Wald gerodet, Wasser vergessen: Polizei ermittelt gegen Google in Finnland
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Erst kam das große Investment, dann die Kettensäge, jetzt die Polizei. In Finnland hat die Polizei Oulu laut dem öffentlich-rechtlichen Sender Yle soeben ein Ermittlungsverfahren gegen Googles finnische Tochter Tuike Finland eingeleitet. Es geht um die Baustelle für ein riesiges Rechenzentrum in Muhos im Norden des Landes, ermittelt wird wegen des Verdachts auf Umweltschädigung.
Was die Polizei untersucht
Ausgelöst wurde das Verfahren durch eine Anzeige der finnischen Aufsichtsbehörde LVV, insgesamt liegen der Polizei fünf Anzeigen zur Baustelle in Muhos vor. Nach bisherigen Erkenntnissen gebe es dort Unregelmäßigkeiten und Mängel bei der Entwässerung und beim Wassermanagement, so die Polizei. Geprüft wird, ob Tuike Finland gegen das finnische Wassergesetz verstoßen hat. Weitere Tatbestände könnten im Laufe der Ermittlungen dazukommen.
Schnell wird es nicht gehen. Erste Informationen will die Polizei im Dezember veröffentlichen, abgeschlossen sein sollen die Ermittlungen erst 2027. Bei einer Verurteilung droht dem Unternehmen eine Geldstrafe.
Ein Baustopp mit Auflagen
Die Aufsichtsbehörde hatte die Arbeiten an zwei Standorten, Muhos und Kajaani-Otanmäki, bereits Anfang Oktober stoppen lassen. Der Grund: Die vorgeschriebenen Umweltverträglichkeitsprüfungen waren nicht abgeschlossen, als die Rodungen begannen. Zudem hält die Behörde die Pläne für das Wassermanagement für unzureichend.
Bis kommende Woche muss Tuike Finland einen detaillierten Plan vorlegen, der geplante Bauwerke, Zeitpläne und eine unabhängige Überwachung der Gewässer umfasst. Berücksichtigt werden müssen Starkregen, Schneeschmelze und die Risiken durch säurebildenden Schwarzschiefer im Boden, der beim Aufgraben Gewässer belasten kann. Reicht das nicht, droht ein Zwangsgeld.
Wie viel Wald tatsächlich fehlt
Laut Google wurden in Muhos rund 330 Hektar und in Kajaani knapp 200 Hektar Wald gerodet, und zwar bevor die Umweltprüfungen fertig waren. Die Rodungen in Muhos begannen bereits im März. Unabhängige Satellitenanalysen kommen auf deutlich mehr: Die Organisation Vertical52 hat Bilder des Erdbeobachtungssatelliten Sentinel-2 ausgewertet und misst in Muhos rund 347 Hektar und in Kajaani rund 300 Hektar Vegetationsverlust. Zusammen sind das mindestens 647 Hektar, mehr als dreimal die Fläche von Monaco. Als Google das Investment im September verkündete, liefen die Rodungen laut der Analyse bereits seit rund fünf Monaten.
Google entschuldigt sich, bestreitet aber Gesetzesbruch
Googles Finnland-Chef Antti Järvinen hat sich bereits Mitte Oktober öffentlich entschuldigt. Es tue ihm außerordentlich leid, dass man in diese Situation geraten sei, Google übernehme die volle Verantwortung, sagte er laut Yle. Einen Gesetzesbruch räumte er aber nicht ein. Die Entscheidungen seien nach bestem Verständnis der damaligen Rechtslage getroffen worden. Mangelnde Erfahrung oder Fahrlässigkeit wies er zurück. Google reagiere aktiv auf die Anfragen der Behörden, erklärte ein Sprecher.
Die Regierung hält zu Google
Für Finnland steht viel auf dem Spiel. Google will bis 2028 rund 13 Milliarden Euro in KI-Infrastruktur im Land investieren, die größte Einzelinvestition des Konzerns in Europa. Neben Muhos und Kajaani sind Rechenzentren in Hamina und Vaala geplant, in Hamina betreibt Google bereits seit Jahren ein Rechenzentrum in einer ehemaligen Papierfabrik. Befürworter:innen verweisen auf Jobs und Steuereinnahmen in strukturschwachen Regionen wie Kainuu.
Premierminister Petteri Orpo steht weiter hinter dem Projekt. Google müsse aus dem Vorfall lernen und sich an die Gesetze halten, sagte er. Sorgen über steigende Strompreise durch den hohen Energiebedarf der Rechenzentren spielte er herunter. Finnland gilt dank kühlem Klima, sauberem Strom und politischer Unterstützung als einer der attraktivsten Rechenzentrumsstandorte Europas. Auch Neoclouds wie das finnische Unicorn Verda wachsen dort rasant.
Der Widerstand wächst
In der Bevölkerung sieht man das teilweise anders. Mehr als 98.000 Menschen haben eine Petition für strengere Regeln für Rechenzentren unterschrieben. Kritiker:innen verweisen auf den enormen Wasser- und Strombedarf der Anlagen und darauf, dass Google mit den Rodungen Fakten geschaffen hat, bevor die Behörden die Folgen prüfen konnten. Wann in Muhos und Kajaani weitergebaut werden darf, ist offen: Die Arbeiten bleiben laut LVV gestoppt, bis die Umweltprüfungen abgeschlossen sind.

