Wanze und Datenklau: OpenAI kämpft gleich an zwei Spionage-Fronten
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Erst eine Wanze im Chefzimmer, dann ein Ex-Mitarbeiter mit über 100 vertraulichen Dateien bei Apple: OpenAI hat derzeit ein ernstes Problem mit dem Schutz seiner Geheimnisse. Innerhalb weniger Tage sind gleich zwei Spionage-Vorwürfe rund um den ChatGPT-Hersteller öffentlich geworden. Im ersten Fall hat das FBI einen OpenAI-Ingenieur festgenommen, der ein Abhörgerät im Konferenzraum der Führungsetage versteckt haben soll. Im zweiten Fall wirft OpenAI einem ehemaligen Mitarbeiter vor, Unterlagen zu einem unveröffentlichten Gerät mitgenommen und damit bei Apple präsentiert zu haben. In beiden Fällen gilt die Unschuldsvermutung.
Fall 1: Die Wanze hinter dem Fernseher
Am vergangenen Freitag nahm das FBI Abdulrahman Alfozan fest, einen 35-jährigen saudi-arabischen Staatsbürger, der seit Juli 2025 als Ingenieur im Produktteam von OpenAI arbeitete. Davor war er rund fünf Jahre bei Meta. Laut US-Staatsanwaltschaft für Nordkalifornien soll er Ende September ein verstecktes Aufnahmegerät in einen USB-Anschluss an der Rückseite eines Fernsehers im Konferenzraum der Führungsetage in San Francisco gesteckt und mit Klopapier getarnt haben. In diesem Raum werden laut FBI streng vertrauliche Themen besprochen, darunter Forschung, Produktpläne und Beziehungen zu Regierungen und Geschäftspartnern.
Die Anklage zeichnet ein detailliertes Bild:
- Die Vorbereitung: Mit einem internen Tool soll Alfozan nach Besprechungsräumen, Kalendern und den Orten von Treffen der Führungsetage gesucht haben.
- Die Hilfe vom Chatbot: Über einen Chatbot-Account, der auf seine Ehefrau lief, soll er sich erklären haben lassen, wie man einen Dauer-Audiorekorder baut, versteckt, per WLAN abhört und die Speicherkarte verschlüsselt.
- Die Kameras: Überwachungsvideos sollen ihn an mehreren Tagen in der Nähe des Raums zeigen, zu dem er keinen Zutritt hatte.
- Das zweite Gerät: In einer Tasche, die Alfozan später in einem anderen Raum stehen ließ, fand die Security ein zweites, ähnliches Aufnahmegerät.
Entdeckt wurde die Wanze bei einer routinemäßigen Durchsuchung nur zwei Tage nach der mutmaßlichen Installation. Bei der Analyse setzte OpenAI nach eigenen Angaben auch die eigenen KI-Modelle ein. Hinweise darauf, dass Alfozan auf Modellgewichte, Quellcode oder Kundendaten zugegriffen hat, gibt es laut OpenAI keine. Ein Motiv hat die Staatsanwaltschaft nicht genannt, auch nicht, dass er im Auftrag einer Regierung oder eines Konkurrenten gehandelt hat. Im Fall einer Verurteilung drohen ihm bis zu fünf Jahre Haft. FBI-Direktor Kash Patel nannte den Schutz von „Superintelligenz-Technologie“ eine der höchsten Prioritäten in der Spionageabwehr.
Fall 2: Mit über 100 Dateien zu Apple
Der zweite Fall spielt im Rechtsstreit zwischen OpenAI und Apple. In einer neuen Eingabe bei Gericht wirft OpenAI einem ehemaligen Mitarbeiter, der inzwischen bei Apple arbeitet, vor, mehr als 100 Dateien über ein unveröffentlichtes Produkt an einen privaten Account geschickt zu haben, berichtet Reuters. Später soll er auf dieser Basis eine Präsentation über das Produkt vor dem Top-Management von Apple gehalten haben. Den Namen des Mitarbeiters und das betroffene Produkt nennt der Bericht nicht, es soll sich um ein Gerät handeln. Eine Stellungnahme von Apple liegt bislang nicht vor.
Brisant ist der Vorwurf, weil eigentlich Apple der Kläger ist. Der iPhone-Konzern hat OpenAI und dessen Hardware-Firma io Products, die OpenAI gemeinsam mit dem früheren Apple-Designchef Jony Ive aufgebaut hat, im Juli wegen des Diebstahls von Geschäftsgeheimnissen verklagt. Apple wirft OpenAI vor, gezielt ehemalige Apple-Leute angeworben zu haben, um an vertrauliche Informationen zu Produktdesign, Fertigung und Lieferkette zu kommen. Im Zentrum stehen OpenAIs Hardware-Chef Tang Tan, ein ehemaliger Apple-Vizepräsident, und der Ingenieur Chang Liu, der vertrauliche Dateien heruntergeladen haben soll. In Bewerbungsgesprächen soll OpenAI Kandidat:innen zudem gebeten haben, Prototypen und Design-Unterlagen mitzubringen.
OpenAI weist die Vorwürfe zurück. Apple wolle nur verhindern, dass Mitarbeiter:innen zur Konkurrenz wechseln, und behandle gewöhnliche Bewerbungsgespräche als Geheimnisverrat. Konkrete gestohlene Geschäftsgeheimnisse habe Apple nicht benannt. OpenAI hat beantragt, die Klage abzuweisen. Erst am Dienstag ordnete Bundesrichter Edward Davila in San José an, dass OpenAI Unterlagen zu Bewerbungsgesprächen mit Ex-Apple-Leuten schnell herausgeben muss. Heute verhandelt er über Apples Antrag auf eine einstweilige Verfügung und OpenAIs Antrag auf Abweisung.
Es geht um OpenAIs erstes Gerät
Hinter dem Streit steht ein Milliardenmarkt. OpenAI arbeitet an eigener Hardware, die laut Sam Altman eine neue Geräteklasse jenseits des Smartphones begründen soll. Laut Bloomberg wird das erste Produkt ein donutförmiger smarter Lautsprecher für mehr als 300 Dollar. Damit wird OpenAI zum direkten Konkurrenten von Apple. Dabei arbeiten die beiden Konzerne eigentlich zusammen: ChatGPT ist seit zwei Jahren in Apples Software eingebunden. Schon im Mai hatte OpenAI allerdings rechtliche Schritte gegen Apple erwogen, weil die ChatGPT-Integration nicht wie erhofft lief.
Kein Einzelfall in der KI-Branche
Erst Anfang Oktober hatte sich OpenAI von drei Mitarbeiter:innen aus dem Safety-Team getrennt, die vertrauliche Informationen weitergegeben haben sollen (Trending Topics berichtete). Spionageverdacht ist in der Branche aber nicht neu: 2024 wurde ein früherer Google-Ingenieur in den USA angeklagt, weil er Geschäftsgeheimnisse zu KI-Chips für chinesische Firmen gestohlen haben soll. Und Elon Musks xAI verklagte 2025 einen ehemaligen Mitarbeiter, der vor seinem Wechsel zu OpenAI vertrauliche Unterlagen mitgenommen haben soll. Je wertvoller die Technologie, desto härter wird um Köpfe und Geheimnisse gekämpft.

