Sicherheit

Binance-Superhack: „Vorgeschmack darauf, wie Angriffe im KI-Zeitalter aussehen“

Silhouette of a hooded person in front of several monitors displaying lines of code
Experts see the Binance hack as a preview of attacks in the A.I. era. © Kevin Horvat/Unsplash

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Die Blockchain hat gehalten, der Laptop nicht. Beim Rekord-Hack bei Binance haben die Angreifer:innen Kryptowährungen im Wert von rund 6,3 Milliarden Dollar (rund 5,7 Milliarden Euro) abgezogen, den Großteil davon laut einem Sonderbericht von Teroxx binnen rund 20 Minuten. Jetzt sind sich Sicherheitsexpert:innen in einem Punkt einig: Die Schwachstelle war ein Mensch mit weitreichenden Zugriffsrechten. Trending Topics liegen Einschätzungen von Check Point, AMLBot, EXANTE, Teroxx und The Vault vor. Sie zeigen, was der Super-Hack für Börsen, Anleger:innen und die gesamte Finanzbranche bedeuten könnte.

Die Schwachstelle sitzt vor dem Bildschirm

Laut Binance lief der Angriff über den kompromittierten Laptop eines DevOps-Ingenieurs, private Schlüssel wurden demnach nicht gestohlen. Die Angreifer:innen übernahmen stattdessen das System, das Auszahlungen anstößt. „Darin liegt die eigentliche Lehre: Die Schwachstelle war nicht die Blockchain, sondern der Rechner eines Mitarbeiters mit weitreichenden Zugriffsrechten“, sagt Thomas Boele, Global Director Solutions Engineering für KI-Sicherheit bei Check Point Software. „Ein Einzelfall ist das nicht. Erst im September verlor Bitget rund 388 Millionen US-Dollar auf ähnliche Weise.“

Richard Forss, CTO des Prime Brokers EXANTE, wird noch deutlicher: „Das einen Hack zu nennen, schmeichelt dem Angreifer. Wenn die ersten Berichte stimmen, hat niemand die Kryptografie von Binance geknackt. Jemand ist in den Laptop eines Ingenieurs eingedrungen, und das hat gereicht, um Milliarden zu bewegen.“ Und weiter: „Die Krypto-Branche hat ein Jahrzehnt damit verbracht, Blockchains mathematisch abzusichern. Sie geht aber immer noch davon aus, dass man dem Laptop eines Mitarbeiters vertrauen kann. Diese Annahme ist heute die größte Schwachstelle im digitalen Finanzwesen.“

Slava Demchuk, CEO der Blockchain-Analysefirma AMLBot, bringt das Problem auf eine Formel: „Der Binance-Hack zeigt den Unterschied zwischen einer kryptografisch gültigen und einer autorisierten Transaktion.“ Die Folgefrage stellt er gleich selbst: „Wenn Milliarden eine Börse binnen Minuten mit gültigen Signaturen verlassen können, wie sollen wir so große Summen schützen, wenn man den Systemen, die Transaktionen auslösen, nicht vertrauen kann?“

Gefälschte Recruiter, echte KI

Blockchain-Analyst:innen ordnen den Angriff nordkoreanischen Staatshacker:innen zu, offiziell bestätigt ist das noch nicht. „Deren Vorgehen ist seit Jahren bekannt: gefälschte Recruiter, präparierte Programmieraufgaben, verseuchte Code-Repositories“, sagt Boele. „Im September haben Verfassungsschutz und BND gemeinsam mit internationalen Partnern genau davor gewarnt. Binance selbst meldete zwei Tage vor dem Angriff, solche Versuche abgewehrt zu haben. Ob der Laptop auf diesem Weg kompromittiert wurde, ist noch offen.“

Ob KI eine Rolle gespielt hat, ist ebenfalls unklar. „Klar ist aber: KI macht solche Täuschungsmanöver billiger, schneller und glaubwürdiger“, sagt Boele. Forss sieht das ähnlich: „Generative KI macht diese Arbeit billig und überzeugend. Ein staatlich unterstütztes Team kann heute hunderte glaubwürdige Personas gleichzeitig betreiben, mit flüssigen Nachrichten, glaubwürdigen Code-Tests und zunehmend auch mit Echtzeit-Video. Die Person auf der anderen Seite des Bewerbungsgesprächs existiert womöglich gar nicht.“

