Solo, männlich, mit Master: 75% der europäischen Founder gründen alleine
Trending Topics auf Google als bevorzugte Nachrichtenquelle festlegen.
Das typische europäische Startup hat keine Garage und kein Gründerteam, sondern einen einzigen Mann mit Masterabschluss. Das zeigt der neue Report „Heartbeat“ des Berliner VC-Fonds Cherry Ventures. Die Investor:innen haben dafür 10.000 europäische Unternehmen in ihren ersten 18 Monaten untersucht, mit 10.000 Gründer:innen in 89 Städten und mehr als 5 Milliarden Euro an eingesammeltem Kapital. Darunter sind VC-finanzierte ebenso wie gebootstrappte Firmen aus allen Branchen. Das sind die zehn spannendsten Erkenntnisse.
1. Drei von vier gründen allein
Von 100 jungen Unternehmen haben 75 nur eine Gründerin oder einen Gründer, 19 starten zu zweit und nur 6 zu dritt oder mehr. „Die ‚minimum viable company‘ ist geschrumpft“, schreibt Cherry Ventures. Allerdings ist das eine Momentaufnahme der Frühphase, keine endgültige Teamgröße. Und Kapital verändert das Bild: Bei Firmen ohne institutionelles Geld sind 79 Prozent Solo-Gründungen, bei Firmen mit abgeschlossener erster Finanzierungsrunde nur 46 Prozent. Dass es auch allein gehen kann, zeigt etwa ein Wiener Gründer, der ganz ohne Team und VC auf 3 Millionen Dollar ARR gekommen ist.
2. Frauen gründen nur jedes zehnte Startup
Der Frauenanteil unter den Gründer:innen liegt bei 10,1 Prozent. Am niedrigsten ist er bei KI-Anwendungen mit 7,5 Prozent, am höchsten im Gesundheitsbereich mit 16,6 Prozent. Cherry Ventures weist darauf hin, dass die oft zitierten 13 Prozent nicht den Anteil an Gründerinnen messen, sondern ihren Anteil an der Finanzierung. Wie groß die Lücke beim Geld ist, hat kürzlich auch eine EY-Studie gezeigt: Fast 95 Prozent der Startup-Finanzierungen gingen an rein männliche Teams.
3. Master schlägt MBA
Masterabschlüsse kommen unter den Gründer:innen 4,3-mal so häufig vor wie ein MBA. Im Deeptech-Bereich ist der Abstand noch größer: Dort kommen auf einen MBA fast zehn Doktortitel. „Die Teams sind nicht verschwunden. Sie haben sich dorthin zurückgezogen, wo man noch einen Abschluss braucht, um anzufangen“, heißt es im Report.
4. Mitgründer:innen findet man im Job, nicht an der Uni
Wer doch im Team gründet, hat die Partner:innen meist im Job kennengelernt. Gemeinsame frühere Arbeitgeber sind 3,2-mal häufiger als eine gemeinsame Universität (257 zu 80 Paaren). Die größte Gründer:innen-Schmiede ist McKinsey mit sieben Paaren, dahinter folgen Cambridge, die TU München, die ETH Zürich und das Imperial College London mit je fünf sowie Meta und Google mit je vier.
5. Nur 7 Prozent waren in einem Accelerator
Von den 10.000 Gründer:innen haben nur 657 ein Accelerator-Programm durchlaufen, also 7 Prozent. Die meisten davon kommen von Y Combinator (185), mit großem Abstand folgt Antler (58). Das hat Folgen: Die meisten Startups werden laut Report erst über Demo Days und Accelerator-Jahrgänge sichtbar, der Großteil bleibt damit lange unter dem Radar.
6. Amsterdam und Zürich sind die Gründer-Hauptstädte
Gemessen an der Einwohnerzahl wird nirgends so viel gegründet wie in Amsterdam (34,5 Gründer:innen pro 100.000 Einwohner:innen) und Zürich (34,4). Dahinter folgen Stockholm (28,3), Dublin (26,6) und Kopenhagen (26,5). London kommt nur auf 18,0, ist aber absolut gesehen der größte Standort und für rund jede fünfte Gründung in Europa verantwortlich. Die deutschen Hotspots liegen weiter hinten: München kommt auf 15,4, Berlin auf 11,7. Und Österreich? Wien liegt mit 102 erfassten Gründungen auf Platz 15 von 89 Städten und kommt auf das 1,66-Fache einer durchschnittlichen europäischen Stadt. Am stärksten ist Wien bei KI-first-Software, die 27 Prozent der Wiener Neugründungen ausmacht. Graz landet mit 14 Gründungen nur auf Platz 71, der größte Anteil entfällt dort auf Consumer-Startups und klassisches SaaS mit je 29 Prozent.
