EU will mit 525 Mio. Euro eine neue Generation von Chip-Design-Unternehmen aufbauen
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Europa will bei Chips mitreden, rechnet aber mit kleinen Beträgen: Die EU-Kommission hat soeben die Europäische Plattform für Chip-Design gestartet, die insgesamt 525 Millionen Euro an Investitionen mobilisieren soll. Damit will Brüssel eine neue Generation europäischer Chip-Design-Unternehmen aufbauen. Zum Vergleich: Allein Nvidia hat laut Jensen Huang binnen eines Jahres rund 10 Milliarden Dollar (rund 9 Milliarden Euro) in Europas KI-Szene gesteckt oder angekündigt, also gut 17-mal so viel.
Was die Plattform bietet
Chip-Design ist jener Teil der Halbleiter-Wertschöpfungskette, in dem ein Großteil der Innovation entsteht, und genau hier ist Europa schwach. Europäische Chip-Design-Unternehmen kommen laut Kommission derzeit auf weniger als 1 Prozent des weltweiten Umsatzes in diesem Segment. Die neue Plattform EuroCDP soll das ändern:
- Werkzeuge: Start-ups und KMU bekommen über eine Cloud-Plattform Zugang zu Software für Chip-Design, fertigen Schaltungsbausteinen (IP-Blöcken), Support und Fertigungskapazitäten. Gerade diese Ressourcen sind für junge Firmen oft am teuersten.
- Zuschüsse: Für erste Prototypen gibt es bis zu 100.000 Euro. Weiter entwickelte Start-ups können Finanzhilfen von bis zu 16 Millionen Euro beantragen, um die hohen Kosten bis zur Marktreife zu decken.
- Begleitung: 20 Start-ups nehmen bereits an einem Programm teil, das sie technisch und kaufmännisch auf den Markt vorbereitet. Beraten werden Antragsteller:innen auch von den nationalen Chip-Kompetenzzentren.
- Betrieb: Die Plattform betreibt ein Konsortium unter Führung des belgischen Forschungszentrums imec, unterstützt von führenden Anbietern von Design-Software und IP.
Von den 525 Millionen Euro fließen 440 Millionen als Zuschüsse, weitere 85 Millionen in die Infrastruktur, den Betrieb und die Entwicklung offener Design-Werkzeuge. 285 Millionen Euro kommen aus dem EU-Haushalt, 240 Millionen von den Mitgliedstaaten, die am Gemeinsamen Unternehmen für Chips beteiligt sind. „Es zeigt, wie Europa bereit ist, seine Ziele der technologischen Souveränität zu verwirklichen, nicht nur durch Politik und Versprechen, sondern auch durch Investitionen in unsere Zukunft“, sagte EU-Kommissionsvizepräsidentin Henna Virkkunen.
Der Vergleich mit Nvidia
Neben dem Nvidia-Geld wirken die 525 Millionen Euro bescheiden. Jensen Huang sprach in Paris von rund 8 Milliarden Dollar, die der Chipkonzern im vergangenen Jahr in Europa eingesetzt hat, plus 2 Milliarden Dollar an neuen Beteiligungen. Wie unsere Auswertung zeigt, ist Nvidia inzwischen bei fast allen wichtigen europäischen KI-Firmen an Bord, von Mistral über ElevenLabs und Lovable bis Legora, und stellt 2026 rund 10 Prozent aller Startup-Investments in Europa.
Ganz vergleichbar sind die Summen allerdings nicht:
- Art des Geldes: Die EU vergibt vor allem Zuschüsse, die Gründer:innen keine Anteile kosten. Nvidia kauft sich dagegen ein und sichert sich damit Einblick in Geschäftsmodelle, Wachstum und Rechenbedarf seiner Kund:innen.
- Empfänger: Die EU-Plattform zielt gezielt auf Firmen, die eigene Chips entwerfen. Nvidias Geld fließt überwiegend in KI-Modelle, Anwendungen und Rechenzentren, also in Firmen, die Nvidia-Chips nutzen. Ein Teil steckt zudem in börsennotierten Beteiligungen wie Nebius und in Infrastruktur.
- Abhängigkeit: Die EU will mit dem Chips Act externe Abhängigkeiten verringern. Nvidias Beteiligungen binden europäische Firmen dagegen noch enger an den US-Konzern.
Einzelne Überschneidungen gibt es trotzdem. Nvidia ist etwa beim französischen Photonik-Startup Scintil Photonics und beim spanischen iPronics beteiligt, die Bauteile für KI-Rechenzentren entwickeln.
Europas Chip-Design-Szene
Europäische Chip-Designer gibt es durchaus, sie sind nur klein. Zu den bekannteren zählen SiPearl aus Frankreich, das Prozessoren für Supercomputer entwickelt, das niederländische Axelera AI mit KI-Beschleunigern und das französische VSORA mit Chips für KI-Anwendungen. Bei der Produktion setzt Europa dagegen auf große Fabriken, etwa auf das Werk von ESMC in Dresden, an dem TSMC beteiligt ist, oder auf Infineon, das in Villach 1,1 Milliarden Euro in eine Fabrik für GaN-Chips investiert. Die Kommission argumentiert, dass sich solche Kapazitäten nur rechnen, wenn es genug Nachfrage gibt, und die müsse zu einem großen Teil von europäischen Chip-Designern kommen.
Viel Ziel, wenig Geld
Kritik am Kurs der EU gibt es reichlich. Der Europäische Rechnungshof hat dem Chips Act bereits 2025 einen „Realitätscheck“ verordnet: Das Ziel, bis 2030 auf 20 Prozent des Weltmarkts zu kommen, sei „sehr unwahrscheinlich“ zu erreichen. Laut Prüfbericht dürfte der EU-Anteil nur von 9,8 Prozent im Jahr 2022 auf 11,7 Prozent im Jahr 2030 steigen. Die rund 86 Milliarden Euro, die der Chips Act auslösen soll, würden von den Budgets der führenden Hersteller in den Schatten gestellt.
Auch beim Chips Act 2.0, den die Kommission im Juni vorgeschlagen hat, ist noch offen, wie viel Geld überhaupt zur Verfügung steht. „Im Chips Act 2 wird das Geld knapper sein, deshalb müssen wir gezielter investieren“, sagte Pierre Chastanet, zuständiger Abteilungsleiter in der Kommission, laut Science|Business. Frank Bösenberg vom sächsischen Branchenverband Silicon Saxony nannte den Vorschlag „eher eine Wunschliste als eine echte Industriepolitik“.
Wie groß die Lücke ist, die die neue Plattform schließen soll, rechnete zuletzt Philippe Notton vor, Chef des französischen Chip-Designers SiPearl: Firmen, die Chips entwerfen, aber nicht selbst fertigen, erwirtschaften rund die Hälfte des weltweiten Chipumsatzes. Europa kommt in diesem Segment auf weniger als 1 Prozent.

