Scaleup Europe Fund: „Kapital allein wird Europas Innovationsproblem nicht lösen“
Trending Topics auf Google als bevorzugte Nachrichtenquelle festlegen.
Der Scaleup Europe Fund ist das derzeit prominenteste Instrument der EU gegen die europäische Wachstumsfinanzierungslücke – und er hat gerade seine ersten großen Tickets gezogen. Für Manoj Mehta, President EMEA beim IT-Dienstleister Cognizant, ist das zwar ein „wichtiges Signal“, aber eben nur die halbe Miete. „Beobachtet man die Finanzierungslücke, die europäische Unternehmen auf dem Weg vom Startup zum globalen Player erleben, ist das zwar ein wichtiger Schritt, doch Kapital allein wird Europas wachsendes Innovationsproblem nicht lösen können“, schreibt Mehta in einem Kommentar.
Der Fonds: fünf Milliarden Euro, gemanagt von EQT
Der Scaleup Europe Fund ist mit bis zu fünf Milliarden Euro dotiert und geht auf die Startup- und Scaleup-Strategie der EU-Kommission zurück, die Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen angekündigt hatte. Er ist unter dem Dach des EIC Fund angesiedelt, wird aber von einem privaten, marktbasierten Fondsmanager geführt: Den Zuschlag erhielt der schwedische Investor EQT. Zu den möglichen Ankerinvestoren zählen unter anderem Novo Holdings, der dänische EIFO, CriteriaCaixa, Santander/Mouro Capital, APG (für den niederländischen Pensionsfonds ABP), Wallenberg Investments und die polnische BGK.
Investiert werden soll in Wachstumsphasen von Unternehmen in strategisch wichtigen Feldern – von Künstlicher Intelligenz über Quantencomputing und Dual-Use-Technologien bis zu Cleantech, Spacetech, Biotech und Medizintechnik. Das erste Investment ging an das finnische Satellitenunternehmen ICEYE, dessen Milliardenrunde der Fonds mit anführte.
Kurz darauf folgte das bisher meistbeachtete Ticket: Der Fonds co-leadete gemeinsam mit Menlo Ventures die 400 Millionen Dollar schwere Series C von Lovable. Das schwedische Vibe-Coding-Startup kommt damit auf eine Bewertung von 13,3 Milliarden Dollar; unter den weiteren Investoren finden sich Balderton Capital und der chinesische Konzern Tencent. Victor Englesson, Partner bei EQT und Co-Head des Fonds, begründet das Investment damit, dass Europas ambitionierteste Tech-Unternehmen zu globalen Marktführern werden sollen – also genau mit dem Mandat, für das der Fonds aufgesetzt wurde.
Der wohl größte Deal steht noch aus: Laut Berichten von Sifted verhandelt EQT über den Scaleup Europe Fund darüber, die nächste Finanzierungsrunde des französischen KI-Champions Mistral anzuführen oder mit anzuführen. Kolportiert werden rund drei Milliarden Euro bei einer Bewertung von etwa 20 Milliarden Euro. Auch beim bayerischen Raumfahrt-Startup The Exploration Company wird der Fonds als Investor gehandelt.
Mehtas Argument: Skalierung scheitert nicht nur am Geld
Mehta setzt bei dem an, was nach dem Wire Transfer passiert. Europa verfüge über exzellente Forschung, starke industrielle Infrastruktur und eine große Zahl an Startups – es fehle aber „an der Fähigkeit, diese Stärken in skalierbare Geschäftsmodelle zu überführen“. Neue Technologien dürften nicht in Pilotprojekten oder abgekapselten Innovationsabteilungen hängen bleiben, sondern müssten mit Geschäftsstrategie, Daten, Prozessen und Governance verknüpft werden. Voraussetzung dafür seien moderne IT-Infrastrukturen und eine Regulatorik, die den Einsatz neuer Technologien beschleunigt statt bremst.
Der zweite Punkt richtet sich an die etablierte Wirtschaft: Europas Innovationskraft dürfe nicht allein an der Zahl neuer Startups gemessen werden. Ebenso entscheidend sei, ob traditionelle Branchen wie Automobil, Energie und Telekommunikation ihre Geschäftsmodelle mit derselben Geschwindigkeit weiterentwickeln können wie amerikanische oder chinesische Tech-Konzerne. Der Scaleup Europe Fund solle deshalb „mehr als ein Finanzierungsinstrument sein“ und als Katalysator für eine Innovationskultur wirken, in der Kapital, Technologie und industrielle Stärke zusammenkommen. Mehtas Fazit: Europas Innovationsfähigkeit zeige sich nicht daran, wie viel Geld die EU investiert, sondern daran, was mit diesem Geld in der Praxis skaliert wird.
Cognizants Geschäft mit der Transformation
Dass dieses Argument aus dem Haus Cognizant kommt, ist kein Zufall – es beschreibt zugleich den Markt, in dem das Unternehmen sein Geld verdient. Cognizant (Nasdaq: CTSH) mit Sitz in Teaneck, New Jersey, ist einer der weltgrößten IT- und Professional-Services-Anbieter. Das Geschäftsmodell: Großunternehmen lagern IT-Betrieb, Applikationsentwicklung, Datenplattformen und ganze Geschäftsprozesse an Cognizant aus oder holen sich den Konzern für Digitalisierungs- und KI-Projekte an Bord. Abgerechnet wird meist über mehrjährige Verträge, erbracht wird die Leistung großteils über Delivery-Zentren in Indien.
Im vergangenen Geschäftsjahr erwirtschaftete Cognizant rund 21,1 Milliarden Dollar Umsatz und beschäftigte über 350.000 Mitarbeiter:innen. Zentrale Wachstumsstrategie unter CEO Ravi Kumar S sind sogenannte Large Deals mit einem Volumen von mehr als 100 Millionen Dollar – 28 solcher Abschlüsse verbuchte das Unternehmen zuletzt in einem Jahr, das Gesamtvertragsvolumen in diesem Segment stieg um knapp 50 Prozent. Die größten Umsatzblöcke liefern Financial Services, Health Sciences, Products & Resources sowie Communications, Media & Technology. Europa ist für Cognizant nach Nordamerika der zweitwichtigste Markt – jene Region also, die Mehta verantwortet.
Zur Kundschaft zählen entsprechend große Konzerne. In Europa arbeitet Cognizant unter anderem mit der Lufthansa Group zusammen: Für den Digital Hangar der Airline-Gruppe baute Cognizant (über die Tochter Netcentric) die Datenbasis für datengetriebene Entscheidungen und personalisierte Reise-Erlebnisse mit auf. In den USA gehören etwa der Krankenversicherer Centene, der Pharmakonzern Gilead Sciences und der Datenanbieter CoreLogic zu den Großkunden.
Damit ist Cognizant im Kern genau jener Dienstleister, der von der von Mehta geforderten Modernisierung etablierter Industrien profitiert – ein Interessenkonflikt, den man beim Lesen des Kommentars mitdenken sollte. Inhaltlich deckt sich seine Diagnose allerdings mit der Debatte, die auch die EU-Kommission selbst führt: Der Scaleup Europe Fund adressiert die Kapitallücke, nicht aber die Frage, wie schnell Europas Bestandsindustrie neue Technologie tatsächlich in Betrieb nimmt.

