XREAL AURA: Erste Android-XR-Brille kommt, aber nicht nach Europa
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Google bringt sein Betriebssystem Android XR erstmals in eine Brille, und ausgerechnet Europa muss draußen bleiben.
Gemeinsam mit dem chinesischen Hersteller XREAL hat Google soeben beim Android Developer Summit XREAL AURA gestartet, nach Google-Angaben die erste kabelgebundene XR-Brille mit Android XR. Es ist das erste Android-XR-Gerät in Brillenform, nachdem Samsung vor einem Jahr mit dem Galaxy XR ein Headset mit dem System auf den Markt gebracht hatte. Angeteasert hatten die beiden Unternehmen die Brille bereits im Frühjahr auf der Entwicklerkonferenz Google I/O. Bestellen können sie Erwachsene ab 18 Jahren ab sofort in den USA, Kanada und Südkorea, ab dem 2. November auch in Japan. Der Startpreis liegt bei 1.099 Dollar (rund 980 Euro), ausgeliefert wird ab Mitte November. Von einem Verkaufsstart in der EU ist in Googles Ankündigung keine Rede. XREAL selbst schreibt in den FAQ seines Europa-Shops, Start- und Versandtermine für andere Regionen seien noch nicht bestätigt. Der Zeitpunkt ist kein Zufall: In Europa wird der Gegenwind gegen Kamerabrillen gerade von Woche zu Woche stärker.
Transparente Gläser, Rechner am Kabel
Wie bei Android-Smartphones setzt Google auch bei XR auf Partner: Neben Samsung ist XREAL der zweite große Hardware-Partner für Android XR, eigene Brillen mit Warby Parker und Gentle Monster hat Google angekündigt, aber noch nicht auf den Markt gebracht. XREAL verkauft schon seit Jahren Display-Brillen wie die Air und die One, bisher aber ohne Googles Betriebssystem. AURA ist keine Datenbrille im Stil der Ray-Ban Meta, die wie eine normale Sonnenbrille aussieht, aber auch kein klobiges Headset wie Apples Vision Pro. Es ist eine Augmented-Reality-Brille mit transparenten Gläsern, die virtuelle Fenster in das Sichtfeld projiziert, mit 70 Grad Sichtfeld, Micro-OLED-Displays von Sony mit 1920 mal 1200 Pixeln pro Auge, bis zu 120 Hertz und 1.050 Nits Spitzenhelligkeit. Die Gläser lassen sich elektrochrom in fünf Stufen abdunkeln. Auf dem Papier liegt das über der Ray-Ban Meta Display, Metas Brille mit eingebautem Bildschirm. Dafür ist AURA mit 95 Gramm deutlich schwerer als Metas 69 Gramm, weil die Rechenleistung in einen separaten Puck ausgelagert ist, der per Kabel angeschlossen wird und mit 265 Gramm zusätzlich in der Tasche landet. Darin stecken ein Akku mit 4.455 mAh und der neue Chip Snapdragon Reality Elite von Qualcomm mit 48 TOPS KI-Leistung, der mit AURA seine Premiere feiert. In der Brille selbst sitzt XREALs eigener Koprozessor X1S, der die Latenz zwischen Kopfbewegung und Bild auf 3 Millisekunden drücken soll. Der Puck dient zugleich als Trackpad und hat einen Fingerabdrucksensor, den Sound liefert Technik von Bose über vier Mikrofone und offene Lautsprecher.
Googles KI-Assistent Gemini ist tief integriert. Er soll verstehen, was Nutzer:innen gerade sehen und tun, in der realen Welt ebenso wie auf den virtuellen Bildschirmen. Wer seine Sicht teilt, kann sich von Gemini Dinge im Raum oder auf dem Screen markieren lassen. Dafür braucht die Brille Kameras: Laut Datenblatt hat AURA eine hochauflösende RGB-Kamera mit Privacy-LED sowie Tracking-Kameras für Raum- und Handerkennung. Genau solche Kameras sind es, die in Europa für Diskussionen sorgen.
Arbeiten, schauen, spielen
Google positioniert AURA als mobilen Arbeitsplatz, Privatkino und Spielkonsole in einem. Mehrere Android-Apps lassen sich gleichzeitig öffnen und frei im Raum anordnen, mit Bluetooth-Tastatur und Maus wird daraus ein Desktop-Setup auf dem Sofa oder im Flugzeug. Per USB-C lässt sich auch ein Laptop anschließen, dessen Bildschirm dann als frei platzierbares Fenster erscheint, ohne zusätzliche Software. Weil nur die Trägerin oder der Träger das Bild sieht, wirbt Google damit, vertrauliche Dokumente auch in der Öffentlichkeit öffnen zu können.
Für Unterhaltung gibt es YouTube, Google TV und Streaming-Dienste, dazu 180- und 360-Grad-Videos und 3D-Filme. Die Gläser lassen sich abdunkeln und werden wieder transparent, sobald jemand ins Blickfeld tritt. Zum Start erscheinen eigens produzierte XR-Inhalte, etwa die Doku „Galapagos: the Last Eden“ mit Margot Robbie als Sprecherin und der „Nussknacker“ des San Francisco Ballet. Bei Spielen setzt Google auf den Google-Play-Katalog, Streaming von PC oder Konsole und neue XR-Titel wie „Fallout Factions“ und „Project Hail Mary: Journey Among the Stars“. Dazu kommen eigene XR-Apps der NBA und von NASCAR. Insgesamt sollen mehr als 150 eigens für XR entwickelte Apps verfügbar sein.
