Anthropic-IPO-Prospekt: 132 Milliarden Dollar Verlust seit 2023
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Der Startschuss für einen der größten Börsengänge der Geschichte ist gefallen: Anthropic, der Hersteller des KI-Assistenten Claude, hat soeben seinen Börsenprospekt bei der US-Börsenaufsicht SEC veröffentlicht. Die Aktie soll an der Nasdaq unter dem Kürzel „ANT“ gehandelt werden. Laut Financial Times rechnen bestehende Investor:innen mit einer Bewertung zwischen 1,5 und 1,75 Billionen Dollar (rund 1,34 bis 1,56 Billionen Euro). Vor etwas mehr als einem Jahr lag sie noch bei 183 Milliarden Dollar.
Die Zahlen im Überblick
Der Prospekt bestätigt im Wesentlichen jene Zahlen, die bereits aus einem Entwurf bekannt waren, und ergänzt sie um neue Kennzahlen:
- Umsatz: 386 Millionen Dollar im Jahr 2024, 4,6 Milliarden Dollar im Jahr 2025 und 16,3 Milliarden Dollar (rund 14,5 Milliarden Euro) allein im ersten Halbjahr 2026. Für das dritte Quartal hatte Anthropic Investor:innen bereits 16,8 Milliarden Dollar genannt.
- Verlust: Im ersten Halbjahr stand ein Nettoverlust von 80,7 Milliarden Dollar in den Büchern. 72,4 Milliarden Dollar davon gehen auf die Neubewertung von Wandelanleihen und ähnlichen Finanzierungsinstrumenten zurück, also auf einen Buchverlust, der durch den steigenden Firmenwert entsteht.
- Bereinigt profitabel: Der bereinigte operative Gewinn lag im ersten Halbjahr bei 1,6 Milliarden Dollar, das entspricht einer bereinigten Marge von 10 Prozent. Ein Jahr zuvor stand hier noch ein Minus von 1,8 Milliarden Dollar.
- Großkund:innen: Mehr als 1.900 Kund:innen zahlen Anthropic über ein Jahr gerechnet mehr als 1 Million Dollar, rund 250 sogar mehr als 10 Millionen Dollar. Mehr als die Hälfte der Fortune-500-Konzerne zahlt mindestens 100.000 Dollar.
Die 15 ärgsten Fakten aus dem Prospekt
Auf mehr als 330 Seiten legt Anthropic offen, wie das Unternehmen funktioniert, wo es Geld verbrennt und welche Risiken es sieht. Das sind die bemerkenswertesten Details:
- 1. Über 130 Milliarden Dollar Verlust: Seit 2023 summieren sich die Nettoverluste auf rund 132,5 Milliarden Dollar (etwa 118 Milliarden Euro): 1,5 Milliarden im Jahr 2023, 8,3 Milliarden 2024, 42 Milliarden 2025 und 80,7 Milliarden allein im ersten Halbjahr 2026.
- 2. Marketing-Budget mal 26: Die Ausgaben für Vertrieb, Marketing und Partnerschaften stiegen im ersten Halbjahr auf 3,2 Milliarden Dollar, nach 120 Millionen Dollar im Vorjahreszeitraum.
- 3. Mehr als die Hälfte des Umsatzes für Rechenleistung: Für Compute und Infrastruktur gab Anthropic im ersten Halbjahr 8,9 Milliarden Dollar aus, das entspricht rund 55 Prozent des Umsatzes.
- 4. Verpflichtungen bis 2045: Die langfristigen Verträge für Rechenleistung und Infrastruktur verpflichten Anthropic zum Teil zu Zahlungen, ob die Kapazität genutzt wird oder nicht. Ein großer Teil davon fällt erst zwischen 2031 und 2045 an.
- 5. 900 Prozent Net Revenue Retention: Kund:innen, die vor einem Jahr schon zahlten, geben heute zusammen rund neunmal so viel aus wie damals.
- 6. Claude Code als Umsatzturbo: Unternehmensnutzer:innen ohne Claude Code geben im Schnitt weniger als 75 Dollar pro Monat aus. Die aktivsten 5 Prozent mit Claude Code zahlen rund das Zwanzigfache.
- 7. 6,6 Millionen Dollar Umsatz pro Kopf: Anthropic hat rund 5.300 Mitarbeiter:innen, intern „Ants“ genannt. Auf jede:n kommen mehr als 6,6 Millionen Dollar (rund 5,9 Millionen Euro) Jahresumsatz.
- 8. Eine Aktie, 50,1 Prozent der Stimmen: Die sieben Mitgründer:innen rund um CEO Dario Amodei und Präsidentin Daniela Amodei erhalten über eine eigene Gesellschaft, die „Founder LLC“, eine einzige Aktie der Klasse F. Sie bringt keinen Cent Gewinn, aber 50,1 Prozent der Stimmrechte. Gemeinsam mit dem Long-Term Benefit Trust, der ebenfalls nur eine Aktie hält, können sie alle Mitglieder des Boards bestimmen. Anthropic warnt selbst, dass diese Machtkonzentration „auf absehbare Zeit“ bestehen bleibt.
- 9. Aktien fürs Gemeinwohl bei jedem Kurssprung: Eine Tochterfirma, der Anthropic Public Benefit Fund, erhält zum Börsengang 5 Prozent der Aktien. Jedes Mal, wenn der Kurs um weitere 50 Prozent steigt, kann der Board ihr bis zu 2 Prozent zusätzlich zuteilen. Das Modell hatte Anthropic bereits kürzlich angekündigt.
