Sabotage

Russland nimmt Europas Rüstungschefs und Drohnen-Startups ins Visier

The Moscow Kremlin with its red towers and golden domes behind a bridge over the Moskva River
The Moscow Kremlin. European intelligence agencies say Russia is expanding plots against defense executives. © Viktor Solomonik/Unsplash

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Wer in Europa Drohnen für die Ukraine baut, sollte neuerdings auch in Personenschutz investieren. Laut der Financial Times warnen Beamt:innen aus fünf europäischen Geheimdiensten, dass Russland seine Pläne für Anschläge auf Führungskräfte der Rüstungsindustrie ausweitet. Im Visier stehen dabei die Chefs großer Waffenhersteller, aber auch die Gründer:innen und Manager:innen kleiner Firmen, die Drohnen oder Drohnenteile herstellen.

Was die Geheimdienste berichten

Hinter den Plänen steht laut dem Bericht, den unter anderem Meduza zusammengefasst hat, vor allem der russische Militärgeheimdienst GRU. Der Kreml habe angeordnet, Sabotage und hybride Operationen in Europa auszuweiten, um die Unterstützung für Kiew entscheidend zu schwächen. Anschläge auf Zivilist:innen spielen dabei eine immer größere Rolle.

Auch die Methoden haben sich verändert. Der GRU setzt zunehmend auf Gruppen aus der organisierten Kriminalität und teilt Auskundschaften, Logistik, Planung und Ausführung auf verschiedene Personen auf. Das macht es schwerer, die Netzwerke aufzudecken. Der deutsche Verfassungsschutz arbeitet deshalb enger mit der Rüstungsbranche zusammen und rät Führungskräften zu privatem Sicherheitspersonal. Einige Manager:innen haben ihren Personenschutz in den vergangenen Monaten aufgestockt, ein Unternehmen hat laut FT sogar einen Produktionsstandort in Westeuropa verlegt.

Brandsätze in München, Napalm in der Slowakei

Dass es nicht bei Drohungen bleibt, zeigen mehrere Vorfälle der vergangenen Monate:

  • München: Anfang September warfen Unbekannte aus einem fahrenden Auto Brandsätze auf eine Baustelle nahe den Firmensitzen von Rohde & Schwarz und dem KI-Rüstungs-Startup Helsing. Verletzt wurde niemand, die Polizei nahm einen 38-jährigen Mann und eine 28-jährige Frau aus Bulgarien fest. Laut der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gehen die Ermittler:innen davon aus, dass der GRU die beiden angeworben hat.
  • Slowakei: Ebenfalls im Spätsommer vereitelte die slowakische Polizei laut OCCRP einen Brandanschlag mit selbst gemischtem Napalm auf ein Werk des ukrainischen Drohnenherstellers Skyeton in der Ostslowakei. Rund 70 Beschäftigte wären in Gefahr gewesen. Drei Verdächtige wurden angeklagt, Skyeton macht Russland verantwortlich.
  • Leipzig: Im August traf eine mit Sprengstoff beladene Drohne am Flughafen Leipzig/Halle ein ukrainisches Transportflugzeug, die Ladung explodierte nicht. Die Bundesregierung macht offiziell Russland verantwortlich und hat die Gefährdungsstufe angehoben.
  • Schweden: Ebenfalls im August wurde ein russisches Paar festgenommen, das nahe einem Anwesen aus dem Umfeld von Saab-Chef Micael Johansson gezeltet hatte. Saab baut die Gripen-Kampfjets, die die Ukraine kaufen will.

Ganz neu ist das Muster nicht. Bereits 2024 hatten US-amerikanische und deutsche Geheimdienste Pläne für einen Anschlag auf Rheinmetall-Chef Armin Papperger aufgedeckt.

Warum Startups besonders verwundbar sind

Für große Konzerne wie Rheinmetall oder Saab gehört Werkschutz zum Alltag. Für junge Drohnenfirmen ist Sicherheit dagegen ein erheblicher Kostenfaktor, das macht sie laut den Geheimdiensten zu besonders attraktiven Zielen. Und die Branche wächst rasant: Helsing aus München soll laut einem Bericht aus dem Frühjahr rund 18 Milliarden Dollar (rund 16,2 Milliarden Euro) wert sein, dazu kommen Drohnenhersteller wie Quantum Systems, Stark und ARX Robotics. Rüstungsübernahmen haben heuer ein Rekordniveau erreicht, und viele dieser Firmen liefern direkt an die Ukraine.

Damit wird ausgerechnet Europas am schnellsten wachsende Startup-Branche zum Ziel. Ein Geheimdienstvertreter brachte das Kalkül Moskaus laut FT auf den Punkt: Unternehmen sollen es sich zweimal überlegen, bevor sie Geschäfte mit der Ukraine machen.

Wie ernst die Bedrohung zu nehmen ist

Nicht jeder Verdacht hält einer Überprüfung stand. Im schwedischen Fall kam das russische Paar nach wenigen Tagen frei, laut seinem Anwalt besteht gegen die beiden kein Verdacht mehr. Bei Skyeton hat die Polizei bisher nicht öffentlich gemacht, wer den Anschlag in Auftrag gegeben hat. Russland weist alle Vorwürfe zurück: Die russische Botschaft bestritt jede Verantwortung für den Angriff in Leipzig, und schon die Berichte über Pläne gegen Papperger hatte der Kreml 2024 als Falschmeldung abgetan.

Auch die Geheimdienste selbst relativieren. Eine Quelle der FT bezeichnet viele Aktionen russischer Agent:innen als „noch amateurhaft“ und leicht zu vereiteln. Das Hauptziel sei weiterhin psychologisch: Angst erzeugen, ohne dass die Anschläge tatsächlich gelingen müssen. Polen warnt dagegen, dass es bei Russlands Sabotageakten in Europa bald Tote geben könnte, und fordert von der NATO eine entschlossene Antwort.

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