Anthropic-IPO: KI-Kritiker:innen werfen Gründern Machtgriff vor
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Kaum liegt der Börsenprospekt auf dem Tisch, hagelt es Kritik: Der Super-PAC Guardrails Alliance und die Kampagne Stop Funding Billionaires greifen den geplanten Börsengang von Anthropic frontal an. Die Entscheidungen solcher Unternehmen dürften nicht „Milliardärs-Managern überlassen werden, die offen bereit sind, mit der Zukunft der Menschheit zu spielen, um sich selbst zu bereichern“, sagt Shaunna Thomas, Chefin der Guardrails Alliance, in einer Stellungnahme an Trending Topics.
Die Vorwürfe der Guardrails Alliance
Anthropic hat am Montag seinen Börsenprospekt bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht. Die Guardrails Alliance stört sich vor allem an drei Punkten:
- Kontrolle: Früher habe ein Börsengang Transparenz und Rechenschaft gegenüber Aktionär:innen bedeutet. Dank des Silicon Valley, das Anlegerschutz aushöhle, könnten Firmen wie SpaceX und Anthropic heute Kapital einsammeln, ohne sich der üblichen Kontrolle zu stellen.
- Stimmrechte: Anthropic plant eine Aktienstruktur, die den Gründer:innen die Mehrheit der Stimmen sichert. Thomas spricht von einem „Machtgriff, in der Politik und bei der Unternehmensführung“.
- Politik und Musk: Die KI-Branche pumpe Rekordsummen in Wahlkämpfe, um sich ihre Regeln selbst schreiben zu können. Elon Musk habe mehr als 442 Millionen Dollar in die Midterms gesteckt, während Anthropic Rechenzentrums-Deals mit SpaceX im Wert von bis zu 3,1 Milliarden Dollar pro Monat abgeschlossen habe.
Die Guardrails Alliance wurde im Juni von den beiden demokratischen Strateginnen Shaunna Thomas und Leah Hunt-Hendrix gegründet. Der Super-PAC wird laut TechCrunch von Tech-Beschäftigten und Gewerkschaften finanziert, verfügte zum Start über rund 5 Millionen Dollar und will strengere KI-Regeln durchsetzen. Erklärter Gegner ist der Super-PAC Leading the Future, der mit mehr als 100 Millionen Dollar von Tech-Größen wie OpenAI-Präsident Greg Brockman gegen KI-Regulierung kämpft.
So funktioniert die Gründer-Mehrheit
Wirtschaftlich gehört den Gründer:innen nur ein kleiner Teil von Anthropic, der allerdings gewaltig viel wert ist. Laut Prospekt hält jede:r der sieben Mitgründer:innen, darunter die Geschwister Dario und Daniela Amodei, zwischen 231 und 244 Millionen Aktien, also sieben fast gleich große Pakete. Bei der angestrebten Bewertung von 1,5 bis 2 Billionen Dollar, über die Medien zuletzt berichteten, wäre jedes davon rund 21 bis 30 Milliarden Dollar (etwa 18,7 bis 26,8 Milliarden Euro) wert. Zusammen kämen die sieben auf bis zu 200 Milliarden Dollar (rund 178 Milliarden Euro). Gemessen an allen Aktien sind das dennoch jeweils nur rund 1,5 Prozent. Dass sie trotzdem die Mehrheit der Stimmen kontrollieren, liegt an einem mehrstufigen Aktienmodell:
- Klasse A: Die Aktien, die an der Börse gehandelt werden. Jede Aktie hat eine Stimme. Das sind die Papiere, die Anleger:innen und Indexfonds kaufen können.
- Klasse N: Aktien für strategische Partner, die keine Stimmrechte haben. Erst wenn sie an Dritte verkauft werden, werden sie zu stimmberechtigten Klasse-A-Aktien.
- Klasse F: Eine einzige Aktie, die eine eigene Gesellschaft der sieben Gründer:innen hält, die „Founder LLC“. Sie bringt keinen Cent Gewinnbeteiligung, hat aber immer genau 50,1 Prozent aller Stimmen, egal wie viele andere Aktien es gibt.
- Klasse T: Ebenfalls eine einzige Aktie, gehalten vom Long-Term Benefit Trust. Mit ihr bestimmt der Trust die Mehrheit der Mitglieder des Boards.
- Klasse E: Aktien für Mitarbeiter:innen, die nur bei wenigen Fragen ein Stimmrecht haben.

Der Kniff liegt also in der Klasse-F-Aktie. Ihr Stimmgewicht ist nicht an einen Kapitalanteil gekoppelt, sondern fix auf 50,1 Prozent festgelegt. Wie sie abstimmt, entscheiden die Gründer:innen intern mit je einer Stimme pro Person. Finden sie keine Mehrheit, stimmt die Aktie im gleichen Verhältnis ab wie die Klasse-A-Aktionär:innen. Bei bestimmten Fragen braucht es unter den Gründer:innen eine höhere Zustimmung, sonst gilt die Stimme automatisch als Nein.
