gezählter Todesfälle
Ganz unumstritten ist die Methode nicht. Die Forscher:innen haben bekannte Zusammenhänge zwischen Temperatur und Sterblichkeit mit den Temperaturdaten des Sommers 2026 kombiniert, um rasch eine Schätzung zu liefern. Die Ergebnisse weichen deshalb von den Berechnungen nationaler Gesundheitsbehörden ab. David García-García vom spanischen Gesundheitsinstitut Carlos III nennt die Studie einen wertvollen Beitrag, weil sie Vergleiche quer durch Europa ermögliche. Er betont aber, dass es sich um Schätzungen auf Basis von Modellen handelt, die keine tatsächlich gemeldeten Todesfälle des Sommers enthalten. Zudem sterben in Europa nach wie vor mehr Menschen an Kälte als an Hitze. Die Forscher:innen erwarten allerdings, dass die Hitzetoten künftig schneller steigen, als die Kältetoten zurückgehen.

