Gaspreis knackt 100 Euro: Europas Speicher vor dem Winter so leer wie selten davor
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Der Winter hat noch nicht einmal begonnen, und Gas ist schon so teuer wie zuletzt in der Energiekrise 2022. Der europäische Referenzpreis TTF an der Börse in Amsterdam ist am Mittwoch erstmals seit drei Jahren über 100 Euro je Megawattstunde gestiegen. Am Freitagvormittag lag der Kontrakt für Dezember bei rund 102 Euro und damit mehr als 4 Prozent über dem Schlusskurs vom Vorabend. Anfang September waren es noch rund 70 Euro, vor dem Iran-Krieg rund 30 Euro.
Was den Preis treibt
Hauptgrund ist der Krieg zwischen den USA und dem Iran. Seit Monaten ist die Schifffahrt durch die Straße von Hormus gestört, über die ein großer Teil des Flüssiggases (LNG) aus dem Nahen Osten auf den Weltmarkt kommt. Laut dem Analysehaus Rystad Energy lagen Europas LNG-Importe in einer Woche Anfang Oktober um 30 Prozent unter dem Vorjahreswert.
Zuletzt kam die Angst vor einer neuen Eskalation dazu. US-Präsident Donald Trump hat sich laut Wall Street Journal militärische Optionen gegen den Iran vorlegen lassen, spekuliert wird über neue Angriffe nach den US-Zwischenwahlen am kommenden Dienstag. Der Iran wiederum erklärt die Meerenge für Schiffe ohne Abstimmung mit seiner Marine für gesperrt. Auch Öl ist entsprechend teuer: Ein Barrel der Nordseesorte Brent kostet rund 117 Dollar (rund 105 Euro).
Speicher so leer wie selten
Das Problem: Europa hat diesmal weniger Reserven. Die Gasspeicher in der EU sind laut ORF zu rund 75 Prozent gefüllt, vor einem Jahr waren es fast 83 Prozent. In Österreich liegt der Füllstand bei 67,8 Prozent nach 84,1 Prozent im Vorjahr. In Deutschland sind es rund 61 Prozent, vor einem Jahr waren es etwa 75 Prozent. Die Bundesregierung in Berlin hat das staatliche Unternehmen SEFE deshalb bereits angewiesen, zusätzliches Gas für die Speicher zu kaufen.
Dazu kommt das Wetter. Bisher war der Herbst mild, für Anfang November sagen Prognosen aber unterdurchschnittliche Temperaturen voraus. Wird es länger kalt, steigt der Verbrauch und damit der Druck auf die Speicher.
Was das für Haushalte und Industrie heißt
Für viele Haushalte kommt die Rechnung mit Verzögerung. Fixpreisverträge werden meist nur einmal im Jahr angepasst, Kund:innen mit sogenannten Floater-Tarifen, die sich am Börsenpreis orientieren, spüren den Anstieg dagegen sofort. Analyst:innen erwarten, dass sich der Großteil der Preiserhöhungen erst 2027 in den Rechnungen niederschlägt. In Deutschland zahlen Neukund:innen laut Reuters schon heuer rund 55 Prozent mehr.
In Österreich treibt Energie bereits die Inflation. Laut Statistik Austria stieg die Teuerung im September auf 3,6 Prozent, Energie verteuerte sich im Jahresvergleich um 15,1 Prozent, Gas um 11,8 Prozent. In der gesamten Eurozone kletterte die Inflation zuletzt auf 3,8 Prozent.
Härter trifft es die Industrie, die oft direkt zu Börsenpreisen einkauft. Chemie-, Dünger- und Stahlhersteller haben ihre Produktion teilweise bereits gedrosselt. Die EU-Staaten haben heuer laut Reuters schon 17,9 Milliarden Euro ausgegeben, um Haushalte und Unternehmen bei den Energiekosten zu entlasten. Gleichzeitig kurbelt die Krise das Geschäft mit Alternativen an, etwa mit Wärmepumpen, deren Verkäufe in Europa im ersten Halbjahr um 11 Prozent gestiegen sind.
Warum die Versorgung trotzdem gesichert sein soll
Von einer Gasmangellage wie 2022 ist bisher keine Rede. Klaus Müller, Präsident der deutschen Bundesnetzagentur, hielt die Versorgung im Winter schon im September für nicht gefährdet: Es sei bereits mehr Gas eingespeichert, als im gesamten letzten Winterhalbjahr entnommen wurde. Zudem seien die deutschen LNG-Terminals nur zu rund 45 Prozent ausgelastet, und über Pipelines etwa aus Norwegen könne zusätzliches Gas kommen. Staatliche Eingriffe in den Markt lehnte Müller ab. Auch der Abstand zur Krise von 2022 ist groß: Damals erreichte der Gaspreis in der Spitze fast 340 Euro je Megawattstunde.
Für Entspannung könnte zudem die Diplomatie sorgen. Laut US-Medien laufen parallel zu den Angriffsplänen neue Vermittlungsversuche, angeführt von Vizepräsident JD Vance. Analyst:innen rechnen trotzdem damit, dass Gas mindestens ein weiteres Jahr teuer bleibt, selbst wenn der Krieg endet und der Winter mild ausfällt. Ein Analyst von Argus Media brachte bereits die nächste Frage auf: Oberhalb von 100 Euro stelle sich zunehmend die Frage, ab welchem Preis Regierungen eingreifen, um die Nachfrage zu drosseln.

