Inflation springt auf 3,3 Prozent, Zinserhöhung in Eurozone gilt als wahrscheinlich
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Der Preisdruck im Euroraum hat sich im August spürbar verstärkt. Waren und Dienstleistungen kosteten im Schnitt 3,3 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, im Juli waren es noch 2,9 Prozent. Das geht aus einer ersten Schätzung des EU-Statistikamts Eurostat hervor, die soeben veröffentlicht wurde. Die Zahl liegt damit deutlich über dem Zielwert der Europäischen Zentralbank von 2,0 Prozent. Von Reuters befragte Ökonom:innen hatten genau diese Rate erwartet, Schätzungen der Landesbanken LBBW und Helaba lagen klar darunter.
Für die Geldpolitik ist die Richtung damit vorgezeichnet: Eine Zinserhöhung der EZB in der kommenden Woche gilt als sehr wahrscheinlich. Vincent Starmer, Experte der Commerzbank, hält den Schritt nach den neuen Preisdaten für sicher. Auch KfW-Ökonomin Stephanie Schönwald sagt: „Für die EZB dürfte der Befund ausreichen, um im September einen weiteren Zinsschritt nach oben zu gehen.“ An den Märkten wird fest damit gerechnet, dass der Leitzins auf 2,5 Prozent steigt. Der EZB-Rat entscheidet am kommenden Donnerstag und legt zeitgleich neue Projektionen für Inflation und Wachstum vor.
Energie treibt, Dienstleistungen bremsen
Der mit Abstand stärkste Treiber bleibt die Energie. Sie verteuerte sich im August um 14,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr, der Druck hat hier noch einmal zugenommen. Industriegüter legten um 1,2 Prozent zu.
Bei Dienstleistungen entspannte sich die Lage dagegen leicht, von 3,3 auf 3,0 Prozent. Deshalb ging die Kerninflation ohne schwankungsanfällige Posten wie Energie und Lebensmittel sogar leicht zurück, auf 2,4 Prozent. Genau diese Spaltung macht die Entscheidung heikel: Der Kern kühlt ab, die Gesamtrate läuft davon.
In Österreich zeigt sich dasselbe Muster. Laut Schnellschätzung der Statistik Austria kletterte die Inflation im August auf 3,2 Prozent, nach 2,8 Prozent im Juli. Gegenüber dem Vormonat legten die Preise um 0,6 Prozent zu. Vor allem Treibstoff und Heizöl schoben die Rate wieder nach oben, Energie insgesamt kostete zehn Prozent mehr als im Vorjahr.
Der wichtigste Treiber waren allerdings die Dienstleistungen mit einem Plus von 4,3 Prozent, weil sie im Warenkorb weit stärker ins Gewicht fallen. Bei Nahrungsmitteln, Tabak und Alkohol fiel der Anstieg mit 0,2 Prozent gering aus, hier wirkt die seit Anfang Juli gesenkte Mehrwertsteuer auf bestimmte Grundnahrungsmittel dämpfend. Die Kerninflation lag bei 3,0 Prozent, der für europäische Vergleiche berechnete harmonisierte Index bei 2,9 Prozent.
Notenbanker:innen bringen sich in Stellung
Mehrere Währungshüter:innen haben zuletzt eine Präferenz für höhere Zinsen erkennen lassen, unter anderem die deutsche EZB-Direktorin Isabel Schnabel, die öffentlich eine Zinserhöhung im September forderte. Österreichs Nationalbank-Chef Martin Kocher betonte soeben, die Aufwärtsrisiken für die Inflation seien zuletzt wieder gestiegen. „Sollte sich dieses Bild in der nächsten EZB-Prognose bestätigen, halte ich eine weitere Zinserhöhung in naher Zukunft für notwendig“, sagte Kocher.
Die Zinsaussicht schlägt bereits auf die Anleihemärkte durch. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen lag am Vormittag bei 3,36 Prozent, ein Plus von vier Basispunkten und ein neues 15-Jahres-Hoch. Auch in anderen Volkswirtschaften ziehen die Renditen an. Für Start-ups und Tech-Unternehmen bedeutet das: Fremdkapital wird erneut teurer, und die Bewertungslogik von Wachstumsfirmen steht wieder unter Druck.
Ein Angebotsschock, kein Nachfrageboom
Warum die EZB trotz einer Rate von 3,3 Prozent bisher vergleichsweise behutsam vorgeht, hat sie in einem soeben erschienenen Blogbeitrag selbst erklärt. Die Ökonom:innen Kristina Barauskaitė Griškevičienė und Claus Brand zeigen darin, dass der aktuelle Schub fast vollständig auf Energie-Angebotsschocks zurückgeht, ausgelöst durch den Krieg im Nahen Osten und die Sperre der Straße von Hormus. Zwischen Jänner und Mai stieg die Gesamtrate von 1,7 auf 3,2 Prozent, Geld- und Fiskalpolitik wirkten dabei sogar leicht dämpfend.
Das unterscheidet die Lage vom Inflationsschub der Jahre 2021 und 2022, als Lieferkettenprobleme, Nachholnachfrage nach den Lockdowns, Energiepreise sowie expansive Geld- und Fiskalpolitik zusammenkamen. Damals reagierte die EZB mit schnellen und großen Schritten. Angebotsschocks drücken Inflation und Wirtschaftsleistung dagegen in entgegengesetzte Richtungen, was eine abgewogenere Reaktion nahelegt.
Interessant für die Tech-Branche: Einen Nachfrageschub durch KI-Investitionen können die Autor:innen für den Euroraum gesamt bislang nicht nachweisen. In einzelnen Ländern oder Sektoren könnte es solche Effekte geben, in den Aggregatdaten tauchen sie noch nicht auf.
Die EZB hatte das Zinsniveau im Frühsommer erstmals seit drei Jahren wieder angehoben und danach eine Pause eingelegt. Sie will verhindern, dass sich der durch den Irankrieg ausgelöste Energiepreisschock in der Breite der Wirtschaft festsetzt und über Löhne und Dienstleistungspreise dauerhaft wird. Die neuen Projektionen am Donnerstag werden zeigen, wie hartnäckig die Notenbank die Teuerung selbst einschätzt.

