Starfall: SpaceX steigt groß ins Microgravity-Geschäft ein
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Kaum hat das Wiener Startup Tumbleweed 6,9 Millionen Euro für seine eigene Rückkehrkapsel eingesammelt, öffnet der größte Spieler der Raumfahrt seinen Laden: SpaceX wirbt seit wenigen Tagen auf einer eigenen Website um Kund:innen für Starfall. Die scheibenförmige Kapsel soll bis zu 1.000 Kilogramm Fracht ins All bringen, dort wochenlang in Schwerelosigkeit halten und anschließend zurück auf die Erde holen. Damit greift Elon Musks Raketenfirma genau jenes Geschäft an, auf das Tumbleweed, Varda und eine Reihe europäischer Startups setzen.
Was Starfall bietet
SpaceX verspricht einen „erschwinglichen, routinemäßigen Zugang zur Schwerelosigkeit“ für Forschung und Fertigung im All. Die Eckdaten laut der neuen Website:
- Nutzlast: Pro Mission passen bis zu 1.000 Kilogramm in die Kapsel, dazu kommen 1 Kilowatt Strom und eine Ethernet-Schnittstelle.
- Verbindung: Über Starlink bleiben die Experimente während des gesamten Flugs online, Daten lassen sich also schon im Orbit abrufen.
- Dauer: Die Länge der Mission richtet sich nach den Kund:innen. SpaceX wirbt mit Wochen in Schwerelosigkeit, während Falltürme und Parabelflüge nur Sekunden bieten.
- Anwendungen: Im Visier hat SpaceX die Biomedizin mit Organoiden aus Stammzellen und Ersatzgewebe, die Pharmaforschung mit Kristallen aus Proteinen und Wirkstoffen sowie die Materialforschung, etwa für Halbleiter.
- Rakete: Fliegen soll Starfall künftig mit Starship. Damit bringe die Kapsel eine „verlässliche und skalierbare Taktung, die es auf dem Markt bisher nicht gab“, heißt es auf der Website.
Was eine Mission kostet und wann der erste kommerzielle Flug startet, verrät SpaceX nicht. Die Kapsel selbst misst laut Unterlagen der US-Luftfahrtbehörde FAA 3,1 Meter im Durchmesser, ist 75 Zentimeter hoch und wiegt leer rund 2,1 Tonnen. Triebwerke hat Starfall keine, die Kapsel kann ihre Lage nur mit Stickstoff steuern. Zurück kommt sie am Fallschirm, Landeplatz ist der Pazifik rund 1.300 Kilometer vor der US-Westküste.
Zwei Testflüge, drei Aufträge
Entwickelt hat SpaceX die Kapsel weitgehend im Geheimen. Der erste Testflug startete im Juni an Bord einer Falcon 9, die Übertragung brach SpaceX kurz nach dem Start ab. Beim zweiten Flug im Oktober flog Starfall bei der Rideshare-Mission Bandwagon-5 gemeinsam mit 31 weiteren Nutzlasten ins All, darunter auch eine Kapsel des Konkurrenten Varda. An Bord waren Frachtbehälter des Forschungslabors der US Air Force mit Notfallausrüstung wie Batterien, Medizin und Lebensmitteln, die nach der Wasserung im Pazifik geborgen wurden. Das US-Militär testet damit, wie sich Fracht künftig rasch über den Weltraum an jeden Ort der Erde liefern lässt.
Auch zahlende Kundschaft gibt es bereits. Im dritten Quartal hat SpaceX drei kommerzielle Starfall-Missionen unterschrieben, die mit Starship fliegen sollen. SpaceX-Präsidentin Gwynne Shotwell sprach bei der Präsentation der Quartalszahlen von einem routinemäßigen und vergleichsweise günstigen Zugang zur Schwerelosigkeit, der etwa helfen könne, Krankheiten wie Krebs und Diabetes besser zu verstehen. Bekannt sind zwei Kunden mit Flügen im Jahr 2028: Das Luxemburger Startup Space Cargo Unlimited will bis zu eine Tonne Fracht in seinem System BentoBox mitschicken, Redwire 32 Container für Pharmaforschung.
Was das für Tumbleweed heißt
Für Tumbleweed kommt der Vorstoß zu einem heiklen Zeitpunkt. Das Startup hat soeben 6,9 Millionen Euro in einer Seedrunde unter Führung des Health-Tech-Investors Pact eingesammelt. Ein großer Teil davon fließt in eine eigene Rückkehrkapsel, die 2028 erstmals fliegen soll, für 2027 plant Tumbleweed mindestens drei Starts. Ins All gebracht hat das Startup seinen ersten Satelliten Oasis Alpha im Sommer ausgerechnet mit SpaceX.
Die Größenordnungen sind allerdings sehr unterschiedlich. Starfall ist für eine Tonne Fracht ausgelegt, Tumbleweed hat Oasis Alpha in neun Monaten um weniger als 500.000 Euro gebaut und richtet sich an Kund:innen, die zum ersten Mal ins All wollen. CEO Julian Rothenbuchner sieht den Wettbewerb ohnehin anders gelagert: „Es geht darum, wer bei den geringsten Projektkosten und Timelines die Schwerkraft ab- und wieder anschalten kann.“
Unangenehm ist für Startups wie Tumbleweed vor allem die doppelte Rolle von SpaceX, das zugleich Transporteur und Konkurrent ist. Rothenbuchner beklagt bereits, dass SpaceX weniger Platz für Mitfliegende anbietet und die Preise gestiegen sind. Tumbleweed setzt deshalb auf Alternativen und hat etwa eine Absichtserklärung mit dem französischen Raketenbauer SIRIUS Space Services unterzeichnet. Laut Bloomberg nimmt SpaceX zudem keine Buchungen für Rideshare-Flüge auf der Falcon 9 nach 2028 mehr an.
Die Konkurrenz
Am weitesten ist bisher Varda Space Industries aus den USA. Das Startup hat zuletzt 251 Millionen Dollar (rund 225,5 Millionen Euro) in einer Series D eingesammelt und bereits sechs Rückkehrmissionen absolviert, seine W-Kapseln bringen allerdings nur einige Dutzend Kilogramm zurück und starten ebenfalls mit SpaceX. In Europa arbeiten The Exploration Company aus München an der Kapsel Nyx, ATMOS Space Cargo an der Kapsel Phoenix und Space Forge aus Wales an Halbleitern aus dem Orbit. Space Cargo Unlimited hat seine BentoBox neben Starfall auch auf Phoenix gebucht.
Viel Platz, offene Nachfrage
Ob es für eine Tonne pro Flug genug Kundschaft gibt, ist allerdings offen. Fertigung im All sei „bestenfalls eine junge Branche“, schreibt Axios. Cody Tranbarger vom Biotech-Investor Atlas Venture hält die vollen Kosten der Biofertigung im All für heute weitgehend nicht abschätzbar, bisherige Prozesse lieferten nur Milligramm bis Gramm an Material, und einen regulatorischen Rahmen für Medikamente aus dem Weltraum gibt es noch nicht. Dazu kommt, dass Starfall für den Regelbetrieb auf Starship angewiesen ist, das bisher nur Testflüge absolviert. Kund:innen wie Space Cargo Unlimited sehen gerade darin die Chance: CEO Nicolas Gaume begründet die Buchung bei SpaceX mit dem Volumen und dem regelmäßigen Takt, den Starfall verspricht.

