175 Millionen Dollar für Reverion: Bayerisches Energy-Tech baut Megafactory für das effizienteste Kraftwerk der Welt
Trending Topics auf Google als bevorzugte Nachrichtenquelle festlegen.
Während Rechenzentren händeringend nach Strom suchen, bekommt ein Startup aus dem oberbayerischen Eresing das Geld, um ihn zu liefern. Reverion hat eine Series B über 175 Millionen US-Dollar (rund 150 Millionen Euro) abgeschlossen, die bisher größte Finanzierungsrunde seiner Geschichte, wie das Unternehmen soeben bekannt gegeben hat. Angeführt wird die Runde vom Deeptech- und Klimafonds Kembara, neu an Bord sind Allianz, KfW Capital (über ein von UVC verwaltetes Vehikel), aurum Impact und Carbon Equity. Die Bestandsinvestoren Extantia, Energy Impact Partners, alfa8, UVC Partners, EIC Fund und Possible Ventures ziehen mit. Das Geld fließt vor allem in eine Megafactory in Deutschland, die die Produktion verzehnfachen soll.
Ein Kraftwerk, das rückwärts läuft
Reverion baut containerbasierte Brennstoffzellenkraftwerke auf Basis von Festoxidbrennstoffzellen (SOFC). Die Anlagen wandeln Gas elektrochemisch, also ohne Verbrennung, in Strom um und scheiden das im Brennstoff enthaltene CO₂ in reiner Form ab, das sich weiterverwenden oder dauerhaft speichern lässt. Läuft die Anlage mit Biogas, ist die CO₂-Bilanz negativ. Und sie funktioniert in beide Richtungen: Im Elektrolysebetrieb verwandelt sie überschüssigen Wind- und Solarstrom in speicherbare Gase. Betreiber:innen können damit auf Preissignale sowohl am Strom- als auch am Gasmarkt reagieren.
Die Kennzahl, mit der Reverion wirbt: 74,2 Prozent elektrischer Wirkungsgrad, gemessen im laufenden Kundenbetrieb mit den ersten Anlagen aus der Vorserie. Das ist laut Unternehmen Weltrekord für thermische Kraftwerke und nahezu doppelt so viel wie bei konventionellen Generatoren.
„Sonne und Wind liefern uns saubere Energie, aber bisher nur, wenn das Wetter mitspielt. Was die Welt braucht, ist sauberer Strom auf Abruf“, sagt Stephan Herrmann, CEO und Mitgründer von Reverion. „Wir bauen die steuerbare, CO₂-negative Maschine, mit der Netze und Schwerindustrie rund um die Uhr und das ganze Jahr über zu 100 Prozent sauber laufen können.“ Die Finanzierung ermögliche die Skalierung „hinein in die Megawatt-Klasse“ und eröffne „ganz neue Märkte“.
Vom Biogas-Bauernhof zum KI-Rechenzentrum
Die Nachfrage kommt inzwischen weniger aus der Landwirtschaft, wo Reverion mit Biogasanlagen gestartet ist, sondern zunehmend aus der Technologiebranche. Energieintensive Rechenzentren stoßen an die Grenzen des öffentlichen Stromnetzes: Netzanschlüsse verzögern sich um Jahre, der lokale Widerstand gegen neue Standorte wächst, und wie wir kürzlich berichtet haben, führt der Engpass in den USA bereits zu einem Comeback der Gaskraftwerke.
Reverion setzt genau dort an: Die Container erzeugen den Strom direkt am Ort des Verbrauchs, gespeist aus Biogas oder Erdgas über die vorhandene Gasinfrastruktur. Betreiber:innen bekommen damit eine Stromversorgung rund um die Uhr, unabhängig vom Netzausbau und von Preisschwankungen am Strommarkt. Mit Biogas wird das Rechenzentrum sogar zur CO₂-Senke.
„Schon heute erfahren wir eine extrem hohe internationale Nachfrage nach unseren Brennstoffzellenkraftwerken“, sagt Felix Fischer, COO und Mitgründer. „Sieben Anlagen laufen im Feld, die Leistung pro Einheit liegt inzwischen bei 500 Kilowatt.“ Das Kapital ebne den Weg, „der Nachfrage gerecht zu werden und gleichzeitig das Unternehmen in Richtung langfristiger Profitabilität zu führen“.
250 Megawatt und 800 Jobs
Die Eckdaten des Ausbaus:
- Megafactory: Ein neuer Produktionsstandort in Deutschland mit 250 Megawatt Fertigungskapazität pro Jahr, das Zehnfache der bisherigen Kapazität. Der genaue Ort ist noch nicht bekannt.
- Arbeitsplätze: Am Stammsitz Eresing ist das Team zuletzt von 100 auf über 200 Mitarbeitende gewachsen, am neuen Standort sollen bis zu 800 Stellen dazukommen.
- Pipeline: Die Projektpipeline hat laut Reverion ein Umsatzpotenzial von über zwei Milliarden Dollar, die ersten internationalen Projekte sollen noch heuer ausgeliefert werden.
- Investor: Kembara ist ein Scale-up-Fonds mit einer Milliarde Euro Volumen, getragen von der VC-Plattform Mundi Ventures.
„Festoxidbrennstoffzellen sind der effizienteste Weg, Gas in Strom umzuwandeln. Reverion setzt dabei global die Benchmark“, sagt Robert Trezona, Leiter des Bereichs Klima bei Kembara. „Hyperscaler brauchen enorme, verlässliche Leistung, können dabei aber keine Abstriche bei ihren Klimazielen machen.“
Bloom Energy als großer Rivale
Reverion wurde 2022 als Ausgründung der TU München gegründet und hatte erst vor zwei Jahren eine Series A über 62 Millionen Dollar unter Führung von Energy Impact Partners abgeschlossen. Mit der neuen Runde gehört das Unternehmen zu den bestfinanzierten Energy-Tech-Startups Europas.
Der Markt ist allerdings nicht leer. Der US-Konzern Bloom Energy liefert seit Jahren Festoxidbrennstoffzellen an Rechenzentren und hat zuletzt Großaufträge unter anderem von Oracle und AEP erhalten, allerdings ohne Reversibilität und mit deutlich niedrigerem Wirkungsgrad. In Europa arbeiten Ceres Power in Großbritannien und Sunfire in Dresden an ähnlicher Technologie, Sunfire allerdings mit Fokus auf Elektrolyse. Reverions Wette ist, dass die Kombination aus Rekordeffizienz, CO₂-Abscheidung und Umkehrbarkeit ausreicht, um sich gegen den etablierten Platzhirsch aus Kalifornien durchzusetzen. Die Megafactory ist der Beweis, dass die Investor:innen daran glauben.