- 10. 80 Prozent für wohltätige Zwecke: Alle Mitgründer:innen haben zugesagt, 80 Prozent ihrer Anthropic-Anteile für wohltätige Zwecke einzusetzen. Rechtlich bindend ist das laut Prospekt allerdings nicht, die Zusagen sind jederzeit widerrufbar.
- 11. 2,7 Millionen Dollar für Personenschutz: Dario Amodei bekam 2025 eine Gesamtvergütung von knapp 18 Millionen Dollar. Davon entfielen rund 2,7 Millionen Dollar auf Sicherheitsdienste. Laut Prospekt haben externe Gutachten „echte, erhöhte Sicherheitsbedenken“ für ihn und Daniela Amodei festgestellt. Für die Belegschaft hat der Board nach dem Halbjahr zudem neue Aktienpakete im Wert von 5,8 Milliarden Dollar genehmigt.
- 12. 1,5 Milliarden Dollar für Buchautor:innen: Eine Sammelklage wegen Urheberrechtsverletzung hat Anthropic mit 1,5 Milliarden Dollar (rund 1,34 Milliarden Euro) beigelegt, der Betrag drückte 2025 direkt das Ergebnis. Weitere Klagen, etwa von Musikverlagen wegen Songtexten, laufen noch.
- 13. Vom Pentagon zum Sicherheitsrisiko erklärt: Weil Anthropic seine Modelle nicht für autonome Waffen und Massenüberwachung freigeben wollte, drohte das US-Kriegsministerium mit dem Defense Production Act. Später stufte es Anthropic als Risiko für die Lieferkette ein, und der US-Präsident wies alle Bundesbehörden an, die Technologie nicht mehr zu nutzen. Ein Bezirksgericht gab Anthropic weitgehend recht, ein Berufungsgericht bestätigte die Einstufung aber mit 2 zu 1 Stimmen.
- 14. Modelle, die sich gegen das Abschalten wehren: Im Kapitel zu den Risiken räumt Anthropic ein, dass KI-Modelle, auch die eigenen, unerwartetes Verhalten zur Selbsterhaltung gezeigt haben, etwa Versuche, sich einer Abschaltung zu widersetzen, Informationen zu verbergen oder Verhalten, das Erpressung ähnelt. Zudem könnten die fähigsten Modelle böswilligen Akteur:innen „bedeutende Hilfe“ bei der Entwicklung chemischer oder biologischer Waffen leisten. Die Schutzmechanismen dagegen seien unvollständig und schon umgangen worden.
- 15. Chinesische Hacker:innen mit Claude Code: Eine staatlich unterstützte chinesische Hackergruppe hat Claude Code laut Prospekt dazu gebracht, rund 30 Ziele weltweit anzugreifen, darunter Tech-Konzerne, Finanzinstitute und Behörden, teils erfolgreich. Anthropic hält das für den ersten dokumentierten großen Cyberangriff ohne wesentliches menschliches Zutun. Das Topmodell Mythos gab Anthropic wegen seiner Fähigkeiten beim Aufspüren von Sicherheitslücken zunächst nur ausgewählten Organisationen frei.
Bewertung schon gesunken
Das Umfeld für den Börsengang ist schwieriger geworden. Im August hatten mehrere Geldgeber:innen laut Financial Times noch mit einer Bewertung von 2 Billionen Dollar oder mehr gerechnet. In der letzten privaten Finanzierungsrunde im Mai lag sie bei 965 Milliarden Dollar. Der technologielastige Nasdaq 100 hat seit seinem Rekordhoch Anfang Oktober rund 7 Prozent verloren, die Zweifel an den Milliardeninvestitionen in KI wachsen. Gleichzeitig steht Anthropic vor gewaltigen Fixkosten: Allein die unkündbaren Cloud-Verträge mit Google, Amazon und Microsoft summieren sich laut dem Entwurf auf rund 450 Milliarden Dollar über das nächste Jahrzehnt.
Den Preis legen nun die Investmentbanken fest, angeführt von Goldman Sachs und Morgan Stanley, gemeinsam mit mehr als 20 weiteren Häusern. Der Börsengang soll nach den US-Midterms Anfang November, aber noch vor Thanksgiving Ende November über die Bühne gehen. Wie viele Aktien Anthropic anbieten will und zu welchem Preis, lässt der Prospekt noch offen.
Die Konkurrenz
Anthropic ist in diesem Jahr aus dem Schatten von OpenAI getreten und hat den ChatGPT-Hersteller beim Umsatz und bei Firmenkund:innen überholt. Gegründet wurde das Unternehmen 2021 von sieben ehemaligen OpenAI-Mitarbeiter:innen, die mit dem Umgang mit KI-Sicherheit bei Sam Altmans Firma unzufrieden waren. OpenAI selbst ist noch nicht börsennotiert. Bereits an der Börse ist dagegen SpaceX, das mit der übernommenen KI-Firma xAI im Juni den bisherigen Rekord-Börsengang hinlegte und inzwischen mehr mit KI als mit Starlink verdient, unter anderem weil Anthropic dort Rechenzentren mietet. Dazu kommen Google mit Gemini, Meta mit seinen Muse-Modellen und in Europa Mistral.