7. KI hat SaaS überholt
Die größte Kategorie sind mittlerweile KI-first-Softwarefirmen mit 22,5 Prozent, knapp vor klassischem SaaS mit 20,9 Prozent. Dahinter folgen Fintech (11,4 Prozent), Consumer (11,3 Prozent) und Health (9,3 Prozent). Trotz Rekordinvestitionen in Rüstung machen Defense-Startups nur 0,8 Prozent aller Neugründungen aus, Climate und Energy kommen auf 3,1 Prozent.
8. München ist Europas Hardware-Hauptstadt
749 Unternehmen, also 7,5 Prozent, bauen physische Produkte, von Robotern über neue Materialien bis zu Raumfahrzeugen. Nirgends ist der Anteil so hoch wie in München: Dort wird mehr als doppelt so oft Hardware gegründet wie im europäischen Schnitt. Dahinter folgen Zürich, Mailand, Stockholm und Berlin. London liegt deutlich unter dem Schnitt. München gründet außerdem rund doppelt so viele Klima-Startups wie eine typische Stadt, Zürich mehr als doppelt so viele im Deeptech-Bereich.
9. Europa bildet das Silicon Valley aus
72 Prozent der untersuchten Gründer:innen in San Francisco haben in Europa studiert, vor allem am Imperial College London, an der ETH Zürich, in Cambridge, an der HEC Paris und in Oxford. Der Unterschied beim Geld ist enorm: 56,4 Prozent der Startups in San Francisco haben bereits Kapital eingesammelt, in Europa sind es nur 11,2 Prozent. Bei 29 von 44 finanzierten Firmen in San Francisco ist es exakt dieselbe Summe, 126.225 Dollar (rund 112.000 Euro). Kein Zufall: 17 der 62 Gründer:innen mit Angaben zur Ausbildung nennen dort Y Combinator.
10. US-Abschluss bringt doppelt so viel Geld
Auch umgekehrt gibt es einen Effekt: 86 der in Europa gründenden Personen haben in den USA studiert, etwa in Stanford, Berkeley oder am MIT, ein Drittel davon sitzt in London. Ihr erster Scheck ist im Median mit 3,25 Millionen Dollar (rund 2,9 Millionen Euro) doppelt so hoch wie bei Gründer:innen mit europäischem Abschluss (1,63 Millionen Dollar, rund 1,45 Millionen Euro). Außerdem starten sie mit größeren Teams, im Schnitt 2,6 statt 1,78 Personen.
Der Brain Drain hat ein Muster
Die Zahlen aus San Francisco zeigen, wie der Brain Drain funktioniert: Europa finanziert die Ausbildung, das Kapital und die Firmengründung kommen dann aus den USA. Wer in San Francisco startet, hat mit fünfmal so hoher Wahrscheinlichkeit bereits Geld eingesammelt wie in Europa.
Ganz eine Einbahnstraße ist es allerdings nicht. Laut Cherry Ventures gründen auch 86 Personen mit US-Abschluss in Europa, ein Drittel davon in London. Und die EU-Kommission will mit ihrer Startup-Strategie „Choose Europe to Start and Scale“ und einer europaweiten Rechtsform EU Inc verhindern, dass Startups für ihr Wachstum in Drittländer abwandern.
Wie Cherry Ventures gezählt hat
Die Daten stammen aus dem eigenen Dealflow von Cherry Ventures und wurden mit Crunchbase, Dealroom, Harmonic und Evertrace abgeglichen. Berücksichtigt wurden nur Firmen, die höchstens 18 Monate alt sind und maximal eine institutionelle Finanzierungsrunde hinter sich haben. Das schränkt die Aussagekraft ein: Viele Solo-Gründungen dürften später noch Mitgründer:innen dazuholen, und wer nicht im Dealflow eines VCs auftaucht, fehlt in der Statistik.