Leonardo Larieira, Digital Assets Researcher bei Teroxx, hält den Fall deshalb für einen Wendepunkt: „Unabhängig davon, ob KI im Spiel war, gibt der Fall womöglich den bislang deutlichsten Vorgeschmack darauf, wie Angriffe dieser Größenordnung im Zeitalter der KI aussehen: schneller, stärker automatisiert und schwerer aufzuhalten.“ Angesichts der 20 Minuten, in denen der Großteil der Beute abfloss, fordert Boele: „Die Verteidigung muss genauso schnell sein. Was nicht sofort eingefroren wird, ist kaum zurückzuholen.“

Folge 1: Geldwäsche im Akkord

Auch beim Verschleiern der Beute sehen Expert:innen eine neue Qualität. „Mit KI sehen wir jetzt Geldwäsche-Muster, wie wir sie noch nie gesehen haben“, sagt Demchuk. „Ein automatisiertes Muster bewegt Tausende Transaktionen in kurzer Zeit, um die Spur der Gelder zu verschleiern, indem Geld an früher genutzte Adressen zurückgeschleust wird.“ Das hat aber auch eine Kehrseite für die Angreifer:innen: „Gestohlene Gelder werden aufgeteilt und über viele Adressen getauscht, und das löst Compliance-Tools aus, die diese Transaktionen markieren.“ Und: „Beim Auszahlen sind am ehesten OTC-Desks und Peer-to-Peer-Dienste beteiligt, die in der Grauzone operieren.“

Rund drei Milliarden Dollar sind inzwischen eingefroren, vor allem in den Stablecoins von Tether und Circle. Demchuk warnt allerdings vor einer langen Hängepartie: „Das Einfrieren durch die Herausgeber geht schnell, es dauert zwei bis drei Minuten. Die Freigabe ist dagegen ein langsamer, rechtlicher Prozess, der eine behördliche oder gerichtliche Anordnung braucht und oft Monate oder Jahre dauert. Dieser Prozess muss repariert werden.“

Folge 2: Sicherheitsregeln außerhalb der Börse

Was müssen Börsen jetzt ändern? „Schlüssel sicher zu verwahren und Multisignatur zu nutzen, ist unverzichtbar, reicht aber bei Weitem nicht aus“, sagt Demchuk. „Börsen brauchen eine unabhängige Durchsetzung von Transaktionsregeln, die außerhalb der Infrastruktur arbeitet, die Transaktionen auslöst oder signiert. Auszahlungstempo, Gesamtrisiko über mehrere Wallets und Blockchains hinweg sowie Änderungen an Wallet-Berechtigungen müssen vor jeder Freigabe geprüft werden.“

Boele sieht das Problem weit über Krypto hinaus: „Das Risiko betrifft jedes Unternehmen, dessen Systeme auf Anweisung Geld oder Daten bewegen. Entwickler-Rechner gehören heute zu den am höchsten privilegierten Geräten, und immer häufiger laufen darauf KI-Coding-Agenten mit denselben Rechten.“ Seine Empfehlung: „Unternehmen müssen diese Geräte wie Kronjuwelen schützen: minimale Rechte, eine strikte Trennung zwischen Entwicklungszugängen und der Freigabe von Transaktionen, eine Richtlinienprüfung vor jeder kritischen Aktion und harte Limits dafür, wie viel Geld wie schnell fließen darf.“

Forss sieht das nächste Risiko schon kommen: „Der nächste Vorfall dieser Größenordnung braucht vielleicht gar keinen Laptop mehr. Unternehmen geben KI-Agenten schneller Zugriff auf Code, Infrastruktur und Zahlungssysteme, als sie Grenzen für diese Agenten festlegen. Ein Agent mit Auszahlungsrechten ist ein Single Point of Failure ohne jedes Gespür für Verdacht.“ Sein Rezept: „Die Antwort lautet, jede Person und jeden Agenten mit privilegiertem Zugang so zu behandeln, als wären sie bereits kompromittiert. Systeme müssen so gebaut sein, dass keine einzelne Identität, ob Mensch oder Maschine, Kundengelder allein bewegen kann.“

