Strawberry: Schwedens KI-Browser wagt, woran OpenAI und Perplexity gescheitert sind
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Mutig oder tollkühn? Das Stockholmer Startup Strawberry bringt ausgerechnet jetzt einen KI-Browser auf den Markt, wo die großen Namen der Branche ihre Browser-Experimente reihenweise wieder einstampfen. Nach rund einem Jahr in der Beta-Phase hat Strawberry am Montag Version 1.0 veröffentlicht und positioniert sich als KI-Alternative für Unternehmen.
Agenten als „Kolleg:innen“
Die Idee: KI soll direkt im Browser arbeiten, damit auch Mitarbeiter:innen ohne Programmierkenntnisse eigene Agenten bauen können. Strawberry nennt diese Agenten „Companions“. Sie sollen typische Business-Aufgaben in Vertrieb, Recruiting, Kundenservice oder Marketing übernehmen. Dazu kommen vorgefertigte Agenten, die lernen, wie das restliche Unternehmen tickt, und deren Arbeit mit dem gesamten Team geteilt wird.
Der Vorteil eines Browsers liegt laut Strawberry darin, dass dort Kontext, Workflows und Logins eines Teams ohnehin schon vorhanden sind. „Wenn man an die tägliche Arbeit denkt, ist man nicht in zehn verschiedenen Dateien auf dem Computer, sondern in zehn verschiedenen Tabs im Browser“, sagt CEO Charles Maddock. Die Technologie sei längst so weit: Agenten könnten mittlerweile wochenlang am Stück arbeiten.
Was Strawberry konkret verspricht:
- Modellunabhängig: Strawberry setzt nicht auf ein bestimmtes KI-Modell, sondern kann verschiedene Large Language Models nutzen.
- Integrationen: Laut Unternehmen sind mehr als 3.000 Anbindungen an andere Software möglich.
- Automatisierung: Agenten können nach Zeitplan laufen und mit anderen Agenten zusammenarbeiten.
- Office-Aufgaben: Die Companions sollen etwa Präsentationen im Unternehmensdesign erstellen und Meetings aufzeichnen, ohne dass ein Bot dem Call beitreten muss.
- Lokal statt Cloud: Die Agenten laufen auf dem Gerät der Nutzer:innen. Damit will Strawberry auch die europäische Nachfrage nach digitaler Souveränität bedienen.

Lovable als Kunde, General Catalyst als Investor
Zu den Kund:innen zählen das schwedische Vibe-Coding-Unicorn Lovable, das Strawberry zur Suche nach Entwickler:innen einsetzt, und das Health-Startup Tandem Health. Frühe Nutzer:innen haben außerdem Assistenten für die Akquise im Vertrieb gebaut. Nutzer:innen- oder Umsatzzahlen nennt Strawberry auf Nachfrage von Trending Topics nicht.
Die Preise staffeln sich nach Credit-Verbrauch:
- Free: kostenlose Basisversion.
- Einstieg: 20 Dollar (rund 17,84 Euro) pro Monat.
- Mittelstufe: 85 Dollar (rund 75,84 Euro) pro Monat.
- Top-Paket: 250 Dollar (rund 223,05 Euro) pro Monat.
Gegründet wurde Strawberry 2023 von CEO Charles Maddock, COO Sebastian Thunman und CTO Arian Hanifi. Maddock, Mitte zwanzig, hat bereits einen Exit hinter sich: Er hat zuvor ein Climate-Tech-Startup gegründet und verkauft. Das Team umfasst derzeit zwölf Personen. Vor einem Jahr hat Strawberry eine Seed-Runde über 6 Millionen Dollar (rund 5,35 Millionen Euro) unter der Führung von General Catalyst und EQT Ventures eingesammelt, beteiligt waren auch die Gründer von Lovable, Supabase und Hugging Face. Die Series A soll folgen, wenn das Produkt in Europa und den USA skaliert wird, so Maddock.
Die Browser-Pleiten der Großen
Strawberry betritt ein Feld, auf dem bisher vor allem Scheitern zu beobachten war:
- OpenAI: Der ChatGPT-Konzern startete vor einem Jahr mit großem Getöse seinen Browser ChatGPT Atlas als Angriff auf Google Chrome. Schon im Sommer verkündete OpenAI, dass Atlas wieder eingestellt wird. Seit August ist Atlas als eigenständiger Browser Geschichte.
- Perplexity: Der KI-Browser Comet schoss im Frühjahr nach der kostenlosen Freigabe für iOS bis auf Platz 3 im App Store, verschwand dann aber wieder aus den Charts. Dazu kamen Abstürze, Sicherheitsforscher:innen zeigten mehrfach, wie sich der Agent per Prompt Injection kapern lässt, und ein US-Gericht untersagte Comet automatisierte Einkäufe bei Amazon.
- Arc: The Browser Company stellte die aktive Entwicklung ihres gehypten Browsers Arc schon 2025 ein, um sich auf den KI-Browser Dia zu konzentrieren, und wurde danach von Atlassian übernommen. Vergangene Woche kam das endgültige Aus: Kurz vor Weihnachten wird Arc abgedreht, Nutzer:innen sollen zu Dia wechseln.
Die Browser-Technik selbst haben die KI-Konzerne dabei in ihre eigenen Apps verlagert. OpenAI hat Atlas in die neue ChatGPT-Desktop-App integriert, die als Superapp Chat, Codex und Agenten bündelt. Anthropic hat der Claude-Desktop-App für Cowork einen eingebauten Browser verpasst. Für KI-Agenten ist der Browser ein zentraler Baustein: Dort können sie im Namen der Nutzer:innen im Web tätig werden, sich mit deren Logins auf Websites anmelden, Formulare ausfüllen oder Daten aus Portalen holen, für die es keine Schnittstelle gibt.
Hinzu kommt, dass Google seinen Browser Chrome längst selbst mit Gemini-Agenten aufrüstet und damit Milliarden Nutzer:innen direkt erreicht.
Die Konkurrenz
Mit anderen KI-Browsern will sich Maddock deshalb gar nicht erst vergleichen. „Ich würde sagen, wir konkurrieren viel stärker mit den großen Agenten-Plattformen wie Claude, ChatGPT, Grok Bot und Gemini“, sagt er. Und diese rüsten gerade massiv auf: Anthropic etwa hat erst kürzlich mit Claude Duet einen neuen KI-Agenten vorgestellt, der auf Meta Muse, Grok Bot und Dots antwortet.
Genau hier liegt auch das Risiko für Strawberry. Als modellunabhängige Plattform ist das Startup auf die Sprachmodelle genau jener Konzerne angewiesen, mit denen es im Wettbewerb steht. Startups, die vor allem Rechenleistung großer KI-Anbieter weiterverkaufen, laufen Gefahr, zu Opfern der Preissetzungsmacht von OpenAI, Anthropic und Google zu werden. Strawberry sieht seinen Burggraben im gesammelten Kontext der Teams, in der lokalen Ausführung und darin, auch Mitarbeiter:innen ohne technisches Know-how tatsächlich zur Nutzung von Agenten zu bringen.