Für Anleger:innen hat das eine klare Folge, die Anthropic im Prospekt selbst als Risiko nennt: Inhaber:innen von Klasse-A-Aktien werden „generell nicht in der Lage sein“, den Ausgang von Abstimmungen oder die Wahl der Direktor:innen zu beeinflussen, egal wie sie abstimmen. An der Nasdaq gilt Anthropic damit als „kontrolliertes Unternehmen“, für das gelockerte Governance-Regeln gelten. Gemeinsam können die Founder LLC und der Trust alle Mitglieder des Boards bestimmen.
Bemerkenswert ist dabei: Die Gründer:innen haben sich verpflichtet, 80 Prozent ihrer Anteile für wohltätige Zwecke zu spenden. Ihr wirtschaftlicher Anteil wird dadurch weiter schrumpfen, ihre Stimmenmehrheit bleibt aber unverändert, solange sie eine Mindestbeteiligung halten. Auch das führt Anthropic im Prospekt als Risiko an, weil sich die Interessen der Gründer:innen und der übrigen Aktionär:innen auseinanderentwickeln könnten.
Unbefristet ist die Konstruktion nicht. Stirbt ein:e Gründer:in oder fällt aus, kann innerhalb der ersten zehn Jahre nach dem Börsengang ein:e Nachfolger:in in die Founder LLC aufrücken. Sind aber weniger als drei Gründer:innen 90 Tage lang aktiv dabei, beginnt eine 450-tägige Übergangsfrist. Danach wird die Klasse-F-Aktie ohne Gegenleistung eingezogen und die Sonderstimmrechte erlöschen.
Der SpaceX-Deal
Auch der SpaceX-Deal, den die Guardrails Alliance anprangert, steht in Anthropics Prospekt. Darin bestätigt das Unternehmen Verträge mit der SpaceX-Tochter SpaceXAI über bis zu 120,5 Milliarden Dollar (rund 107,5 Milliarden Euro) bis 2029. Sobald die volle Kapazität ab Dezember bereitsteht, sind das rund 3,1 Milliarden Dollar (etwa 2,8 Milliarden Euro) pro Monat.
Gewerkschaften warnen um Pensionen
Scharfe Kritik kommt auch von Elizabeth Parisian von der US-Hochschulgewerkschaft AAUP, eine der Führungsfiguren der Kampagne Stop Funding Billionaires. Es sei „verwerflich“, dass Anthropic trotz zahlloser Bedenken von Politik, Finanzverwalter:innen, Gewerkschaften und Klimaorganisationen am Börsengang festhalte. Sogar Anthropic-Mitarbeiter:innen hätten deshalb gekündigt.
Ihre Hauptsorge gilt dem Geld von Arbeitnehmer:innen. Die Wall Street habe Regeln geändert, um Pensionsgelder und Altersvorsorge-Konten schneller in KI-Börsengänge zu lenken, wie schon bei SpaceX. Während Altinvestor:innen und Insider:innen Kasse machen könnten, bliebe die Altersvorsorge in Indexfonds möglichen Verlusten ausgesetzt. Parisian zieht den Vergleich zur Dotcom-Blase und zur Finanzkrise 2008. Dazu kämen Proteste gegen neue Rechenzentren und deren Folgen für das Klima.
Rückenwind bekommen die Kritiker:innen aus New York: New Yorks Finanzkontrolleur Mark Levine, der die Pensionsfonds der Stadt mit mehr als 325 Milliarden Dollar Vermögen berät, hat Anthropic-CEO Dario Amodei kürzlich in einem Brief aufgefordert, den Börsengang wegen Sicherheitsbedenken zu verschieben. Inzwischen laufen Gespräche zwischen Levine und Anthropic, eine Verschiebung wurde aber nicht vereinbart.
Anthropics Begründung
Die Gründer-Mehrheit begründet Anthropic anders, als die Kritiker:innen es sehen. Die sieben Gründer:innen seien „in besonderer Weise geeignet, Hüter unserer Mission zu sein“, heißt es im Prospekt. Zudem soll ein Long-Term Benefit Trust aus fünf finanziell unabhängigen Treuhänder:innen mit Expertise in KI-Sicherheit, nationaler Sicherheit und Politik die Mehrheit des Boards bestimmen. Als Public Benefit Corporation ist Anthropic rechtlich verpflichtet, neben den Interessen der Aktionär:innen auch das Gemeinwohl zu berücksichtigen. Fünf Prozent der Aktien gehen zum Börsengang an einen eigenen Gemeinwohl-Fonds.
Politisch mischt Anthropic ebenfalls mit: Laut TechCrunch unterstützt das Unternehmen den Super-PAC Public First Action, der sich für KI-Gesetze einsetzt und im Sommer denselben Kandidaten förderte wie die Guardrails Alliance.