Folge 3: Mehr Kontrolle über die eigene Verwahrung

„Vom Binance-Hack werden weniger die Kursverluste in Erinnerung bleiben als die Folgen für die Verwahrung“, sagt Larieira. Das sieht auch Artem Stopnevich so, CEO des in der EU und der Schweiz regulierten Krypto-Verwahrers The Vault: „Schon vor Binance hatten die geschätzten Verluste durch Krypto-Hacks 2026 fast 2,7 Milliarden Dollar erreicht. Dieser eine Angriff ist mehr als doppelt so viel wert. Das zeigt, wie ausgeklügelt und teuer diese Angriffe geworden sind.“ Und weiter: „Angreifer haben gezeigt, was ein einziger Einbruch erreichen kann, und andere werden es versuchen. Unternehmen mit großen digitalen Vermögenswerten brauchen deshalb direkte Kontrolle über Signiersysteme, Zugriffsregeln und Transaktionsfreigaben.“

Yury Derbasov, CTO von The Vault, hat auch Tipps für Privatanleger:innen: „Für langfristige Bestände sollte man mit Cold Storage beginnen: Signierschlüssel offline aufbewahren und die Wiederherstellungs-Backups genauso sorgfältig schützen. Auf Börsen sollte man statt SMS einen Sicherheitsschlüssel oder eine Authenticator-App nutzen und Auszahlungen auf freigegebene Adressen beschränken. Vorsicht bei unerwarteten Nachrichten vom ‚Support‘, besonders nach einem Vorfall.“ Für den Markt erwartet er: „Wir erwarten mehr Nachfrage nach Verwahrung, die Kundenvermögen vom eigenen Vermögen des Anbieters trennt, und nach klareren Belegen, dass Auszahlungskontrollen einem Angriff standhalten.“

Warum Binance den Schlag verkraften dürfte

Bei allen Warnungen gilt: Die meisten der zitierten Expert:innen kommen von Firmen, die selbst Sicherheits-, Analyse- oder Verwahrlösungen verkaufen. Und an den Märkten ist die befürchtete Panik bisher ausgeblieben. Der Krypto-Markt hat den Hack erstaunlich gut weggesteckt, laut Teroxx reagierten die Märkte zwar heftig, aber geordnet.

Binance selbst hat inzwischen nachgelegt. Laut Cointelegraph hat die Börse mehr als 6,34 Milliarden Dollar (rund 5,7 Milliarden Euro) an Firmenmitteln zur Deckung der Verluste zur Seite gelegt, davon 5 Milliarden Dollar (rund 4,5 Milliarden Euro) bereits in genau jenen Token, die gestohlen wurden. „Die 5 Milliarden Dollar werden exakt in den benötigten Token gehalten. Diese Vermögenswerte befinden sich in der Verwahrung von Binance“, sagt ein Sprecher. Die Wallet-Adressen nennt Binance aus Sicherheitsgründen nicht, die Bestände sollen aber im nächsten Nachweis der Reserven auftauchen. Offen ist, welche Token Binance noch zukaufen muss und wie viel der Beute bereits zurückgeholt wurde.

Unabhängig überprüfen lässt sich das bisher nicht. Die Sicherheitsfirma CertiK braucht nach eigenen Angaben mehr Informationen von Binance, auch die Analysefirma Nansen kann keine Mittel jenseits des Notfallfonds SAFU mit rund 1,16 Milliarden Dollar bestätigen. CertiK-CEO Ronghui Gu rechnete vor, dass eingefrorene Gelder und SAFU-Fonds zusammen nur rund 66 Prozent des Schadens decken. Die verbleibende Lücke von rund 2,1 Milliarden Dollar (rund 1,9 Milliarden Euro) entspräche aber nur etwa 1,3 Prozent der Reserven von Binance in Höhe von rund 165 Milliarden Dollar. Binance-Gründer Changpeng Zhao verwies zudem auf die SpaceX-Beteiligung der Börse, die allein mehr als eine Milliarde Dollar wert sei. Co-Gründerin Yi He betonte, dass die Umsätze des laufenden Jahres ausreichen würden, um die Verluste zu decken.

Selbst Demchuk sieht Binance nicht in Gefahr: „Der Schlag ist schmerzhaft, aber Binance kann ihn verkraften und die Sicherheit der Nutzer gewährleisten.“ Er sieht im Fall sogar eine Chance: „Ich sehe diesen Vorfall als Chance für die Branche, durch die Zusammenarbeit von Herausgebern, Protokollen und Ermittlern zu zeigen, dass sie sich selbst kontrollieren kann.“ Die Alternative wäre aus seiner Sicht schlimmer: „Wenn 6,3 Milliarden Dollar binnen Minuten aus der Krypto-Branche verschwinden können, ohne Spur und ohne Rückholung, erschüttert das das Vertrauen von Investoren, Banken, institutionellen Akteuren und Regulierern.“

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