BioTech

Isomorphic Labs: Hassabis‘ Pharma-KI soll Mega-Finanzierung von 5 Milliarden Dollar bekommen, ohne ein Medikament am Menschen getestet zu haben

Isomorphic Labs Team. © Isomorphic Labs
Isomorphic Labs Team. © Isomorphic Labs

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Demis Hassabis sammelt für eine Firma ohne ein einziges Medikament am Menschen mehr Geld ein, als die meisten Pharmakonzerne pro Jahr in die Forschung stecken.

Isomorphic Labs, das 2021 aus Google DeepMind ausgegründete KI-Unternehmen für Medikamentenentwicklung, verhandelt laut Bloomberg über eine Finanzierungsrunde von rund 5 Milliarden Dollar (rund 4,4 Milliarden Euro). Die Bewertung soll bei etwa 50 Milliarden Dollar (rund 44 Milliarden Euro) liegen. Die Gespräche seien in einem frühen Stadium, die Konditionen könnten sich noch ändern, wer investieren soll, ist nicht bekannt. Schon Anfang Oktober hatte Bloomberg über Gespräche bei einer Bewertung von mindestens 40 Milliarden Dollar berichtet, die nun offenbar nach oben korrigiert wurde.

Zwei Runden in einem halben Jahr

Das Tempo ist selbst für den KI-Sektor bemerkenswert. Erst im Mai hatte Isomorphic Labs eine Series B über 2,1 Milliarden Dollar abgeschlossen, angeführt von Thrive Capital, mit Alphabet, GV, CapitalG, MGX, Temasek und dem britischen Sovereign AI Fund an Bord, damals die größte Runde für ein KI-Biotech überhaupt. Davor hatte es 2025 eine erste externe Runde über 600 Millionen Dollar gegeben, ebenfalls von Thrive angeführt. Kommt die neue Runde zustande, hätte Isomorphic binnen rund 18 Monaten knapp 7,7 Milliarden Dollar eingesammelt, bei einer Bewertung, die sich vom Mai bis heute laut Marktbeobachter:innen mindestens verdoppelt hätte.

Hassabis, der Isomorphic parallel zu seinem Job als DeepMind-CEO führt, hat 2024 den Chemie-Nobelpreis für AlphaFold erhalten, das KI-Modell, das die dreidimensionale Struktur von Proteinen vorhersagt. Isomorphic baut darauf auf: Die hauseigene Drug Design Engine IsoDDE soll Wirkstoffmoleküle am Computer entwerfen, statt sie in jahrelangen Laborreihen zu suchen. Erklärtes Ziel ist, die Entwicklungszeit für Medikamente von rund zehn Jahren auf einen Bruchteil zu verkürzen und eines Tages „alle Krankheiten zu lösen“. Die eigene Pipeline konzentriert sich auf Onkologie und Immunologie.

Woher das Geld bisher kommt

Umsatz macht Isomorphic bislang vor allem mit Partnerschaften. Anfang 2024 schloss das Unternehmen Verträge mit Eli Lilly und Novartis: Lilly zahlte 45 Millionen Dollar vorab, bis zu 1,7 Milliarden Dollar (rund 1,5 Milliarden Euro) sind an Meilensteine geknüpft, Novartis zahlte 37,5 Millionen vorab mit bis zu 1,2 Milliarden Dollar (rund 1,07 Milliarden Euro) an möglichen Meilensteinzahlungen für zunächst drei Zielstrukturen, die Kooperation wurde 2025 ausgeweitet. Dazu kommt Johnson & Johnson als Partner. Die großen Summen fließen also erst, wenn die KI-designten Wirkstoffe in der Klinik Fortschritte machen, und genau dort ist Isomorphic noch nicht.

Denn das Unternehmen hat laut Bloomberg bisher keinen eigenen Wirkstoffkandidaten am Menschen getestet. Hassabis hatte Anfang 2025 angekündigt, dass KI-designte Medikamente bis Ende 2025 in klinischen Studien sein würden. Im Jänner in Davos verschob er das Ziel auf Ende 2026. Ob es diesmal hält, entscheidet sich in den kommenden Wochen. Für Investor:innen bedeutet das: Sie bewerten eine Plattform, nicht ein Produkt. In der Biotech-Branche, in der rund 90 Prozent aller Wirkstoffe, die in klinische Studien gehen, scheitern, ist eine Bewertung von 50 Milliarden Dollar vor der ersten Phase-1-Studie beispiellos. Zum Vergleich: Recursion Pharmaceuticals, der börsennotierte Pionier der KI-Medikamentenentwicklung mit mehreren Kandidaten in der Klinik, ist an der Nasdaq einen Bruchteil davon wert.

„Ein Tausendstel der Probleme“

Die Skepsis kommt dabei ausgerechnet von einem Partner. Eli-Lilly-CEO Dave Ricks sagte im Frühjahr im Podcast von Derek Thompson, Sprachmodelle seien in Biologie und Chemie „nicht besonders gut“, weil sie „auf menschliche Sprache trainiert sind, nicht auf die Sprache von Chemie, Physik und Biologie“. Eine Maschine könne zwar „ziemlich gut Dinge vorhersagen, etwa die Struktur eines Proteins“, so Ricks laut Fortune, „aber das ist vielleicht ein Tausendstel der Art von Problemen, vor denen wir in der Medikamentenentwicklung stehen“. In der Sprache der Biologie sei die Menschheit „so etwas wie ein Kleinkind“. Ricks setzt deshalb auf viele schmale Modelle für einzelne Vorhersageprobleme statt auf eine Engine, die den gesamten Prozess übernimmt. Dass Lilly trotzdem mit Isomorphic kooperiert, zeigt die Haltung der Branche: Man kauft sich ein, ohne an die große Erzählung zu glauben.

Für die Gegenseite spricht, dass Isomorphic mit AlphaFold 3 und IsoDDE über Modelle verfügt, die nicht nur Proteinstrukturen, sondern auch Wechselwirkungen mit Wirkstoffmolekülen vorhersagen, und dass sich die Pharmaindustrie mit Milliardenverträgen auf genau diese Technologie eingelassen hat. Alphabet wiederum hat mit Isomorphic eine Beteiligung, die, sollte die Runde zu 50 Milliarden Dollar zustande kommen, auf dem Papier mehr wert wäre als die meisten Zukäufe der Konzerngeschichte. Ob daraus Medikamente werden, zeigt sich frühestens in der Klinik. Der erste Patient steht noch aus.

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