Legalfly-Chef: KI-Schund macht mehr Arbeit, als er spart
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KI sollte Arbeit sparen, jetzt produziert sie welche. Davor warnt Ruben Miessen, Gründer und CEO des belgischen LegalTech-Startups Legalfly, in einem aktuellen Kommentar. Europas Startups hätten mit generativer und agentischer KI viel Innovation gebracht, die Welt damit aber auch mit Schund überschwemmt. Besonders in der Rechtsbranche sieht er das Problem.
Rote Markierungen ohne Ende
Miessen beruft sich auf den britischen Autor und Journalisten Jamie Bartlett, der von der „Last des KI-Schunds“ spricht. „Dieses Chaos zu beseitigen, bedeutet, dass KI keine Zeit spart, sondern tatsächlich mehr Arbeit verursacht“, sagt Miessen.
Im juristischen Alltag zeige sich das etwa bei Vertragsverhandlungen. Viele Kanzleien hätten noch keine klaren Regeln für den KI-Einsatz, manche Teams würden deshalb allgemeine Sprachmodelle wie ChatGPT oder Claude zum Entwerfen und Prüfen von Texten verwenden. Die Folge seien Dokumente, die mit unzähligen roten Markierungen zurückkommen, weil KI-Editoren große Teile löschen und ersetzen. „Viele Tools kennen den Unterschied nicht zwischen der dogmatischen Anwendung des Wortlauts des Gesetzes und dem Zurückstecken, um Verhandlungen voranzubringen“, so Miessen.
Auch der US-Kongress kämpft mit KI-Entwürfen
Dass das Problem real ist, zeigt ein Beispiel aus Washington, auf das Miessen anspielt. Laut einem Bericht von Politico ist das Office of the Legislative Counsel im US-Repräsentantenhaus, das Gesetzesentwürfe für Abgeordnete ausarbeitet, zunehmend mit fehlerhaften KI-Texten beschäftigt. Ein ehemaliger Berater sagte, die Behörde verbringe mehr Zeit damit, KI-Entwürfe zu reparieren, als es dauern würde, sie neu zu schreiben. Typische Fehler sind falsche Zitate und verwechselte Rechtsbegriffe.
Auch abseits der Juristerei ist „Workslop“ messbar. In einer Umfrage von Forscher:innen des Stanford Social Media Lab und der Coaching-Plattform BetterUp unter 1.150 US-Büroangestellten gaben rund 40 Prozent an, im vergangenen Monat schlampige KI-Arbeit von Kolleg:innen erhalten zu haben. Jeder Fall kostete im Schnitt knapp zwei Stunden Nacharbeit.
Was Miessen vorschlägt
Die Lösung sieht Miessen bei KI-Tools, die wissen, wann sie etwas stehen lassen müssen. Statt ganze Verträge umzuschreiben, sollten sie sich an einem klar definierten Leitfaden der Kanzlei orientieren, der Position, Richtlinien und Grenzen festlegt. Das Tool prüfe dann auf Compliance-Probleme, markiere Abweichungen und mache nur Änderungen, die zum Leitfaden passen. „Die Nutzer werden bald KI-Tools fordern, die präzise, relevant und aufschlussreich redigieren“, sagt er.
Genau solche Tools verkauft Legalfly selbst. Das 2023 in Belgien gegründete Unternehmen bietet KI-Workflows für Vertragsprüfung, Dokumentenerstellung, Due Diligence und Recherche an. Laut eigenen Angaben hat es mehr als 200 Kund:innen in 33 Ländern und über 17 Millionen Euro von Investoren wie Notion Capital, Redalpine und Fortino Capital eingesammelt.
Die Kanzleien kaufen trotzdem
Die Konkurrenz im Legal-AI-Markt ist groß und deutlich besser finanziert. Das schwedische Startup Legora wird mittlerweile mit 8,8 Milliarden Dollar bewertet und zählt etwa den Baukonzern Strabag zu seinen Kund:innen. In den USA gilt Harvey als Marktführer, dazu kommen Anbieter wie Luminance aus Großbritannien.
Dass Investor:innen Milliarden in den Sektor pumpen, zeigt, dass Unternehmen und Kanzleien sich von KI trotz aller Probleme Zeitgewinne versprechen. Miessens Kritik zielt deshalb auf schlecht eingesetzte, allgemeine Tools. Dass ein Anbieter spezialisierter Software genau diese Unterscheidung trifft, liegt allerdings auch im eigenen Geschäftsinteresse.