Was AURA kostet
Die Einstiegsversion mit 12 GB RAM und 256 GB Speicher kostet bis Jahresende 1.099 Dollar (rund 980 Euro), danach 1.279 Dollar (rund 1.140 Euro). Die Variante mit 16 GB und 512 GB Speicher gibt es zum Start für 1.299 Dollar (rund 1.160 Euro) statt 1.499 Dollar (rund 1.330 Euro). Damit liegt AURA weit über den KI-Brillen von Meta, die ab rund 300 Dollar beginnen, aber deutlich unter Apples Vision Pro. Zubehör wie ein Gamepad von GameSir mit eigener Gemini-Taste und eine Funktastatur kommen dazu. In XREALs eigenem Europa-Shop lässt sich AURA zwar bereits als Vorbestellung mit voller Vorauszahlung anlegen, in den Größen M und L je nach Augenabstand, einen Euro-Preis oder einen Liefertermin nennt der Shop aber nicht. Die Auslieferung werde „voraussichtlich vor den Feiertagen“ beginnen, vorbehaltlich Produktion und Logistik. Ein unabhängiger europäischer Händler listet die 512-GB-Version mit 1.569 Euro, weist aber darauf hin, dass die Preise für die Region noch nicht bestätigt sind.
Dass die Preise hoch sind, hat auch mit der Ökonomie der Branche zu tun. XREAL-CEO Chi Xu sagte im Frühjahr gegenüber TechCrunch, der Aufbau eines Smart-Glasses-Geschäfts sei hart, und alle würden derzeit Geld verlieren. Die Branche habe aber einen Wendepunkt erreicht: „Man braucht alle Schlüsselteile fertig, die Hardware, das Betriebssystem und dann eine großartige Benutzeroberfläche“, so Xu. Mit AURA sieht er diese Kombination erstmals gegeben.
Europa: Der Gegenwind wird stärker
Dass Google Europa beim Start auslässt, passt in ein Bild, das sich seit dem Sommer verdichtet. Der Europäische Datenschutzausschuss (EDPB) hat erst vor zwei Wochen eine eigene Stellungnahme zu Smart Glasses veröffentlicht. Darin verlangen die Datenschützer:innen unter anderem, dass eine Aufnahme nicht möglich sein darf, wenn die Aufnahmeleuchte abgedeckt ist, dass Daten möglichst auf dem Gerät verarbeitet werden und dass Hersteller und KI-Anbieter ihre DSGVO-Pflichten nicht auf die Träger:innen abwälzen dürfen. Die Stellungnahme ist nicht bindend, dürfte aber zum Maßstab für die nationalen Behörden werden.
Noch weiter gehen einzelne Länder. Norwegen will KI-Brillen vorübergehend an öffentlichen Orten wie Parks, Schulen und Fitnessstudios verbieten, die Stadt Oslo hat sie an Schulen bereits untersagt. In den Niederlanden fordert das Parlament weitere Einschränkungen, die Optikerkette Hans Anders hat die Ray-Ban Meta aus dem Sortiment genommen. In Hamburg hat die Bürgerschaft ein Verbot in Bädern, Saunen und im öffentlichen Nahverkehr beschlossen. Dazu kommen Apps wie ZuckOff, die Kamerabrillen in der Nähe erkennen. Meta hat auf die Kritik mit der Ray-Ban Meta Audio reagiert, einer KI-Brille ganz ohne Kamera.
Google hat sich dazu, warum AURA nicht in der EU erscheint, nicht geäußert. Neben dem Datenschutz dürften auch die üblichen Gründe eine Rolle spielen: Neue Google-Hardware kommt regelmäßig zuerst in die USA, dazu kommen Zulassungen, Händlernetz und der Umstand, dass auch Gemini-Funktionen in der EU oft verspätet starten.
Nicht jede XR-Brille ist eine Spionbrille
Gegen eine Gleichsetzung von AURA mit den Ray-Ban-Brillen von Meta sprechen allerdings ein paar Dinge. AURA ist mit Kabel und Puck kaum unauffällig zu tragen und primär ein Display für Arbeit und Unterhaltung, keine Brille, die man in der Bar aufsetzt. Google betont zudem, dass die Gläser transparent werden, sobald jemand ins Sichtfeld kommt, und das Bild nur für die tragende Person sichtbar ist. Auch die Gegner:innen pauschaler Verbote verweisen auf legitime Anwendungen, etwa für sehbehinderte Menschen, die sich ihre Umgebung beschreiben lassen, und darauf, dass bestehende Datenschutzgesetze heimliches Filmen bereits abdecken. Ob und wann Europäer:innen AURA kaufen können, bleibt vorerst offen. Googles Partnerschaft mit Warby Parker für alltagstaugliche Android-XR-Brillen zeigt aber, dass AURA erst der Anfang sein soll.

